Rap ist wie Unkraut. Er wächst in ungepflegten Gegenden am besten. Nun ist die Schweiz doch eher ein gejätetes Stück Land. Natürlich Bümpliz, Kleinbasel, Seebach. Aber selbst von dort ist es ein weiter Weg nach Compton und in die Bronx. Und Solothurn, wo Manuel Liniger alias Manillio herkommt, ist auch innerhalb des gepflegten Kleingartens Schweiz noch ein ruhiger Ecken.

Kein Problem für Manuel Liniger. Er hat wie kein zweiter Schweizer Rapper Inspiration in der wattierten Realität der Schweiz gefunden. Während sich die aktuelle Speerspitze des Schweizer Rap auf der Suche nach Themen mangels aktiv erlebter Ungerechtigkeit entweder in die nationalen oder globalen Missstände (Tommy Vercetti, Greis) oder in die eigene Überlegenheit (Mimiks) flüchtet, hat Manillio seine ganz eigene Nische gefunden. Als Dokumentarist des Zeitgeistes. Auf seinem dritten Album «Kryptonit» sagt er Sätze wie: «Me redet über Bizepsgränze i Fitnesszäntre aus Usglich zum Bürojob / findet sich im Grossrumyoga schickt si Schosshund zumne Psycholog» (Monbijou). Es sind Piktogramme des Alltags. Sein drittes Album «Kryptonit» trifft die Lebenswelt einer ganzen Generation, die irgendwo zwischen asozialen Netzwerken, sozialem Druck und Sporthobbys nach einem kleinen Flecken Wahrhaftigkeit sucht.

Weltprobleme, gewiss. Aber auch das sind Probleme. Und dank Manillio weiss man nun, dass sich darüber auf Schweizerdeutsch rappen lässt. Und zwar verdammt gut. «Kryptonit» ist das Werk eines vorsichtig optimistischen Melancholikers. Liniger hat zu tragen, weil «S Läbe isch es Gedicht wo sich schlächt riimt», aber nicht so schwer, als dass es ihn erdrücken würde. Darum klingt er so, wie er klingt.

Liniger sitzt in einem Café in Zürich West und spricht leise. Fast alles an ihm widerstrebt gängigen Rapper-Klischees. «Ich will Rap machen, für den ich mich nicht schämen muss», sagt er. Einfach ist das nicht. Nicht dass Schweizer Rap grundsätzlich peinlich wäre, aber im Mai wird Liniger 29. Ab 30 wird es für Rapper hierzulande schwer. Geld lässt sich mit der Musik nur schwer verdienen, solange man sich nicht musikalisch service-«publiggisiert». Und irgendwann beginnt sich dann die eigene Lebenswelt vom Soziotop Rap zu entfernen. Alt im Rap werden meist nur jene Künstler, die sich inhaltlich über die rein testosterongesteuerte Wettbewerbslust hinausdenken. Penisvergleiche werden mit Familie und Job schwerer vermittelbar.

Liniger geht einen anderen Weg. Er versucht musikalisch ganz bewusst, etwas zu schaffen, das Bestand hat, und verzichtet dabei auf die gängigen Mode-Erscheinungen. Seien es die aktuellste Mode-Anglizismen oder die Imitation der neusten musikalischen Trends aus den Staaten.

Manillios Entwicklung ist gradlinig. Als er 2009 sein erstes Album «Jede Tag Superstar» veröffentlichte, wusste die ganze Schweizer Rap-Szene, da ist eine Ausnahmeerscheinung aufgetaucht. Rappen können auch in der Schweiz viele, aber keiner liebt jede einzelne Silbe so wie Liniger. Er kann sie dehnen, ziehen und ausspucken. Als er begann, sei es ihm vor allem darum gegangen, zu zeigen, dass er einen Plattenvertrag verdiene, sagt Manillio. Es ist das Sich-beweisen-Wollen, ohne das kein Rapper auskommt. «Diesen Geltungsdrang habe ich immer noch», sagt er. Aber Manillio entwickelte sich weiter. Sehr schnell. Zu einem Songschreiber, der nicht mehr nur nach der komplexesten Zeile, nach dem besten Wortspiel sucht, sondern eben nach Songs.

Das zweite Album «Irgendwo», das 2013 erschien, gilt als Meilenstein. Sein Talent fiel auf, auch ausserhalb des Rap-Zirkels. Büne Huber ist mit Liniger befreundet. Und auch Reeto von Gunten, der SRF-3-Radio-Guru, dessen Denkwerkstatt und Autorenagentur Atelieer zum Sammelbecken für die angesagtesten Kids unter den Deutschschweizer Wortakrobaten wurde. Lo von Lo & Leduc, Gülsha Adilji, Kathrin Hönegger und eben Manillio. Liniger habe eine sehr fragile Weltwahrnehmung, damit hebe er sich von den meisten anderen Schweizer Rappern ab, sagt von Gunten. «Manillio bricht das Dogmatische im Schweizer Rap auf, mit seiner sensiblen, zerbrechlichen Art Geschichten zu erzählen.» Er habe immer diese Liebe zur Sprache gehabt, sagt Liniger. Er hat sie von seinem Vater, einem Journalisten, der seinen Sohn mit dem Besuch eines Freundeskreis-Konzerts an Rap heranführte. Sein Vater verstarb, als Manuel Liniger 13 war. Seine Musik hat der Vater nie gehört.

Der Tod seines Vaters hat Liniger früh erwachsen werden lassen. Er ist ein ernster Künstler. Und einer, der es ernst meint mit seiner Kunst. Vor drei Jahren hat er seinen Job gekündigt und lebt seither von der Musik. Mal besser, mal schlechter. Linigers Problem, sagt er selber, ist «dass ich etwas naiv bin. Ich weiss nicht, wie gesund es ist, aber ich habe immer das Gefühl, dass es dann schon irgendwie geht.» Diese Kompromisslosigkeit hat auch zu Konflikten geführt. Insbesondere in der Schweizer Rap-Kombo Eldorado FM, der Manillio angehört und die den Schweizer Rap in den letzten acht Jahren entscheidend geformt hat. Liniger ist in der vierköpfigen Crew (Tommy Vercetti, Dezmond Dez, CBN, Manillio) der Einzige, der kompromisslos auf Musik setzt. Noch ist unklar, ob und wann es eine nächste Eldorado-FM-Platte gibt. Erst einmal kommt jetzt die Zeit Manillios. Sein Album erscheint beim grossen Label Universal. Und die Platte ist ein Wagnis. Denn Manillio passt sich dem Publikum nicht an. Aber wie rappt er doch selbst: «Wie wot me öppis gseh weme nie usem Fänschter lehnt?»

Manillio, Kryptonit. Universal. Erscheint am 15. 4. Live: 16. 4. m4music Zürich; 29. 4. Bierhübeli Bern; 14. 5. Schüür Luzern; 28. 5. KiFF Jubiläum Aarau.

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