Von Miriam Glass

Die goldene Uhr am Handgelenk des gut gekleideten Herrn und der gelbe Putzlappen in seiner Hand passen nicht recht zusammen. Er wischt die Oberfläche eines Kühlschranks sauber, ein zweiter Mann im Anzug versprüht mit grossem Ernst schäumendes Putzmittel.

Der Kühlschrank steht an der Art Basel in der Turiner Galerie Franco Noero. Ist die Putzaktion eine Performance? «Aber nein!», sagt der Galeriemitarbeiter entsetzt. Bei der Kühltruhe, in der ein Mülleimer steht, handelt es sich um ein Werk des Mexikaners Gabriel Kuri, das für 35 000 Euro angeboten wird. Die Oberfläche muss einmal täglich gereinigt werden. Was selbstverständlich kein künstlerischer Akt sei, wie der Mann mit unterkühltem Lächeln erklärt.

Trotzdem, die Putzaktion war eine von vielen kleinen Vorführungen, die in den letzten Tagen täglich an der Art Basel zu beobachten waren. Die Hauptrollen im grossen Kunst-Theater werden von der Messeleitung zugewiesen. Die Hauptdarsteller sind an Aussteller-Badges und VIP-Karten zu erkennen. Ihre gezielt gewählten Kleider, Handtaschen, Frisuren und Gesten ziehen die Blicke auf sich. Doch auch Besucher, die bloss eine Nebenrolle spielen, verkleiden sich sorgfältig für ihren Auftritt an der Art.

Zum Beispiel Anna Poetter. «Wie Harry Potter, aber mit ‹oe›», buchstabiert sie kokett, während sie auf hohen Absätzen durch die Gänge zwischen den Galerien schwebt. Poetter fällt auf im Gewimmel, vor allem von hinten. «Ich bin Kunst», verkündet ein Schriftzug auf ihrem Rücken. Als sie stehen bleibt, um für ein Foto zu posieren, gibt es einen Aufschrei in der angrenzenden Galerie. Nicht wegen Poetters Rücken, sondern weil der Fotograf auf der Suche nach dem besten Blickwinkel rückwärts gegangen ist bis zum Beinahe-Zusammenstoss mit einer Skulptur. Der Galerist runzelt die Stirn, eine Besucherin erstickt mit vorgehaltener Hand einen Lachanfall. Zahlreiche Handykameras halten die Situation fest. Eine Performance? Aber nein.

Poetters Auftritt an sich ist allerdings als Performance gedacht. Die Frau im hellblauen Kleid deklariert sich selbst als Kunstwerk und sucht an der Art Basel Investoren. Aus der Tasche zieht sie statt einer VIP-Karte ein zerknittertes Ticket. Sonst stimmt alles an ihr: Make-up und Hut, ein strahlender Blick aus blauen Augen. «Ich bin neu auf dem Kunstmarkt», erklärt sie, öffnet eine Mappe voller vorgefertigter Kaufverträge und reicht ihre Visitenkarte.

Die Idee, sich selbst zum Kunstwerk zu erklären, wurde schon vielfach erprobt. Am Donnerstag zum Beispiel spazierte Konzeptkünstlerin Milo Moiré nackt durch Basel, erhielt aber keinen Zutritt zur Messe. Poetter hingegen wurde mit ihrem Auftritt in den Messehallen zum Blickfang. Ihr Projekt ist langfristig angelegt. Demnächst breche sie zu einer Pilgerreise «auf den Spuren Geldes» (sic) auf, erklärt sie, 2015 soll die Aktion in eine Ausstellung münden.

Auch wenn Poetter keine Galerie und keinen Kurator im Rücken hat, ihr Auftritt passt zum diesjährigen Performance-Schwerpunkt der Art Basel. Die offiziellen Performances sind etwas abseits in Halle 3 gebündelt. Im Galeriensektor, wo Poetter die Aufmerksamkeit auf sich zieht, dominieren Bilder und Skulpturen.

Eine Ausnahme ist die Galerie PSM aus Berlin, die eine Arbeit des 34-jährigen Dänen Christian Falsnaes zeigt. «Ich bin Kunst» steht hier nicht dran, dafür die Aufforderung: «Put on headphones – follow instructions.» Über Kopfhörer erteilt eine Stimme Anweisungen an bis zu fünf Personen. Die Messebesucher können jederzeit einen Kopfhörer aufsetzen und in die Situation einsteigen, was erstaunlich viele auch tun.

Zwei Kopfhörer sind immer in Gebrauch. Falsnaes, der sich in anderen Arbeiten selbst in Szene setzt, hat für die Art Basel zwei Performer engagiert. Für 100 Franken pro Tag folgen sie sämtlichen Anweisungen. Für die Messe sind sie auffällig unauffällig gekleidet, die Frau in Jeans und T-Shirt, der Mann in Hemd und kurzer Hose.

Er heisst Gregor Ginrich, ist 21 und Psychologiestudent in Fribourg. «Ich will, dass du weinst. Jetzt», sagt die Stimme in seinem Kopfhörer. Gregor senkt die Lider, seine Unterlippe zittert, er atmet flach. Später wird er sich, immer auf Aufforderung via Kopfhörer, vor Publikum vollständig aus- und wieder ankleiden, in der Galerie singen und tanzen, fremde Leute bei den Händen fassen. Warum? «Weil ich dabei viel lerne», sagt er. An der Art Basel Dinge zu tun, die eigentlich in einen anderen Kontext gehören, sei eine interessante Erfahrung. «Es ist eine Chance, die eigene Fragilität zu spüren», ergänzt seine Mit-Performerin, die Tänzerin Vanessa Lopez.

Falsnaes, im «Art Magazin» als «diabolischer Meister der Motivation» beschrieben, motiviert mit seinem Werk tatsächlich zur Mitmach-Kunst. Sich den Anweisungen seiner Tonspur zu widersetzen, braucht Willenskraft. 18 000 Euro kostet seine Arbeit, die Technik ausgenommen. Drei Exemplare werden angeboten, eines wurde während der Art Basel an eine Privatsammlung verkauft. Auch Anna Poetter hat an der Messe Verkaufserfolg: «Habe ein paar nette Käufer gefunden», teilt sie via SMS mit. Dann ist sie nicht mehr erreichbar, weil im Zug unterwegs. Ihre Kunst ist flüchtig, die gewollten und ungewollten Inszenierungen an der Art Basel auch. Die Messe endet heute um 19 Uhr.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper