Leonardo DiCaprio hat schon mal, genau wie Vanessa Redgrave und Michael Moore. Und zuletzt hat auch Meryl Streep. Sie alle nutzten ihre Minuten im Rampenlicht, nachdem ihnen gerade ein Preis überreicht worden war, für politische Schimpftiraden. «Shame on you, Mr. President», wetterte 2003 der frisch mit dem Oscar prämierte Dokumentarfilmer Michael Moore, vier Tage nachdem die US-Truppen unter George W. Bush in den Irak einmarschiert waren. Der Beifall im Saal war laut, die Pfiffe ebenso.

In der bald 88-jährigen Geschichte der Oscars ist es wiederholt zu solchen Zwischenfällen gekommen. Unvergessen etwa der Aufruhr an der Verleihung 1973, als Marlon Brando auf seinen Oscar für «Der Pate» verzichtete. Anstelle des Schauspielers betrat die Aktivistin Sacheen Littlefeather die Bühne und kritisierte dort die schlechte Behandlung amerikanischer Ureinwohner.

Vanessa Redgrave breitete ihren Streit 1978 gleich persönlich auf der Bühne aus. Weil die britische Schauspielerin der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO ihre Unterstützung zugesprochen hatte, hatten jüdische Demonstranten auf der Strasse eine ihr nachempfundene Puppe verbrannt. Als Redgrave dann für den Film «Julia» ihren Oscar in Empfang nahm, kanzelte sie die Demonstranten als «kleine Gruppe zionistischer Raufbolde» ab. Das versetzte den jüdischen Drehbuchautor Paddy Chayefsky in Rage, der kurz nach Redgrave die Bühne beschritt und sagte: «Mich kotzt es an, dass Leute die Oscar-Verleihung ausnutzen, um ihre persönliche politische Propaganda zu verbreiten.» Er sprach wohl stellvertretend für viele.

Egal ob Leonardo DiCaprio (seine Dankesrede 2016 drehte sich um den Klimawandel), Richard Gere (Chinas Tibet-Politik, 1993), oder Susan Sarandon und Tim Robbins (Aids, 1993): Dass Hollywoodstars politisch werden, sorgt bei vielen für rote Köpfe. Der Vorwurf ist offensichtlich: Warum sollen sich Stars das Recht nehmen dürfen, den über 100 Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt eine Meinung aufzuschwatzen, die nichts mit ihrem Beruf oder der Filmwelt zu tun hat? Da fühlen sich selbst Berufskollegen verschaukelt, denn solche Einzelaktionen können ganz Hollywood in Verruf bringen. Schnell heisst es: Ihr reichen Eliten in den Hollywood Hills und Luxuslofts in New York habt doch längst den Touch zu uns Normalsterblichen verloren.

Alles anders wegen Trump
Es ist ein Bild, mit dem auch die gegenwärtige US-Regierung arbeitet. Präsident Donald Trump hat Hollywood zum liberalen Feindbild Amerikas erklärt – und Hollywood damit politisiert wie nie zuvor. Seit seinem Amtsantritt geht dort keine Preisverleihung ohne Brandrede gegen Trump über die Bühne. Neu ist aber, dass in den entsprechenden Sälen keine Pfiffe mehr zu hören sind. Hollywood hat sich gegen Trump vereint – und lässt keine Gelegenheit aus, gegen den US-Präsidenten zu schiessen.

Meryl Streep brachte den Stein Anfang Januar bei der Verleihung der Golden Globes ins Rollen. Ohne ein einziges Mal Trumps Namen in den Mund zu nehmen, kritisierte sie dessen Instinkt, andere Menschen niederzumachen. «Respektlosigkeit lädt zu Respektlosigkeit ein», sprach Streep. Ihre Rede ging um die Welt.

Trumps Einreisesperre gegen Staatsangehörige von sieben mehrheitlich muslimischen Ländern nahmen dann vergangenes Wochenende die Sieger bei der Preisverleihung der US-amerikanischen Schauspielgilde auf. Julia Louis-Dreyfus («Veep») etwa betonte, dass sie die Tochter eines Immigranten sei, der vor den Nazis geflohen war. Und die afroamerikanische Darstellerin Taraji P. Henson sagte über ihren Gewinnerfilm «Hidden Figures», dass er zeige, was passiere, wenn Menschen ihre Differenzen beiseitelegten. Der Beifall im Saal war gross – und geschlossen.

Owen Gleiberman vom renommierten US-Filmbranchenmagazin «Variety» hatte sich in der Vergangenheit stets kritisch über politische Statements von Hollywoodstars geäussert. Die Reden gegen Trump sieht er aber in einem ganz anderen Licht. «Donald Trump ist ein pures Produkt des Showbusiness», schreibt Gleiberman in einem aktuellen Leitartikel. «Er ist der erste Präsident des amerikanischen Entertainment-Staates.» Das Duell Hollywood gegen Trump finde demnach auf Augenhöhe statt.

Stars wie Meryl Streep würden ihre Arbeit völlig zu Recht als Gegengift zu Donald Trumps despektierlicher Politik verstehen: Wenn Filme eines lehrten, so Gleiberman, dann Empathie – die Fähigkeit, sich in die Lebenswirklichkeit anderer hineinzuversetzen.

Und die Schweizer?
«Dank Trump sind jetzt auch unpolitische Filmstars aufgewacht», sagt der Schweizer Regisseur Samir auf Anfrage. Er äussert sich immer wieder öffentlich zu politischen Themen – als einer von wenigen Filmemachern in unserem Land. Warum eigentlich? «Wir führen in der Schweiz ein privilegiertes Leben. Viele haben nicht das Gefühl, sich einmischen zu müssen – darum ärgern sich auch so viele, wenn ich etwas sage», lacht der 61-Jährige.

Alles sei politisch, findet Samir, sogar Märchenfilme. Filmschaffende würden sich ja jeden Tag mit der Realität und den Menschen auseinandersetzen. «Es ist absurd, zu verlangen, dass sie die Klappe halten. Jeder, der sich nicht äussert, leistet einen Beitrag, dass alles so bleibt, wie es ist.»

Die Chance, dass die Stars am 26. Februar im Dolby Theatre in Hollywood die Klappe halten, ist gering. Die kommende Oscar-Verleihung dürfte die politischste aller Zeiten werden.

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