«Ich verfolge Putins Politik mit Entsetzen»

Gidon Kremer ist bald mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester in Japan, dann kommt er nach Luzern. Foto: Kasskara/ECM Records

Gidon Kremer ist bald mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester in Japan, dann kommt er nach Luzern. Foto: Kasskara/ECM Records

Die Geigenlegende Gidon Kremer hadert mit dem Klassikbetrieb, ist aber nach wie vor unermüdlich im Erarbeiten neuer Werke. Seine Kritik an Russland ist scharf und macht vor der Schweiz nicht halt.

Gidon Kremer, wissen Sie, was mich ein Bekannter fragte, als ich ihn zu Ihrem Zürcher Konzert einlud?
Gidon Kremer: Welche Kadenzen spielt er?

Schön wärs. «Spielt der noch?», wars.
Ich kann das noch toppen. Im Internet stolperte ich über einen Chat, wo eine Musikliebhaberin schrieb: «Kremer kommt im Mai in unsere Stadt!» Da antwortete die andere: «Lebt er denn noch?»

Könnte es sein, dass Ihnen die Frage «Spielt er noch?» gefällt?
Das klingt makaber – allerdings in einem lustigen Sinn. Die Frage erinnert mich an ein Gespräch mit dem Komponisten Luigi Nono, als er mich fragte: «Sag mal, Gidon, hast du schon mal absichtlich schlecht gespielt? Absichtlich, damit du weisst, wie blöd die Leute sind, die nachher zum Gratulieren ins Künstlerzimmer kommen?»

Ich hoffe für mich, dass Sie mit Nein geantwortet haben.
(Lächelt) Die Bühne ist da, um ehrlich zu sein. Sie erträgt keine Spielchen, keine Oberfläche.

Sind Sie nach wie vor gespannt, wie das Publikum auf Ihr Spiel reagiert?
Nein, «gespannt» ist das falsche Wort. Ich nutze die Möglichkeit, mit meinen Programmen und meinem Spiel etwas zu sagen. Aber ich bin nicht vom Publikum oder vom Erfolg abhängig, wenn ich an eine Sache glaube.

Beginnt da nicht die Gleichgültigkeit?
Nein, bestimmt nicht. Wenn sich jemand negativ darüber auslässt, was mir wichtig ist, schmerzt es mich nach wie vor. Kritik kann durchaus produktiv sein, aber unlängst stiess ich auf einen wirklich bösen Kritiker. Es ging um ein Konzert, bei dem wir an den damals noch inhaftierten Michail Chodorkowski erinnerten. Der Kritiker schrieb, er würde den Komponisten eines bestimmten Werkes mit Chodorkowski austauschen. Das ist unheimlich böse.

«Dem Geschmack des Publikums vertrauen kann man nur, solange die Lust am Glücksspiel grösser ist als der Wunsch, Gutes zu bewirken», heisst es in Ihrem neuen Buch. Müssten Sie nicht so konsequent wie Glenn Gould sein und sagen: Ich trete nicht mehr auf, ich feile lieber in irgendeinem Keller an meinen CD-Interpretationen.
Nein, so denke ich noch nicht. Aber es kann sein, dass der Augenblick noch kommt. Ich wünsche mir sehr oft eine Pause. Gerade heute Morgen, als ich mich nicht wohlfühlte, fragte ich mich beim Blick aus dem Hotelfenster: Was soll das alles? Warum soll ich mich quälen? Auf die Bremse zu treten, hiesse aber nicht, vom Publikum Abstand zu nehmen. Es würde bedeuten, die Tätigkeit einzuschränken. Gould stand konsequent hinter seinen Entscheidungen, davor kann ich mich nur verbeugen. Viele andere Künstler imitieren die anderen – vor allem die Jungen: Anstelle einer Interpretation bringen sie bloss eine Imitation zustande.

Ich war im Dezember beim Meisterkurs des legendären Geigenpädagogen Zakhar Bron. Wie Sie war auch Bron ein Schüler von David Oistrach. Bisweilen hatte ich leider das Gefühl, dass dort Bron-Klone ausgebildet werden.
Gut, bringen Sie und nicht ich das Wort Klon ins Gespräch. Mich befremden Klone sehr – Oistrach hat sie nie angestrebt. Der Herr eines Systems glaubt nun mal, Herr der Lage zu sein, er meint, das System müsse nach seinem Willen funktionieren. Das ist nichts anderes als ein Diktator. Das haben wir ausserhalb der Musik heutzutage vielerorts – in Russland ganz besonders. Es wundert mich, dass die Welt so viele Jahre brauchte, um das wahrzunehmen. Sie will es ja jetzt immer noch nicht wahrnehmen.

Sie kritisieren Russland schon lange, organisierten zum Jahrestag der Ermordung der Journalistin und Regierungskritikerin Anna Politkowskaja ein Konzert, riefen zur Solidarität mit dem russischen Volk in seinem Kampf um Menschenrechte auf. «To Russia with Love» hiess der Abend. Sie machen das aus Liebe zu Russland?
Natürlich! Es gab und gibt eine wunderbare russische Kultur, es wird sie immer geben – und das Land ist voller wunderbarer Menschen. Leute, die ähnlich denken wie ich. Diese Leute sehen Sie allerdings nicht im Fernsehen.

Sie sind in Lettland aufgewachsen. Alvis Hermanis, der lettische Regisseur, hat diese Tage aus Protest seine Auftritte in Moskau abgesagt. Können Sie ihn verstehen?
Ich antworte indirekt. Vor einigen Jahren wollte ich die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili dazu verführen, mit mir nach Russland zu fahren und dort Konzerte zu geben. Sie aber lehnte strikt ab, sagte: «Nein, nach dem Georgien-Krieg und allem, was da passiert ist, gehe ich nicht nach Russland.» Ich als liberaler Geist respektierte ihre Meinung zwar, argumentierte aber dagegen: «Du spielst doch für andere Leute, du machst Musik, das hat nichts mit Politik zu tun!» Aber ich dachte nicht als Georgier. Heute verstehe ich Khatia, ohne dass ich hier jetzt grosse Statements abgebe. Aber ich lese mit Entsetzen Interviews von anderen Künstlern, die das Vorhaben von Herrn Putin unterstützen.

Valery Gergiev, Anna Netrebko, Yuri Bashmet . . .
Ich muss keine Namen nennen. Ich habe jedenfalls still von einem russischen Festival Abstand genommen, das im Dezember stattfindet. Ich bin zwar kein Russe, obwohl ich den Grossteil meines Lebens russisch gesprochen habe, aber die russische Kultur ist mir sehr wichtig. Die russische Politik hingegen verfolge ich mit Entsetzen. Und wenn ich ausgerechnet heute beim Eintreffen in der Schweiz in einer Schweizer Zeitung die Schlagzeile «Die Schweizer Justiz hilft Putin, Russland blockt Anfragen ab» lese, dann denke ich: Ich bin im falschen Land angekommen! Damit will ich auch nichts zu tun haben. Wie kann in der Schweiz, die wohlhabend und gerecht über viele Jahre ohne Krieg lebte, so etwas auf der Frontseite stehen? Da stimmt etwas nicht mehr in der Welt.

Im Mai kommen Sie nach Luzern ans Festival «Zaubersee». Ein Festival der russischen Musik, zum grössten Teil von Russen bezahlt.
Gut, dass Sie mir das sagen, ich werde mir dazu meine Gedanken machen, auch wenn ich den Intendanten Numa Bischof Ullmann sehr schätze. Ich war vor kurzem in Frankreich bei einem Festival, das von Russen gesponsert war. Ich habe mich dort sehr unwohl gefühlt.

Zurück zur Musik: Sie kritisieren junge Künstler, die vom Markt gelenkt werden, schrieben, dass es eine «Krankheit sei, die uns alle angreift und unmerklich vergiftet». Glauben Sie nicht, dass man selbst bei einem Konzert in einem Stadion Spass haben kann?
Das Publikum kann an einer gut aussehenden Geigerin enormen Spass haben – der Spass ist heute Programm, sonst hätten wir nicht so viele glamouröse Zeitschriften. Das verkauft sich sehr gut, die Leute geniessen das Glatte und das Reizende. Dieses Schöne ist aber oft nur eine Oberfläche. Es geht bei einem wahren Künstler ja nicht darum, wie er sich schminkt, ob er hohe Absätze anhat oder ob er ohne Schuhe spielt. Es geht darum, was er zu sagen hat. Diese Aussage bleibt aber oft auf der Strecke, weil das Publikum gar nicht immer fähig ist, darauf einzugehen, weder auf das Werk noch auf die Interpretation.

Halb nicke ich zustimmend, halb sage ich: Kremer ist verbittert.
Wenn ich kritisch über die Jugend spreche, will ich wirklich nicht als greiser Musiker, der das Nest beschmutzt, in dem er aufgewachsen ist, wahrgenommen werden. Es gibt Musiker, die ihren Weg gehen – an denen habe ich grosse Freude. Aber es gibt viele junge Künstler, die vom Markt animiert werden, sich selber zu verkaufen. Sie werden animiert, erfolgreich zu sein, animiert, das zu spielen, was gefragt ist, animiert, so auszusehen, wie es der Masse gefällt, animiert, viel Umsatz zu generieren.

Ein junger Künstler will Wettbewerbe gewinnen, will in die Carnegie Hall, will nach Salzburg . . .
. . . ich wollte das alles auch.

. . . und er will nach den 100 000 Stunden Fingerübungen auch ein Haus am Meer. Ist das nicht einfach gesunder Kapitalismus?
Ich denke diese Wochen leider zu oft an den schlimmen Kapitalismus, den die Welt im Umgang mit Russland zurzeit zeigt. Es ist schamlos, dass man über Jahrzehnte seine eigene Politik so aufbaute, dass das Einkommen – das Haus am Meer! – wichtiger ist als ethische Werte und die Freiheit. Man verdrängte alles zugunsten des Einkommens. Ich empfinde diese Haltung als Verrat am Wesen des Menschen und an der Gesellschaft. Und nun sind wir alle ökonomisch von Russland abhängig. Aber auch einen Künstler, der daran denkt, vor allem erfolgreich sein zu wollen, um grosse Honorare zu ernten und ein bequemes Leben zu führen, empfinde ich als einen Verrat an der Sache, an seiner Berufung. Ich sage aber nicht, dass das nicht menschlich ist. Ich suche selbst bisweilen Bequemlichkeit.

Predigen Sie als reicher Star da nicht den Kommunismus in der Musik? Wir sitzen hier auch in einem 5-Sterne-Hotel, etwas böse gesagt.
Der utopische Kommunismus hat nichts Böses an sich. Aber die Menschen können nicht alle gleich sein. Sie sind langsam oder schnell, begabt oder unbegabt. Das Leben ist nicht gerecht. Insofern predige ich keinen Kommunismus. Ich predige, dass man Erbarmen empfinden muss, dem anderen Freiheit gönnt, sich nicht umbringt und dass man in Wahrheit lebt. Das klingt pathetisch, gewiss. Aber ein Künstler, der anstrebt, reich zu werden, nur damit er im Komfort leben kann, ist mir einfach fremd. Ich beschimpfe aber niemanden. «He is so much out, that he is already in» – «Er ist so out, dass er schon wieder in ist», hiess es einmal in einer amerikanischen Zeitung über mich. Ich habe mich nie um einen Namen bemüht, auch wenn ich als junger ambitionierter Geiger versuchte, Wettbewerbe zu gewinnen und ich jenes Repertoire spielte, das von mir erwartet wurde. Heute vermittle ich Musik, die ich liebe, an die ich glaube. Und ich lasse mir nicht einreden, was sich besser verkauft.

Letzte Woche spielte die Ihnen bestens bekannte Khatia Buniathisvili auf Eis, trat im Zürcher Hallenstadion bei der Show «Art on Ice» auf. Schlimm?
Khatia ist ein reizendes Wesen – und eine sehr begabte Pianistin. Sie ist auf der Suche nach ihrem Weg, ich hoffe, dass ein Spiel auf dem Eis nur ein kleiner Umweg ist. Es ist nicht der einzige Fauxpas, den sie gemacht hat. Aber ich habe Respekt vor Leuten, die experimentieren, die etwas ausprobieren und andere Werte sehen als ich. Und wenn sich die neue Generation daran berauscht, in einem Eisstadion zu spielen oder sich auszuziehen? Naja. Es gibt die Gefahr, jetzt sind wir bei Wittgenstein gelandet, auf eine Sprache einzugehen, die Gewalt predigt oder die unsere Kapazität des Denkens einschränkt. Und wie sie in der Geschichte sehen: Populismus kann sehr anziehend sein. Die Gefahr des Populismus ist in deutschsprachigen Ländern genauso bekannt wie in Russland.

Populismus in der Musik?
Durchaus. Ein Klavier auf dem Eis? 62 Klaviere auf der Bühne, wie bei der Eröffnung bei der Olympiade? Das ist ein populistisches Denken, das hat mit der Aussage einer Künstlerin wie Kathleen Ferrier nichts zu tun.

Auch Sie waren verführbar, haben einen Teil Ihrer Gemeinde erschreckt, als Sie sich dem Tango widmeten.
Das ist ein Missverständnis. Ich spiele nie Tango, ich spielte Musik von Astor Piazzolla. Er hat sich selber vom traditionellen Tango entfernt, wofür er beschimpft wurde. Es ist kein Zufall, dass ich Piazzolla oft mit Schubert verglichen habe. Meine Kollegen dachten, ich spinne. Ich glaube weiterhin an Persönlichkeiten, und Piazzolla war sicher eine bedeutende.

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