Eine Sprache hat keinen Anfang. Sie fliesst. Aber es gibt linguistisch wirksame Ereignisse. Die Eroberung Rätiens durch Drusus und Tiberius 15 v. Chr. zum Beispiel ist so ein Ereignis. Damals trugen römische Soldaten ihr Vulgärlatein in die Dörfer, es vermischte sich mit der rätischen Sprache . . . 15 v. Chr. gilt als so etwas wie der Beginn des Rätoromanischen.

Die Präsenz der Römer hat in Graubünden weitere Spuren hinterlassen – die eindrücklichsten im «Welschdörfli» in Chur, wo eine ausgedehnte römische Siedlung freigelegt worden ist. Die dreiteilige Anlage ist seit 1986 mit einer Hülle aus Holzlamellen geschützt, die sich wie ein Schleier über die Bauzeugnisse und Wandmalereien legt. Die asymmetrische Konstruktion widerspiegelt die uneinheitlichen Grundrisse der Siedlung. Die drei Hallen im Inneren sind durch eine Passerelle verbunden. Verdunkelte Oberlichter versorgen sie mit mildem Tageslicht. Wer in diesem mit Erinnerung aufgefüllten Raum steht, hört die Stadt, spürt den Sonnenstand, fühlt den Wind.

Die Römischen Schutzbauten sind eine frühe Arbeit des Architekten Peter Zumthor. Sie entstanden im gleichen Jahr wie sein Atelier in Haldenstein, das zu einem Leitbau der neuen Bündner Architektur und des zeitgenössischen Holzbaus geworden ist. Drei Jahre später wurde in Sumvitg Zumthors Caplutta Sogn Benedetg eingeweiht. Die schlichte Poesie des tropfenförmigen Holzbaus in der grünen Wiese lockt seither Architekturtouristen aus aller Welt in den abgelegenen Weiler in der oberen Surselva.

Das Dreigestirn Römische Schutzbauten, Atelier und Kapelle S. Benedetg markieren den Beginn von Zumthors Weltruhm. Dass ihm Graubünden als Humus für seine architektonischen Visionen diente, verwundert weiter nicht. Zumthor arbeitete früher für die Bündner Denkmalpflege, bereiste viele Gemeinden, hat sie inventarisiert und deren Strukturen studiert – unter anderem jene von Vrin, zuhinterst im Val Lumnezia, jenem Ort, an dem Jahre später ein anderer seine Handschrift sichtbar machen wird: Gion A. Caminada.

Gion A. Caminada, Architekt, Professor an der ETH und wie Zumthor gelernter Schreiner, hat seine Heimatgemeinde zum Labor gemacht. Dort wurde in den Jahren 1994 bis 2000 verwirklicht, was für das Bauen in den Bergen Modellcharakter erhalten hat. Um neue Impulse zu geben und die Dorfsubstanz zu schützen, legten die Vriner Wiesen zusammen, teilten Ställe neu zu und nutzten Gebäude um. Die Idee hinter dem «Vriner Modell»: Die Bauern sollten mit ihrem Hab und Gut weiterhin im Dorf bleiben können und möglichst viel am Ort selbst produzieren.

Der sozialen und ökonomischen Intention des Konzeptes gab Gion A. Caminada Gestalt. Er baute neue Ställe im Dorf, eine Mehrzweckhalle, eine Metzgerei, eine Sägerei, eine Ziegenalp und renovierte Häuser. Über die Jahre entstanden 33 Wohnhäuser (davon 17 Umbauten), 16 neue Ställe sowie 8 öffentliche Gebäude (3 davon Sanierungen), alles schlichte und traditionelle Strickbauten, die Caminada weiterentwickelt hat. Denn Tradition bedeutet für Caminada «nicht nur Reflexion auf das Vergangene», wie er es einmal in einem Interview erklärt hat, sondern auch «Konzentration auf das Gegenüber, auf das, was bleibt». Daher «müssten eigentlich neue Traditionen möglich sein». Seinen bisher letzten Tupfer setzte er 2002 mit der Stiva dils morts ins Dorfbild: Das mit weisser Kaseinfarbe lasierte Holz rückt diese Totenstube in die Nähe eines Sakralbaus.

Wer in Graubünden auf architektonische Erkundungsreise geht, muss sich einschränken. Zu vielfältig ist das Angebot. Und er macht drei Erfahrungen. Erstens: Einige der inzwischen etablierten Bündner Architekten – etwa Beart & Depalzes, Hagmann & Jüngling, Conradi Clavuot – haben erste Erfahrungen im Atelier Zumthor gesammelt. Zweitens: Einige Jungarchitekten liebäugelten einst mit der Stadt, haben sich dann aber doch fürs Wirken in der Region entschieden. Drittens: Wer zeitgenössische Bündner Architektur sehen will, muss sich oft an Orte fernab der Touristenströme begeben – zum Beispiel auf die Alp Puzzetta am Lukmanierpass.

Der minimalistische Ziegenstall mit seiner rostroten Alu-Hülle von Marlene Gujan und Conrad Pally gilt als Vorzeigeobjekt für Bauen in den Alpen. Ihr Büro war in den letzten Jahren ausgeprägt stark in der Surselva tätig, mit Neu- und Umbauten oder ortsplanerischen Interventionen. Dieser Fokus auf das Nahe hat eine tiefere Bedeutung. Marlene Gujans Credo – sie hat ihre Sporen auch im Büro Zumthor abverdient: «Es gibt genug Architekten, die sich mit den Zentren befassen. Verloren geht dabei das Regionale.»

Dieses Bekenntnis zur Arbeit am Ort hat auch Marisa Feuerstein zur Maxime erhoben. Der ausgetrocknete Arbeitsmarkt zwang die stadtaffine ETH-Architektin 1993 zur Mitarbeit im väterlichen Büro in Scuol – und sie blieb. Seit 1999 führt sie ihr eigenes Ateliers. «Ich bin hier zu Hause und finde es spannend, im mir vertrauten, traditionellen Umfeld zu bauen.» Was das heisst, hat Marisa Feuerstein 2007 zusammen mit drei weiteren Engadiner Architekten in Scuol mit der Jugendherberge illustriert. Dieser Neubau lehnt sich frei von Kitsch und Anbiederung an die Engadiner Baukultur. Wirklich am Herzen aber liegen Marisa Feuerstein Umbauten. «Dort kann ich die regionale Bautradition am besten fortschreiben», sagt sie. Wie, demonstriert sie am Umbau «Albergo» im Scuoler Seitental S-charl.

Alp Puzzetta und «Albergo»: zwei Marksteine an der Peripherie des Kantons. Etwas zentrumsnaher ist das vielfach ausgezeichnete Cinema sil Plaz in Glion/Ilanz von Capaul & Blumenthal (auch Gordian Blumenthal hat seine Sporen bei Zumthor abverdient). Beide Architekten stammen aus dem Val Lumnezia. Das war prägend. «Wir haben das traditionelle Dorf, das aus pragmatischen Bedürfnissen und der handwerklichen Tradition entstanden ist, mit seinen räumlichen und architektonischen Qualitäten erlebt», sagt Ramun Capaul. Dass sie nach ihrem Studium in Zürich in Ilanz ein Büro eröffnet haben, hat mit Graubündens Baukultur der letzten Jahre zu tun. Ramun Capaul: «Die zeitgenössischen Bauten, die während unseres Studiums in Graubünden entstanden sind, versprachen ein ideales Umfeld für gute neue Architektur.»

Inzwischen spielen sie selbst auf dieser Klaviatur – und ihre regionalen Preziosen strahlen aus. Das Ilanzer Duo wird schweizweit zu Wettbewerben und ins Ausland zu Vorträgen eingeladen. Dort können sie seit 2014 ein weiteres Highlight präsentieren: Das historische Türalihuas in Valendas, das sie für die Stiftung Ferien im Baudenkmal des Schweizer Heimatschutzes mit Sachverstand und Feinsinn renoviert haben. Gleich nebenan steht übrigens das neue Gasthaus Am Brunnen (Renovation: Gion A. Caminada). Wer nach einem Beispiel sucht, wie in einer peripheren Region ein Dorf nachhaltig entwickelt werden kann: Valendas liefert es.

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