Das Publikum, dass sich an diesem Sommerabend zur Aufzeichnung der DVD «Lang Lang in Versailles» in einem der unzähligen Säle der Palastanlage eingefunden hat, ist so exklusiv wie der Schaumwein, den die livrierten Kellner hier mit kühler Aufmerksamkeit ausschenken. Ein bunt gemischter Haufen der globalen Ober-oberschicht. Sie sind die Staffage für den neuesten Marketing-Coup des bekanntesten Pianisten der Welt: Lang Lang hat sich entschlossen, die DVD zu seiner neuesten Produktion «Lang Lang in Paris» im Spiegelsaal von Schloss Versailles zu drehen. «Wonderfull idea», flüstert eine asiatische Frau mit Collier.

Ich, der Journalist, habe hier nichts zu suchen. Von Chopin und Tschaikowsky verstehe ich so viel wie vom richtigen Verhalten beim Champagnernachschenken – nämlich nichts, wie mir einer der Livrierten mit einem zischenden «ne bougez pas» zu verstehen gibt, während aus dem Glas klebriger Champagner auf meinen aus der Mode geratenen Anzug tropft.

Das Konzert hört sich fantastisch an. Einen schlechten Lang Lang hätte ich nicht bemerkt. Wie viele seiner Fans auch nicht. Was ich allerdings bemerke, ist, wie sich diese bekannte chinesische Schauspielerin nach dem Konzert in der Gegenwart von Lang Lang wie ein nervöses Schulmädchen verhält. Beim Interviewtermin am nächsten Tag ist Lang Lang ein äusserst entspannter Interview-Partner.

Eine DVD-Aufzeichnung im Spiegelsaal von Louis XIV. Sind Sie der Sonnenkönig der klassischen Musik?
Lang Lang: Als ich das Konzert gespielt habe, dachte ich auch kurz daran. Ein ziemlich cooler Gedanke (lächelt verschmitzt).

Wieso gerade an diesem Ort?
Als ich zum ersten Mal im Spiegelsaal von Versailles stand, war ich überwältigt. Er ist surreal: die Spiegel, die Kronleuchter, der Garten, schockierend schön. Deshalb wollte ich hier unbedingt ein romantisches Repertoire spielen.

Wie wichtig ist die Optik für Sie?
Ich bin ein visueller Mensch. Deshalb habe ich auch begonnen, DVDs zu produzieren. Mit der letzten DVD war ich nicht ganz zufrieden. Ich hätte mir mehr Kameraeinstellungen gewünscht. Also habe ich das Konzert in Versailles dreimal gespielt. Für diese Produktion hatten wir elf Stunden Filmmaterial.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Sie sich in einem Steigerungslauf befinden, was die Extravaganz Ihrer Konzert-Location angeht.
Ich wollte in meiner Karriere zuerst in allen legendären Konzertsälen der Welt spielen: Carnegie Hall, Royal Albert Hall und so weiter. Als ich das erreicht hatte, ging es darum, spezielle Orte für Konzerte zu finden, wie das Schloss Schönbrunn, den Eiffelturm. Und was gibt es Spezielleres, als in der luxuriösesten Stube der Welt zu spielen? Was mir zusätzlich gefiel: Die Atmosphäre war intim.

Wie meinen Sie das?
Grosse Stadien, wie bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking, sind toll. Die Atmosphäre saugt einen auf. Aber die Konzerte, an die ich mich am besten erinnere, auch was mein Spiel anbelangt, sind jene im intimen Rahmen. Du kannst jeden einzelnen Zuhörer spüren. Aber ich geniesse es auch, in ganz anderen Zusammenstellungen zu spielen, zum Beispiel bei den Grammy-Verleihungen mit Metallica oder mit dem grossartigen Pharrell Williams.

Hat Metallica musikalisch irgendetwas mit Chopin oder Tschaikowsky zu tun?
Metallica ist Heavy Metal. Das klingt eher wie Liszt. Oder Bartók.

Sie sagten einmal, «klassische Musik ist für jedermann». Nicht alle Kritiker teilen diese Meinung. Der «Stern» schrieb einst, der grösste Teil Ihrer Fans könne nicht einmal Dur von Moll unterscheiden. Ist Popularität in Ihrer Branche eine Hypothek?
Ich denke, die Welt der klassischen Musik hat sich geöffnet. Sehen Sie sich die CD-Covers früherer Tage an. Nur weisse oder schwarze Krawatten. Man hatte auszusehen, wie ein klassischer Musiker eben aussieht. Heute kann ich aussehen, wie ich will. Natürlich gibt es immer noch Puristen, aber wir leben in einer Social-Media-Welt, in der sich jeder Star auch natürlich zeigt. Die meisten klassischen Musiker, die ich kenne, sind nette, moderne Menschen und keine Nerds, die nur im Frack herumlaufen.

Sie treiben sich als Künstler immer weiter. Die Ideen werden immer extravaganter. Irgendwann erreichen Sie doch den Punkt, wo es nicht mehr weiter geht.
In der Kunst gibt es keine Grenzen. Mein nächstes Album wird musikalisch eher im Pop-Bereich liegen. Seal oder Sting werden darauf singen.

Welche Rolle spielt das Geschäft in Ihrer Kunst?
Eine wichtige. Ich funktioniere wie ein Sportstar oder wie Rapper Jay-Z. Wir suchen immer nach Synergien zwischen unserer Kunst und dem Geschäft.

Suchen Sie Perfektion?
Es geht mir nicht um Perfektion. Perfektion gibt es nicht, und es lohnt sich nicht, nach etwas zu streben, dass es nicht gibt. Ich will einfach das Beste herausholen und liebe es, auf der Bühne zu spielen.

Sie unterrichten in China selbst junge Pianisten. Weshalb?
Talente gibt es nicht nur in der ersten Welt, sondern auch in China und in Entwicklungsländern: in Lateinamerika, Indien und so weiter. Die Talente sind da. Aber es ist einfacher, Talente kaputtzumachen, als sie zu fördern. Deshalb brauchen wir bessere Schulen, bessere Lehrer. Darum geht es mir und meiner Stiftung.

Sie selbst hatten ein sehr angespanntes Verhältnis zu Ihrem Vater, weil er Sie schon als kleines Kind stark unter Druck setzte. War es nötig, so einen Vater zu haben?
Nein, ich denke, es war nicht nötig. Natürlich braucht es jemanden, der hart ist, weil man als Kind schlicht nicht immer üben will. Aber es gibt Grenzen. Es ist wie bei einem Gummi – wenn man zu stark daran zerrt, dann reisst er, oder er federt zurück. Mein Vater und ich haben einige Situationen erlebt, die eskalierten.

Der Star-Dirigent Nikolaus Harnoncourt sagt: Wahre Qualität entsteht in der Nähe der Katastrophe.
Er hat so recht. Man muss riskieren und darf keine Angst haben. Schauen Sie sich Formel-1-Fahrer an. Die sind fast alle gleich gut. Es gewinnt der, der eine Spur mehr Risiko eingeht. Aber es kann dich auch von der Strecke treiben . . . Kunst braucht Opfer, man muss sie in Kauf nehmen.

Apropos Opfer: Sie sind ohne Pause unterwegs. Wo sind Sie zu Hause?
Ich habe drei Häuser. In Peking, in New York und in Paris.

Sie verstehen mich falsch. Ich spreche vom Gefühl «Heimat».
Das Gefühl? (zögert). Ich bin im Herzen Chinese, aber Reisen fühlt sich wie Heimat an. Ich reise seit 18 Jahren permanent. In Paris war ich hundert Mal, in Berlin vielleicht dreihundert Mal.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper