Von Albert Kuhn

Es sind zwiespältige News, wenn Angehörige eines verstorbenen Menschen plötzlich ein verlorenes Manuskript, ein verschollen geglaubtes Bild oder eben ein ganzes Song-Album finden. Auf dem Estrich, im Keller oder bei einem Umzug wiedergefunden? In der Regel sind solcherlei Fundstücke von minderer Qualität. Oder barer Kitsch.

Der toughen Cash Family würde so etwas nicht passieren. Ihrer Umsicht und ihrem selbstverständlichen Stolz ist es zu verdanken, dass alles Aufnehmbare aufgenommen wurde und im umfangreichen Cash-Archiv sauber und trocken gelagert wurde. Und wird. Und doch konnte ein kleines Wunder geschehen.

1980, im neuen Jahrzehnt, versuchen Dutzende von Country-Helden, sich zu modernisieren und aufzupeppen – musikalisch wie textil. Der Film zur Attitüde heisst «Urban Cowboy», gespielt von John Travolta. Countrysänger leihen sich Rockismen aus, und traditionelle Countrysängerinnen wie Dolly Parton, Bonnie Raitt oder Sänger wie Kenny Rogers drängen in den Popmarkt. Sogar New Waver Elvis Costello verfasst einen stimmigen Countrysong vom Feinsten. Nach etwa drei Jahren ist der bemühte Poprock-Country-Style Schnee von vorgestern und wird von Michael Jackson und Madonna vollständig weggeputzt.

Die AchtzigerJahre waren definitiv nicht Johnny Cashs bestes Jahrzehnt. 1980 wird er, mit 49, zum bisher jüngsten Mitglied in die «Country Music Hall of Fame» eingeführt. Das ist eine Ehre, aber auch ein leises Goodbye, ein Trostpreis sogar. Johnny hatte dies sehr wohl verstanden und meinte, man solle ihn deswegen – gemeint ist die Zeremonie – nun nicht gleich ins Altenteil schicken.

2012 durchsuchten und katalogisierten Johnnys Sohn John Carter Cash zusammen mit Experten von Legacy die Bänder in den Archiven in Hendersonville, Tennessee, und in den Sony Music Archives. Schliesslich wurden sie fündig. John Carter Cash: «Als meine Eltern starben, wurde es nötig, sämtliche Aufnahmen des Archivs durchzuhören und zu katalogisieren. Und dann fanden wir diese Aufnahmen, produziert von Billy Sherrill in den frühen Achtzigerjahren. Sie waren . . . einfach wunderschön.»

Und das ist der Auftakt von «Out Among the Stars» – ein wunderbar langsam sich wiegender Walzer. Es ist Mitternacht in einem Liquor Store in Texas . . . Fängt ja gut an. Die Midnight-Party fängt erst an und «Baby Ride Easy» ist genau die umwerfend rasend schnelle Country-Nummer, die es hier braucht. Johnny tanzt mit seiner Frau June Carter, die ein gutes Herz, gute Lungen und Tanzschuhe hat. «After All» definitiv jenseits der Kitschgrenze. Es folgen Songs über Zufallsliebschaften, Anrufe an die Mutter, Heirat in Tennessee, extravagante Tanzschuhe, nicht abgeholte Blumen, ein Slow Gospel der religiösen Sorte.

Am 15. Mai 2003 starb June Carter im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Herzoperation. Die beiden waren 35 Jahre verheiratet. An der Beerdigung sass Cash schon im Rollstuhl. 10 Tage danach sagte Cash, er müsse wieder ins Studio und weiterarbeiten: «Ich möchte Musik machen und arbeiten, so gut ich kann. Sie würde das wollen, und ich will es auch.»

Am 11. September 2003 telefonierte Rick Rubin, Produzent der letzten, umwerfend intensiven «American Recordings», um Cash mitzuteilen, dass er ihm die Abmischung für die CD-Box «Unearthed» schicken würde. Cash konnte diese nicht mehr anhören, er starb am nächsten Tag. Er wurde neben seiner Frau auf dem Friedhof «Memory Gardens» nahe seinem Wohnhaus in Hendersonville (Tennessee) bestattet.

Die Klimax von «Out Among the Stars», des ausgegrabenen Albums, ist fraglos «She Used to Love Me a Lot». Dreieinhalb Minuten. Dreieinhalbtausend Sonnenuntergänge. Dreieinhalbtausend rauchende Colts. Allerhöchstes Glück.

Johnny Cash: Out Among The Stars, Sony.

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