Wer am Sonntagvormittag einem Philip Maloney noch nie beim Ermitteln zugehört hat, ist entweder radioresistent oder Langschläfer. Denn der kauzige Kultdetektiv ermittelt seit 1989. Verlässlich zur festen Sendezeit auf SRF 3. Seine Sprüche verbinden Generationen. Mithalten mit Maloney’s Radiopräsenz können höchstens noch die «Schreckmümpfeli». Die schaurigen Gutenachtgeschichten auf SRF 1 flössen dem sicherheitsliebenden Durchschnittsschweizer montagabends in 6- bis 12-Minütern wohldosierten Schrecken ein. Im November werden die Mümpfeli 40 Jahre alt. Ihre Langlebigkeit demonstriert: Hörspiele sind nicht tot. Sie werden höchstens totgeschwiegen.

Das ist schade. Denn auf den abgelegenen Sendeplätzen tummelt sich immer noch das Who’s Who der zeitgenössischen Literaturszene. Dass Autoren ihre Texte fürs Hörspiel umschreiben, bearbeiten lassen, oder gar eigene Hörspielideen entwickeln, hat Tradition. Schon Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch haben sich darin versucht. In den 1950er-Jahren bekam man ihre Werke sogar zur besten Sendezeit zu Ohren.

SRF-Hörspielregisseur Reto Ott kommt ursprünglich vom Theater. Das fürchtete bei der Erfindung des Hörspiels in den 1920-Jahren noch, dass ihm das neue Genre Show und Stoffe klaut. So weit ist es nie gekommen. Dramatiker liefern dem Hörspiel zwar immer noch viel Treibstoff, wie ein Blick auf die Neuproduktionen des Schweizer Radios zeigt. Aber man profitiert voneinander in beide Richtungen. Inzwischen schaffen es Hörspiele sogar auf die Bühne: Erst kürzlich inszenierte Andreas Herrmann am Theater Luzern das Hörspiel «Die lächerliche Finsternis» von Wolfram Lotz. Der Autor, der ursprünglich ein Theaterstück schreiben wollte, schreibend aber im Hörspielgenre landete, ist für sein inzwischen mehrfach für die Bühne adaptiertes Stück für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert.

Sein Stück ist kein Einzelfall. Auch Nachwuchsregisseurin Mélanie Huber hatte 2013 am Schauspielhaus Zürich mit «Die Radiofamilie» ein Hörspiel dramatisiert. Der Text von Ingeborg Bachmann war ursprünglich Teil einer Radio-Seifenoper gewesen, die in der Nachkriegszeit von einem US-amerikanischen Besatzungsradio ausgestrahlt wurde. Ebenfalls im Fundus der Nachkriegszeit gewühlt hat der deutsche Comedian Bastian Pastewka. Mit einem verschollen geglaubten Kriminalhörspiel der Paul-Temple-Reihe aus den 1950ern hat er eine Bühnenshow entwickelt, die Veranstaltungshallen füllt. Auch wegen seiner Theatervergangenheit weiss es Reto Ott zu schätzen, dass man sich beim Hörspiel leichter über Klassiker wie Shakespeare und Kleist hinwegsetzen kann. «Unser Genre ist inhaltlich und formal rasend modern», sagt er. Trotzdem besitze das Hörspielgenre für die im Internetzeitalter Geborenen einen «Retro-Ruf». Dieser Widerspruch macht die Vermarktung kompliziert. Vielleicht geht auch deshalb unter, dass viele Spoken-Word-Autoren das Genre inzwischen für sich entdeckt haben.

Einer der ersten war Slam-Poet und Kabarettist Gabriel Vetter. In seinem 2009 vom SRF produzierten Hörspiel «Personenschaden» verbrüderte er zwei unterschiedliche Männer in einem Zugabteil zu einer rabenschwarzen Schicksalsgemeinschaft. Heute ist Vetter Radiosatiriker mit eigenem Sendeformat und hat für das Online-Portal des Schweizer Fernsehens die Web-Serie «Güsel» erfunden. Auch andere Spoken-Word-Künstler sind im Radio angekommen: Der lakonische Bühnenkünstler Simon Chen fabriziert «Schreckmümpfeli», ebenso Poetry-Slam-Urgestein Ralf Schlatter, der auch Hörspiele fürs SRF verfasst. Gerhard Meister, Mitglied des Spoken-Word-Ensembles «Bern ist überall», hat beim SRF soeben sein drittes Hörspiel abgeliefert: «Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle» sucht er das Ich im Hirn und nimmt dabei die Glaubenssätze der Hirnforschung aufs Korn. Viele seiner Tonkunstwerke sind inzwischen bei dem auf Spoken-Word spezialisierten Luzerner Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen.

Im Gegensatz zu Autoren sind Spoken-Word-Künstler beruflich breiter aufgestellt. Auf ihren Online-Auftritten präsentieren sie sich als multimediale Dienstleister, die in Moderatorenrollen schlüpfen oder auch mal bei einer frechen Videokampagne mitwirken, wie etwa Slam-Poet Valerio Moser. Er dreht auch mal ein Video für die Aufmerksamkeitskampagne der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft. Kein Wunder, ängstigt sich diese junge Generation nicht vor der Berührung mit dem Radio, weiss es als Marketinginstrument fürs eigene Bühnenprogramm zu nutzen.

Und noch eine Eigenschaft macht Spoken-Word-Poeten fürs Radio interessant: Diese Künstler schaffen nicht nur Texte fürs Ohr – sie wissen auch, wie man sie performt. Als SRF-Hörspiel-Regisseur Claude Pierre Salmony nach der Besetzung für ein Hörspiel des Berner Autors Michael Fehr fahndete, zog er Slam-Poetinnen wie Lisa Christ oder Lara Stoll den wohlklingenden Stimmen von Profi-Schauspielern vor. Das Experiment kann man sich im Mai in der Hörspiellounge der Solothurner Literaturtage noch einmal anhören.

Massentauglich war das Hörspiel zuletzt in der Nachkriegszeit. Damals lagen die Tempel der Eventkultur in Trümmern, und das Fernsehen hatte dem Rundfunk noch nicht die Show gestohlen. Nimmt man die Jugend zum Gradmesser, ständen die Chancen aber gut, dass das Hörspiel wieder ein Leitmedium unserer Zeit wird. Schliesslich textet man in jüngeren Kreisen schon lange nicht mehr auf dem Handy. Wer etwas auf sich hält, nimmt seine Stimme auf WhatsApp auf und schickt sie an Freunde. Das ist emotionaler. Und macht jedes Emoticon überflüssig.

Auch was die technische Verbreitungsmöglichkeit angeht, konnte das Hörspiel im Internetzeitalter an Boden zurückgewinnen. Könnten man sich unter Autoren, Verlagen und Hörfunkanstalten auf ein einheitliches Vertragsmodell einigen, das einmal ausgestrahlte Hörspiele im Web allzeit verfügbar macht, könnten wir künftig über Podcasts und Streaming-Dienste unser eigenes Hörspielprogramm zusammenstellen, wie das in beschränktem Rahmen heute schon möglich ist. Den Sendelaunen der Radios wären wir dann nicht mehr so ausgesetzt. Und das Hörspiel gewänne neue junge Hörer hinzu.

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