«Ich schreibe über eine seltsame Welt»

«Mein Ziel ist es nicht, Bücher zu schreiben, die man nur zum Vergnügen ‹wegliest›»: Schriftsteller Rolf Lappert. Foto: Chris Iseli

«Mein Ziel ist es nicht, Bücher zu schreiben, die man nur zum Vergnügen ‹wegliest›»: Schriftsteller Rolf Lappert. Foto: Chris Iseli

Rolf Lappert über Bootsflüchtlinge, belanglose Bücher und den Schweizer Buchpreis

Von Anna Kardos

Ans Meeresufer geschwemmte Flüchtlingsboote, Gepäck, Kleider: Seit Wochen sieht man die Bilder Ihres Romans über den Bildschirm flackern.
Rolf Lappert: Ja es hat eine schreckliche Aktualität. Ich habe mit dem Buch «Über den Winter» vor vier Jahren begonnen. Damals waren es noch vereinzelte Flüchtlinge oder ihre Habseligkeiten, die an den Stränden angeschwemmt wurden.

Ihr Protagonist, der Künstler Lennard Salm, findet eines Tages am Strand ein ertrunkenes Baby. Er will den toten Säugling der Polizei melden, dann aus den angeschwemmten Dingen eine Installation machen. Nichts von alldem geschieht. Das Erlebnis führt nicht in eine Aktion, sondern …
… in eine Stagnation.

Ein Spiegel unserer Ratlosigkeit?
… und Hilflosigkeit, ja. Während sein Freund und Mäzen das Projekt weiterentwickelt, empfindet es Salm selber als zusehends sinnlos – obwohl ein Kunstprojekt immerhin den Versuch unternehmen würde, ein Bewusstsein zu schaffen für die Tragödie, die sich abspielt, jeden Tag. Aber als Salm das konkret durchdenkt: Wie er die angeschwemmten Kleidungsstücke und anderen Besitztümer der Ertrunkenen in einem Raum ausstellt und das Publikum mit Champagnergläsern davor steht, sieht er die Installation plötzlich als pietätlos an, als für ihn unmachbar. Es ist der Auslöser dafür, seine Rolle als Künstler zu überdenken.

Der grösste Flüchtling im Buch ist gewissermassen Protagonist Lennard Salm, wenn auch im übertragenen Sinn.
Er flüchtet vor seiner eigenen Vergangenheit, vor Verantwortung – irgendwie flüchtet er sogar vor seiner Zukunft. Jahrelang hat er sich gedrückt, wenn man sich um den Vater kümmern musste, war immer unterwegs, immer beschäftigt mit neuen Projekten.

Und jetzt flüchtet er vor dem Künstlerberuf. Wollten Sie auch schon angesichts der Welt die Literatur an den Nagel hängen?
Einer der Auslöser für dieses Buch war ein Erlebnis: Ich ging zu einer Ausstellungseröffnung in einer deutschen Grossstadt, die Stimmung war entspannt, alle haben etwas getrunken und über die ausgestellten Werke geplaudert. Als ich auf die Strasse schaute, sah ich einen Mann, der die Abfalleimer nach Pfandflaschen durchsuchte. Er war vielleicht sechzig oder siebzig Jahre alt, ganz normal gekleidet, wahrscheinlich hatte er früher Arbeit, ein geregeltes Einkommen. Und ein paar Meter entfernt waren wir, die sich bei Champagner über Kunst unterhielten. Eine seltsame Welt, dachte ich, eine Welt, mit der etwas nicht stimmt. Über diese aus den Fugen geratene Welt will ich schreiben. Die Antwort auf die Frage lautet also: Ja, ans Aufhören gedacht habe ich öfters, aber ich werde wohl noch eine Weile weiterschreiben.

Empfanden Sie die Kunst damals plötzlich als Parallelwelt?
Im besten Fall ist die Kunstwelt keine Parallelwelt, sondern eine, die mit der normalen Welt und dem Alltagsleben korrespondiert. Oft sehe ich allerdings Bilder, die ich ähnlich schon gesehen habe; auch bei Büchern gibt es viel Belangloses, Lesefutter ohne jeglichen Anspruch. Trotzdem wird aus vielen Kunstwerken eine grosse Sache gemacht. Ich denke: Wenn Literatur, wenn Kunst, dann soll sie einen Bezug schaffen zu unserem Leben. Sie muss nicht unbedingt ein aktuelles Problem behandeln, das nicht. Aber sie muss relevant sein, die Leute auch mal verstören oder wütend machen. Nur zu gefallen, ist nicht Aufgabe der Kunst.

Auch nicht die Ihrer Bücher?
Mein Ziel ist es nicht, Bücher zu schreiben, die man nur zum Vergnügen «wegliest», sie konsumiert und gleich wieder vergisst. Ein Buch muss mehr können, muss etwas auslösen. Mein neuer Roman stellt zum Beispiel Fragen: Was ist Familie, Freundschaft, Liebe? Was soll Kunst? Sind wir Individuen oder Teil einer Gemeinschaft? Wie geht man um mit alten Menschen? Letzteres beschäftigt mich mit meinen über achtzigjährigen Eltern natürlich persönlich. Und es wird in unserer westlichen Gesellschaft immer mehr zu einem wichtigen Thema.

Werden Ihre Bücher deshalb so oft ausgezeichnet? Sie waren 2008 Gewinner des Schweizer Buchpreises und auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Auch Ihr neuer Roman ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Da müsste man die jeweilige Jury fragen. Das ist abhängig von deren Lesegeschmack. In diesem Buch gibt es viel Unspektakuläres, Stilles, flüchtige Begegnungen, das In-diese-Familie-Hineingehen, zwei Geschwister über mehrere Seiten in einem Zimmer sitzen und reden zu lassen. Mir gefällt so was, aber auch sonst jemandem? Da ist es eine schöne Anerkennung, wenn gerade dieses Buch für die Longlist ausgewählt wird.

Aber es gibt eben auch das Element der Bootsflüchtlinge. Wurde Ihre Fiktion da von der Realität überrollt?
Die Flüchtlingsströme haben in den letzten vier Jahren unfassbar zugenommen. Damals dachte ich, die Menschen, die ertrunken sind, seien tragischer Anlass genug, dass etwas unternommen wird. Aber in meinen Augen hat die Politik in Europa bisher versagt, und ich hoffe sehr, dass die Versäumnisse nachgeholt werden.

In welche Richtung würden Sie eine Lösung suchen?
Eher: in welche Richtung nicht. Was die SVP zum Teil hat verlautbaren lassen, darf nicht zum Kanon werden.

Dass man die Probleme im Ursprungsland lösen soll?
Ich denke eher an die Abschottungsparolen. Dass man in den Ursprungsländern Entwicklungsarbeit leistet, leuchtet ein. Aber es gibt Leute, die man aufnehmen muss. Etwa Menschen aus Syrien. Das erinnert mich an die vielen Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs, die man an der Schweizer Grenze abgewiesen hat. Diesen Fehler sollte unser Land nicht wiederholen. Auch die jungen Männer aus Eritrea sind an Leib und Leben gefährdet, sie werden eingezogen, ein Leben lang in die Armee gesteckt und in einem sinnlosen Krieg verheizt.

Immer öfter hört man, wir Europäer hätten jahrzehntelang von Afrika profitiert, es sei Zeit, etwas zurückzugeben. Müssen wir lernen, mit weniger zu leben?
Ich glaube nicht, dass wir uns stark einschränken müssten, um faire Lebensbedingungen zu schaffen auf dieser Welt. Aber wir müssten damit aufhören, Drittweltländer auszubeuten. Um ein triviales Beispiel zu nennen: Die Bananen nicht spottbillig dort kaufen, wo man wissen muss: Der Pflücker bekommt kaum noch einen Lohn, von dem er leben kann. Die Schweiz hat eine lange humanitäre Tradition. Wir müssen nicht lernen, fair zu sein. Wir müssen es nur tun. Und es muss sich eine Mentalität wieder stärker herausbilden, die das auch laut und deutlich sagt, lauter als die rechten Parolen. Solidarität und Humanismus sollten wir als Säulen unserer Demokratie und Gesellschaft begreifen.

Rolf Lappert: «Über den Winter». Hanser, 382 S., Fr. 31.90.

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