Drohnen. Maschinen der Zerstörung. Es ist unser vorherrschendes Bild dieser ferngesteuerten, unbemannten Flugobjekte. Meldungen von Drohnenangriffen in Kriegsgebieten oder von Drohnen, die uns ausspionieren, haben für Misstrauen gesorgt. Doch Drohnen haben auch kreatives Potenzial. Das beweist die Filmindustrie. Mit Kameras, die an Drohnen montiert sind, zaubert sie gerade völlig neue Bilderwelten auf die Leinwand.

Gutes Beispiel: «Skyfall» (2012). Im letzten James-Bond-Film wurden Teile der Anfangssequenz mithilfe einer Drohne gedreht. Bond ist in Istanbul. Auf einem Motorrad verfolgt er einen Schurken über die Dächer des Grossen Basars. Der Zuschauer ist ganz dicht dran, rast atemlos mit ihnen mit. Weder mit einem Kamerakran, noch mit einem Helikopter könnten solche Bilder aufgenommen werden. Nur eine Drohne kommt so nahe an das turbulente Geschehen heran und kann es derart flüssig mitverfolgen. Das Team hinter der fliegenden Kamera gewann für diese Szene einen Technologie-Oscar.

Seither setzt Hollywood zu neuen Höhenflügen an. Die atemberaubende Verfolgungssequenz entlang eines Hangs in «Fast & Furious 7» – dem in der Schweiz erfolgreichsten Film des Jahres – war nur dank Drohnenaufnahmen möglich. Für «Mission: Impossible – Rogue Nation» (ab 6. August im Kino) machte eine tieffliegende Drohne neuartige Strassenaufnahmen von London. Und selbst der grosse Martin Scorsese hat für seine ausufernde Poolsequenz in «The Wolf of Wall Street» (2013) schon mit der Technologie experimentiert.

Drohnen entfesseln die Bilder. Physische Hindernisse sind keine mehr. Kameramänner müssen nicht mehr direkt dort sein, wo das Bild entsteht. Das eröffnet Filmschaffenden theoretisch unendliche Möglichkeiten. Sie könnten mit der Kamera durch die Speichen eines Riesenrads flitzen, durch einen U-Bahn-Schacht, in die Nähe eines ausbrechenden Vulkans. Sie könnten in sekundenschnelle von einer intimen Nahaufnahme zu einer riesigen Panoramaeinstellung wechseln. Ohne Schnitt. In einer einzigen flüssigen Bewegung.
Der Einsatz von Drohnen auf Filmsets ist aber nicht ungefährlich. Der Dreh zu Sylvester Stallones Actionkracher «The Expendables 3» letztes Jahr startete denkbar schlecht. Bei einer Bootsverfolgung in Bulgarien stürzte Stallones Drohne ins Schwarze Meer. Keiner der Beteiligten wurde verletzt, das Filmmaterial konnte gerettet werden. Doch die Drohne und die teure Filmkamera mussten unter grossem Kostenaufwand repariert werden.

Gerade weil sich eine Drohne den Schauspielern extrem annähern kann, ist die Unfallgefahr gross. In den USA war der private Einsatz von Drohnen lange strikt untersagt. Hollywoodregisseure konnten Drohnenbilder nur ausserhalb der Landesgrenzen drehen. Erst letzten Herbst erliess die US-amerikanische Flugbehörde FAA eine Ausnahmeregelung für Drohnen auf Film- und Fernsehsets. Seither hat sich ihr Einsatz explosionsartig vermehrt, auch ausserhalb des Kinos: Musikvideos, Sportübertragungen, Autowerbungen – alle Branchen des bewegten Bildes wollen mit der fliegenden Kamera abheben.

Ihre Handhabung ist denn auch vergleichsweise simpel. Montierung, Abflug – und Action! Dank eines Videolinks sehen die Filmemacher die Bilder der Drohne auf einem Monitor in Echtzeit und HD. Das ist schnell und kosteneffizient. Ein Helikopter plus Crew kostet für einen Drehtag rund 10000 US-Dollar; eine Drohne dagegen nur etwa 2000 Dollar.

Der US-amerikanische Dokumentarfilmer und Drohnenexperte Randy Scott Slavin vergleicht diese Kosteninnovation mit jener von Smartphones: «Früher mussten Filmstudios Millionen investieren für Bilder, die heute jeder mit einem iPhone drehen kann», sagte er dem Fachmagazin Wired. «Genau gleich ist es mit Drohnen: Jeder kann sie überall hin mitnehmen und wunderschöne Aufnahmen machen, die früher fast unbezahlbar gewesen wären.»
So werden Luftaufnahmen plötzlich auch für Amateurfilmer eine realistische Option. Unter ihnen will Slavin die junge Filmtechnologie fördern. Vor einem Jahr gründete er das New York City Drone Film Festival. Dort bewerten er und weitere Jurymitglieder die Luftaufnahmen von Filmen nach Kriterien wie Ästhetik und innovative Flugtechnik.

Der diesjährige Gewinnerfilm heisst «Superman with a GoPro» und wurde auf Youtube schon über 17 Millionen Mal aufgerufen. Der Kurzfilm macht das sinnliche Erlebnis von Drohnenaufnahmen sofort greifbar. Er zeigt, wie Superman durch die Grossstadt fliegt, Verbrecher bekämpft und eine Frau rettet – aus seiner Perspektive, dank einer fliegenden Kamera. Für drei Minuten hat uns die Drohne in Superman verwandelt. Ein unbeschreibliches Gefühl.

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