Dunkelhaarig oder blond? Mit Zöpfen oder kurzhaarig? Welches ist Ihr Heidi? Ist es das bambihafte Geschöpf aus dem japanischen Trickfilm, das brave Dorfmädchen aus dem Schweizer Film von 1952, das schlichte Kind aus dem Silva-Buch, oder das kecke aus der Fernsehserie von 1974? Je nach Generation und Kinderlektüre haben wir unterschiedliche Heidi-Bilder im Kopf. Innere wie äussere.

Das dürfte für die Macher des neuen Heidi-Films, der im Frühjahr 2016 in die Kinos kommt, eine der grössten Knacknüsse für den Erfolg sein. Wählen sie das richtige Heidi-Bild? Der Name der Darstellerin, Anuk Steffen, neunjährig aus Chur, ist bekannt. Aber nicht, wie sie aussieht, nicht welcher Typ Heidi sie ist. Noch wollen die Produzenten von Walt Disney Schweiz und Zodiac Pictures das Mädchen vor allzu viel Neugier schützen – und schüren damit die Neugier. Ihr Versprechen ist ehrgeizig: Der neue Heidi-Film unter der Regie von Alain Gsponer soll authentisch werden. «Drehbuchautorin Petra Volpe hat sich ins Original von Johanna Spyri vertieft», sagt Produzent Lukas Hobi von Zodiac Pictures. Bei all den Adaptionen sei in den letzten Jahrzehnten viel Neues dazuerfunden worden. «Das ist völlig normal. Aber gerade deshalb ist es reizvoll, auf die Bücher zurückzugreifen.»

Das haben auch wir gemacht. Wir haben die Erstausgaben der beiden Spyri-Bände wieder gelesen. «Heidis Lehr- und Wanderjahre» von 1879 und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» von 1881. Kurzweilig ist das, rührend – und es wird klar, warum die Zürcher Schriftstellerin damit so viel Erfolg hatte.

Heidi ist eine Identifikations- und Sehnsuchtsfigur. Heidi entzückt und erzieht den störrischen Geissenpeter, ist das Lichtlein für die blinde Grossmutter, das belebende Elixier für die kranke Klara und die warme Herzöffnerin für den Alp-Öhi hinter seinem kummerverkrusteten Panzer. Und sie weckt auch in uns den Wunsch, so einfach und gut sein zu können. «Heidi macht intuitiv alles richtig», sagt Kinderbuch-Expertin Andrea Bertschi-Kaufmann. Die Professorin an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz (FHNW) erklärt weiter: «Heidi hat unterschiedliche Gesichter, jeder hat ein anderes Bild von Heidi. Aber für alle verkörpert sie das gute Landkind, sie ist unverdorben, naturverbunden und doch schutzbedürftig.»

Johanna Spyri schildert oft das Wesen des Mädchens, seine quirlige, spontane Art, sein Staunen-Können. Es legt schnell die schweren Kleider ab, hüpft im Unterröcklein über die Alp. «Ich will am liebsten gehen wie die Geissen, die haben ganz leichte Beinchen», sagt es zum Grossvater.

Spyri schrieb erstaunlich wenig über Heidis Aussehen. Eine einzige Stelle gibt es. Die blinde Grossmutter fragt die Geissenpeterin: «‹Wie sieht es auch aus, Brigitte?› Diese hatte das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun wohl berichten konnte, wie es aussah. ‹Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war›, gab sie zur Antwort; ‹aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den zweien gleich.›»

Die schwarzen Augen sind ein wichtiges, durchgehendes Motiv: Sie können den Geissenpeter anfunkeln, dass er ganz zahm wird, dunkel und traurig rühren sie den alten Frankfurter Doktor. Heidis natürliche Haare stören Fräulein Rottenmeier und verblüffen Klara: «Ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?»

Der Alte droben, der Alm-Öhi, wie er in der im deutschen Gotha erschienenen Erstausgabe heisst, wird im neuen Heidi-Film von Bruno Ganz gespielt werden. Wie lange wird sein Bart? Produzent Hobi lacht. «Wichtiger als die Bartlänge ist uns, im Film die Geschichte differenziert umzusetzen. Also beispielsweise den Gegensatz Stadt - Land nicht holzschnittartig umzusetzen. Die Bergwelt bei Spyri ist nicht nur heil und sonnig, sondern da gibts Armut, Hunger und auch Dreck. Und Frankfurt ist nicht nur die feindliche Stadt. Heidi lernt viel, und dort gibt es herzensgute Menschen.»

Der Gegensatz Stadt - Land bediene das Klischee von der Schweiz, sagt Bertschi. Aber gerade weil Spyri nicht nur ein Gut-böse-Schema anlege, mache das ihren Roman glaubwürdig und damit erfolgreich.

Hobi verspricht: «Es wird ein Familienfilm. Historisch präzis und dabei modern und sinnlich.» Das heisst, der Film ist in der Zeit um 1875 angesiedelt. Regisseur Alain Gsponer hat in «Akte Grüninger» gezeigt, dass er historische Ereignisse glaubhaft umzusetzen weiss. Aber es bedeutet auch, dass mit der heutigen Aufnahmetechnik spannende Details möglich sind. So lässt sich etwa mit leichter Hand dem wirbligen Kind folgen, wie Johanna Spyri das sehr schön beschrieb: «Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da waren ganze Trüppchen feiner, roter Himmelsschlüsselchen beieinander, und überall lachten und nickten die zartblätterigen, goldenen Cystusröschen in der Sonne.»

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