«Ich habe immer unheimliches Lampenfieber»

Jane Birkin: «Ich glaube, das ist der allererste Preis, den ich je für die Schauspielerei erhalten habe.» Foto: Keystone

Jane Birkin: «Ich glaube, das ist der allererste Preis, den ich je für die Schauspielerei erhalten habe.» Foto: Keystone

Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin spricht am Filmfestival Locarno über ihre Liebeslieder mit Serge Gainsbourg, fehlenden Mut und ihren überraschenden Auftritt in einem Schweizer Kurzfilm.

Jane Birkin ist in Locarno, um einen Preis abzuholen. Der 69-jährigen Britin geht es nicht gut. Die Anreise war beschwerlich, und wie sie dort sitzt . . . bequem sieht anders aus. Jane Birkin war im Spital und ist dort gestürzt und hat sich eine Rippe gebrochen. Man traut sich kaum, sie etwas zu fragen, jedes Wort äussert sie mit sichtlichem Schmerz. Sie spricht leise und ganz sacht, aber sie spricht, und nach einer Weile kommt sie aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.

Jane Birkin, Sie erhalten hier in Locarno eine Auszeichnung für Ihr Lebenswerk. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Jane Birkin: Ich glaube, das ist der allererste Preis, den ich je für die Schauspielerei erhalten habe. Ich erhielt sonst immer Auszeichnungen für mein Singen – aber fürs Kino noch nie. Dieser Preis ist ziemlich nett.

Normalerweise sagen Preisträger ja: Aber ich bin noch gar nicht am Ende meiner Karriere.
Ich denke nicht, dass ich noch viele Filme machen werde. Höchstens, wenn jemand mit einer verrückten Idee kommt. Deshalb weiss ich diesen Leopard von Locarno besonders zu schätzen.

Eine Auszeichnung wie diese ist auch eine Gelegenheit, um zurückzublicken. Was gehört zu Ihren Höhepunkten? Nach Ihnen wurde zum Beispiel eine Tasche benannt.
Ich wollte eigentlich eine Tasche für mich. Meine Kelly-Tasche war mir zu klein, also entwarf ich etwas Grösseres. Erst als ich die neue Tasche abholen ging, fragte mich Monsieur Dumas, der Chef von Hermès, ein charmanter Mann: «Dürfen wir die Tasche nach Ihnen benennen?» Ich war unheimlich stolz.

Tragen Sie heute noch eine Birkin Bag auf sich?
Nein, jetzt ist sie mir zu schwer. Ich falle auch so schon ständig um, so habe ich mir auch meine Rippe gebrochen.

Wenn Sie auf Ihre Filmkarriere zurückblicken, worauf sind Sie stolz?
Ich habe etwa zehn gute Filme gemacht. Von achtzig. Die zwei mit Doillon, die drei mit Rivette, die lustigen wie «The Mustard Goes up My Nose» und «The Onion Race», dann «Daddy Nostalgie» und meine Filme mit Agnès Varda . . . das waren die guten.

Nun spielen Sie in einem Schweizer Kurzfilm mit. In «La femme et le TGV» spielen Sie eine Frau, die einem vorbeifahrenden Lokführer Briefe schreibt. Wie hat der Schweizer Nachwuchsfilmer Timo von Gunten Ihr Vertrauen gewonnen?
Ich konnte ihm nicht sofort vertrauen – ich hatte ja nichts, worauf ich mich stützen konnte. Doch als er mir das Drehbuch schickte, fand ich es einfach verblüffend. Ich spürte, ich wäre in dieser Rolle glaubwürdig.

Die Dame, die Sie im Film spielen, gibt es ja wirklich. Haben Sie sie jemals getroffen?
Ja, sie schaute vorbei, als wir am Drehen waren. Sie war viel hübscher und jünger, als ich mir das ausgemalt hatte. Und sie war verheiratet! (Lacht.) Sie war also nicht diese einsame Frau, die ich mir für meine Filmfigur zusammengereimt hatte. Sie war sogar ganz heiter.

Wie war es, mit einem so jungen Regisseur zusammenzuarbeiten?
Timo steckte mir ständig die Kamera direkt unter mein Kinn. Ich sagte ihm, das sehe bestimmt ganz furchtbar aus. (Lacht.) Er meinte nur: Nein, nein, das käme schon gut. Er ist ein sehr fähiger Regisseur. Und ich liebte es, dem Gleis entlang zu rennen. Ich war krankheitsbedingt seit drei Jahren nicht mehr gerannt. Manchmal tut es gut, bei Filmen zu Sachen gezwungen zu werden. Der Film machte viel Spass.

Im Film schwingt eine grosse Portion Nostalgie mit.
Er erzählt eine altmodische Geschichte. Die Frau und der Lokführer schreiben einander, manchmal schickt er einen Camembert mit. Das ist romantisch. Ein Stück weit ist meine Figur in der Vergangenheit stecken geblieben.

Wie verbunden sind Sie mit Ihrer eigenen Vergangenheit?
Sehr. Die Lieder, die ich singe, sind mindestens 25 Jahre alt. Ich glaube, Serge Gainsbourg schrieb 1968 sein erstes Lied für mich. Wenn ich heute aus seinem Repertoire singe, dann ist das wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Fühlen Sie sich in den Liedern und Erinnerungen geborgen?
Ja. Das Repertoire ist mir heute so vertraut. Darum versuche ich, neue Wege zu finden, diese Lieder zu singen. Auf meiner letzten Tour durch Frankreich sang ich Serges Songtexte ohne Musik. Die Leute reagierten ganz erstaunt, weil zum ersten Mal die Worte in den Vordergrund rückten.

Erinnern Sie sich noch an Ihr allererstes Konzert?
Ich trat in Paris im «Bataclan» auf. Ich hatte mir die Haare kurz geschnitten und Bubenkleider angezogen. Serge fragte mich: «Willst du dich nicht ein bisschen herausputzen?» Ich sagte: «Nein, nein. Ich will, dass das Publikum nur auf die Musik achtet und nicht auf mich.» Und das hat ganz wunderbar geklappt.

Sie lieferten sich mit Serge Gainsbourg auch einige heftige Streitereien in aller Öffentlichkeit. Sie warfen ihm eine Torte ins Gesicht, sprangen in die Seine …
Warum auch nicht? (Lacht)

Sind solche Szenen Ausdruck einer besonders leidenschaftlichen Liebesaffäre?
Ich würde sagen, sie sind Ausdruck eines besonders betrunkenen Zustands.

Um nochmal auf «La femme et le TGV» zu sprechen zu kommen: Was halten Sie eigentlich vom fertigen Film?
Ich habe ihn gar nicht gesehen. Ich mag es nicht, Filme zu schauen, in denen ich mitspiele. Ich würde mich am liebsten aus allen Szenen rausschneiden.

Sprich: Wenn der Film hier in Locarno gezeigt wird, schauen Sie weg?
Ich bin nicht mutig genug, hinzuschauen. Ich mag es einfach nicht, mein Gesicht zu sehen. Und einmal lief im Fernsehen mein Film «L’Ex-femme de ma vie», auf den ich eigentlich sehr stolz bin. Ich musste den Ton runterfahren, weil meine Stimme schrill klang. Das war unerträglich.

Wie ist das denn, wenn Sie singen?
Ich habe immer unheimliches Lampenfieber, wenn ich auf die Bühne gehe. Ich stelle immer einen Eimer neben die Bühne, falls mir schlecht wird. Die ersten fünf bis sechs Songs sind am schlimmsten, aber da muss man einfach durch. Schliesslich habe ich extra dafür geübt. Aber es kann so vieles schiefgehen. Zufrieden bin ich erst, wenn das Konzert vorbei ist. Bis mir einfällt, dass ich am nächsten Tag wieder auf die Bühne muss. Auftritte liegen mir nicht im Blut.

Sie sagen, Sie seien nicht sehr mutig. Ihre Tochter Charlotte Gainsbourg hat viele sehr mutige Filme mit Lars von Trier gedreht. Haben Sie das unter diesem Gesichtspunkt je mit ihr diskutiert? Ist Ihre Tochter mutiger als Sie?
Jede Schauspielerin mag es, gepuscht zu werden, vor allem in besonders dramatischen Szenen. Der Mut meiner Tochter überrascht mich nicht. In meinen Augen ist sie die beste Schauspielerin ihrer Generation.

Beneiden Sie Ihre Tochter, was das angeht?
Man darf verpasste Gelegenheiten nicht bereuen – das ist der Trick. Es ist schön zu sehen, wenn sich jemand erfüllt fühlt. Meine jüngste Tochter Lou (Dillion) hat ein Album aufgenommen und fühlt sich wie neugeboren. Meine Tochter Kate wurde als Fotografin bewundert. Alle französischen Schauspielerinnen wollten von ihr abgelichtet werden, weil sie sie atemberaubend aussehen liess. Was mich besonders freute: Sie hat drei Stunden von Paris entfernt ein Haus gebaut – es heisst heute Kates Haus. Dort werden Alkoholiker und Drogenabhängige behandelt. Das erfüllt mich mit Stolz, so rettet sie auch heute noch Menschen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper

Artboard 1