Herr Vetter, Sie spielten gerade in Ihrer eigenen Webserie «Güsel» einen spiessigen Abfalldetektiv. Wie viel Bünzli steckt in Ihnen?
Gabriel Vetter: Ich trug während der Dreharbeiten diesen Schnauz, das Handy am Gurt und die schweren Schuhe aus dem Zivilschutz. Und ich merkte, dass ich unheimlich stark in die Rolle des Narzissten hineinwuchs, der bei seiner Selbstdarstellung an kleinen Details scheitert. Ich musste mich irgendwann fragen: Bin ich in Wirklichkeit diese Person?
Und? Sind Sie es?
Nach reiflicher Überlegung bin ich zum Schluss gekommen: nein. Aber es ist ein Typus, den ich gut kenne – und den wohl viele von uns gut kennen.

Wie erklären Sie sich die grosse Resonanz der Serie?
Ich war davon selber überrascht. Vielleicht wollten die Zuschauer einfach mal wieder eine Schweizer Sitcom sehen – das war «Güsel» zumindest ansatzweise. Und das Thema Abfall ist dankbar. Man kann Müll als Spiegel der Gesellschaft sehen, die ihn produziert. Das ist so simpel, dass ich mich wundere, dass nicht längst jemand darauf gekommen ist.

Sie haben «Güsel» mit einem vergleichsweise kleinen Budget realisiert, neun Folgen für 100 000 Franken. Ein Fall von Selbstausbeutung?
Nein, Selbstausbeutung ist, wenn man in Griechenland lebt, fünf Kinder hat und sie nicht durchbringt. Mir wurde aber bewusst, wie viel eine TV-Produk tion normalerweise kostet. Deshalb finde ich es schwierig, wenn es jetzt heisst: Seht her, eine «online only»-Serie bekommt man auch für wenig Geld hin. Wir wollen kein Lob dafür, dass wir unser ganzes Team in Schaffhausen bei Freunden auf dem Sofa unterbringen und alle möglichen Leute auf Tiefst beträge herunterhandeln mussten, weil unser Budget nicht mehr zuliess.

Sie machen Radio und TV, schreiben Kolumnen und Theaterstücke, aber bekannt geworden sind Sie zunächst durch Bühnenauftritte. Wie fühlt es sich für Sie an, im Scheinwerferlicht zu stehen und angeschaut zu werden?
Erstaunlich angenehm! Kurz vor dem Auftritt habe ich Angst. Aber wenn ich auf die Bühne trete, fühle ich mich meistens zu Hause. Ich habe alles mehr oder weniger unter Kontrolle, die Rollen sind klar. Deswegen bin ich auf der Bühne eigentlich sicherer als sonst im Leben. Es ist ein bisschen wie eine geschützte Werkstatt.

Sie verordnen sich jetzt selber eine Bühnenpause. Warum?
Ich werde diesen Sommer Vater. Weil meine Freundin aus Schweden stammt, ziehen wir für ein halbes Jahr dorthin.

Und beziehen dort einen ausgedehnten Vaterschaftsurlaub nach schwedischem Modell?
Leider nein. Vielleicht hätte ich mir überlegen müssen, ob ich als Wirtschaftsflüchtling aus dem Süden in den Norden ziehen soll. Als einer, der seinem Kind die besten Bedin gungen bieten möchte, im Norden aber den temperamentvollen Süden vermisst.

Viele Ihrer Texte und Programme spielen in der Schweizer Provinz. Was mögen Sie daran?
Sie ermöglicht mir, Abstand zu nehmen und die Dinge von aussen zu beobachten. Ich stamme aus dem Kanton Schaffhausen, und als Schaffhauser ist man ja immer aussendran. Der Schaffhauser definiert sich über das Negative: Er gehört nicht zu Deutschland, nicht zu Zürich, nicht zum Thurgau und schon gar nicht zu St. Gallen.

Ist diese Sehnsucht nach der Provinz typisch schweizerisch?
Klar, das ist die Sehnsucht nach einer Utopie, die es so nie gab und auch nie geben wird. Melancholie und Heimweh bezeichnet man ja auch als die Schweizer Krankheit. Auf diesen Gefühlen baut auch der Schweizer Fremdenverkehr auf, der für die ganze Welt ein Bild der Schweiz als Sehnsuchtsort zeichnet, das sich gut verkaufen lässt. Und mittlerweile glauben wir Schweizer selber, dass es diese utopische Schweiz gibt.

Wie stark ist diese Sehnsucht?
Wie jede Fiktion ist sie sehr mächtig. Das kann dazu führen, dass wir uns in eine falsche Richtung bewegen. Wir sind ja momentan an einem interessanten Punkt: Der Schweizer Mittelstandsmann merkt, dass er nicht der Einzige ist auf der Welt. Da kommen plötzlich Leute aus anderen Ländern, die nicht mehr als Bittsteller auftreten, sondern studiert haben, die zum Teil mehr können als wir selbst. In solchen Situationen zieht man sich gern auf Fiktionen zurück. Zum Beispiel jene von der alleinstehenden Schweiz.

Nach der Premiere von «Biedermann und die Brandstifter» Ende Februar in Basel verlasen zahlreiche Mitarbeiter des Theaters auf der Bühne ein Statement gegen das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative. Sie auch. Warum?
Ich habe mir gut überlegt, ob ich mitmachen will. Aber ich konnte hinter dem Text stehen. Es fällt mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich einmal aus der Bühnenrolle herausschlüpfe, in der sich alles aus sicherer Distanz zynisch kommentieren lässt.

Soll Kunst politisch sein?
Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Politische Kunst birgt eine Gefahr: dass politische Kritik unterhaltsam werden muss. Es gibt den alten Spruch, ich glaube, er ist vom britischen Dramatiker George Bernard Shaw: «Ich dachte, ich wäre schlau, und habe die bittere Kaffeebohne in Zucker gegossen. Aber das Publikum war schlauer, hat den Zucker abgeleckt und die Kaffeebohne weggeworfen.» Das ist das Problem politischer Kunst: dass die politischen Inhalte einer Aufmerksamkeitsökonomie untergeordnet werden. Kürzlich habe ich auf Twitter den Spruch gesehen: «If you want to tell people the truth, make them laugh, otherwise they will kill you.» Da ist etwas dran.

Jemand, der Humor und Politik medienwirksam verbindet, ist der deutsche Satiriker Martin Sonneborn, der gerade ins EU-Parlament gewählt wurde. Was halten Sie von ihm?
Er ist super. Ich mag die komplette Direktheit in dem, was er macht. Weil er dadurch eine grosse Ernsthaftigkeit an den Tag legt und sie zugleich wieder karikiert.

Wo liegen die Grenzen von Humor?
Mir fällt nichts ein, worüber man keine Witze machen dürfte, es gibt da keine Tabus. Aber es kommt darauf an, wie und wann man etwas sagt. In welchem Ton und in welchem Kontext. Man muss immer einen Schritt zurück treten und einen besseren Überblick von der Situation haben als das Publikum. Das klingt zwar grössenwahnsinnig, aber man muss das tun. Sonst funktioniert Humor nicht.

Ein Beispiel, bitte.
Der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät und seine Italienerwitze. Tschäppät machte den Schritt zurück nicht. Er kapierte nicht, dass er in dem Diskurs, in dem er steckt, Rassismus reproduziert. Es war ein alter, kopierter Witz, das ist das eine – schlechtes Handwerk. Zweitens hatte er als sozialdemokratischer Stadtpräsident die hirnverbrannte Idee, xenophobe Stereotype zu benutzen, um Applaus für sich selbst zu generieren. Ich habe mich furchtbar darüber aufgeregt.

Warum?
Es sind solche Stereotypen, mit denen dann Politik gemacht wird. Zum Beispiel, wenn Länder wie Deutschland eine Sparpolitik durchsetzen, die von Vorurteilen über den faulen Südländer lebt.

Da messen Sie solchen Witzen eine grosse Bedeutung zu.
In der Politik erhalten extreme Parteien Stimmen von den Privilegierten, die Angst haben, ihre Pfründen zu verlieren. Beim Humor ist es ähnlich: Es gibt jetzt diese privilegierten Schein-Diskriminierten, die klagen: Warum darf ich nicht mehr Neger sagen? Wieso darf ich mich nicht schwarz anmalen? Warum darf ich nicht normal sein? Das ist Diskriminierung. Wir werden unterdrückt vom Staat, vom Veganer, vom feministischen Gender-Wahnsinn, vom Afrikaner, von blinden Lesben! Das ist absurd.

Sie wurden von SRF schon zensiert, eine Ihrer Radiokolumnen durfte vergangenen Herbst wegen eines satirischen Beitrags über das Flüchtlings drama von Lampedusa nicht wiederholt werden.
Heikel fand ich, dass das nicht von der Satire-Redaktion ausging, sondern von einer übergeordneten Stelle. Das entmachtet die Satire-Redaktion. Ich muss aber auch sagen: Für mich ist es jedes Mal aufs Neue überraschend, dass ich überhaupt bei SRF 1 diese Sendung machen kann. Die Hörerschaft von SRF 1 ist wahrscheinlich nicht mein primäres Zielpublikum. Umso schöner ist es für mich, dass ich auf diese Weise ein ganz anderes Publikum erreiche.

Und dafür nehmen Sie Zensur in Kauf?
Nein, ich habe mich nicht einfach damit abgefunden, sondern wir haben das intern intensiv diskutiert. Es wäre mir aber zu blöd gewesen, mich deswegen als Märtyrer am Altar der bedingungslosen Satire aufzuspielen und die Kolumne wegen eines solchen Vorfalls abzugeben.

Sie produzieren Medien-Inhalte. Wie konsumieren Sie selbst Medien? Sind Sie ein News-Junkie?
Total. Ich lese sehr viel online. Aber ich lege bewusst netzfreie Tage ein, an denen ich an den Kiosk gehe, um Zeitungen zu kaufen. Ich schätze es manchmal, wenn mir jemand sagt, was wichtig ist. Dass ich nicht jedes Mal darüber nachdenken muss, ob es jetzt wichtiger ist, ob ich über den Banntag in Liestal lese oder ein lustiges Katzenvideo anschaue. Das ist wahnsinnig anstrengend. Es hat ja etwas Gutes, dass man sich darauf einigt, welches die wichtigen Themen sind, über die wir nun alle diskutieren sollen. Wichtig ist, dass man einen gemeinsamen Ausgangspunkt hat.

Welche Zeitungen lesen Sie?
Immer, wenn ich irgendwo auftrete, kaufe ich die kleinstmögliche Regionalzeitung. Das ist grossartig, die Themen, wie es geschrieben ist, alles.

Ist das ironisch gemeint?
Nein. Das Konzert der Blockflötenklasse im Dorf ist dort eben wichtig. Ich will nicht nur immer das lesen, was mich bestätigt. Ich erfahre auch gern Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Ich gehe zum Beispiel zum Kiosk und kaufe mir ein Autoheft, obwohl ich keinen Führerschein besitze. Oder die «Tierwelt». Es tut gut, sich manchmal mit etwas zu beschäftigen, wovon man keine Ahnung hat. Mit dem Blesshuhn zum Beispiel. Das hält frisch. Obwohl das jetzt klingt, als ob ich dement wäre.

Sie werden zum ersten Mal Vater. Nervös?
Ich bin sehr relaxed. Ich dachte immer, wenn man Vater wird, dreht man durch, liest zwanzig Elternratgeber und ruft schon bei der Krippe an. Ich bin ja auch eher ein ängstlicher Typ. Aber je näher der Geburtstermin rückt, desto mehr Vertrauen habe ich, dass alles gut kommt.