Wenn die wichtigste Werkschau des Schweizer Films im Januar ihren fünfzigsten Geburtstag feiert, verteilt sie die besten Geschenke gleich selbst. Ein Jubiläumsfilmprogramm beispielsweise, das 14 Schweizer Dokumentar- und Spielfilme umfasst, die seit den Anfangsjahren der Filmtage besonders kontrovers diskutiert wurden. Filme wie Alain Tanners Spielfilmdebüt «Charles mort ou vif» (1969), der damals den Geist der Achtundsechziger beschwor, oder «Züri brennt» (1981), der die Wut der Achtziger-Unruhen auf Zelluloid bannte.

«Schaut man auf die Anfänge zurück, sieht man, dass damals das Politische hoch im Kurs war», sagt Seraina Rohrer, die ihr viertes Jahr als Direktorin der Filmtage angeht. Im Hinblick auf die neuen Schweizer Filme im Programm hat sie eine inhaltliche Verschiebung ausgemacht: «Jetzt rückt das Private ins Zentrum. Viele der diesjährigen Filme setzen sich mit dem Konstrukt der Familie auseinander und beleuchten es in seiner ganzen Komplexität.»

Claudia Lorenz’ Eröffnungsfilm «Unter der Haut» beispielsweise zeigt die beiden Schweizer Filmpreisträger Ursina Lardi und Dominique Jann (Bild) als entfremdetes Ehepaar, das mit der unwiderruflichen Erschütterung ihres gemeinsamen Heims zurechtkommen muss. Und Simon Jaquemets «Chrieg», der schon am Zurich Film Festival aufhorchen liess, erzählt von einem Jugendlichen, der in die Berge geschickt wird, weil er in der Familie nicht mehr tragbar ist. «Jaquemet und Lorenz sind zwei junge Regisseure, die eine wirklich starke filmische Art des Erzählens haben», findet Rohrer. «Und die sehr genau beobachten, was passiert, wenn sich in einer Familie etwas verändert.»

Dysfunktionale Familien stehen nicht nur bei den jungen Filmschaffenden im Fokus. «Usfahrt Oerlike» von Paul Riniker ist zwar ein Buddy-Movie über zwei Senioren (gespielt von Mathias Gnädinger und Jörg Schneider). Aber auch hier leidet einer der Protagonisten unter der schwierigen Beziehung zu seinem Sohn. Das Thema Familie zieht sich auch durch das Kurzfilmprogramm, verspricht Rohrer. Warum kreisen gerade dieses Jahr so viele Filme um dieses Thema? «Der Rückzug ins Private ist auch ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend. Man versucht sich im Privaten zu verwirklichen. Die Filme widerspiegeln diesen Zeitgeist.»

Rohrer bestreitet, dass es in der heutigen Schweiz zu wenig Krisen gibt, die man filmisch aufarbeiten könnte. Die Schweizer Filmlandschaft habe immer noch ein Interesse an der Politik: «Wenn man andere neuere Filme anschaut wie «L’abri» von Fernand Melgar oder Jean-Stéphane Brons «L’expérience Blocher», kann man nicht behaupten, dass alle plötzlich apolitisch geworden sind.» Man suche heute aber bei den politischen Themen oft auch nach der privaten Befindlichkeit. «Politische Krisen können auch private Krisen sein.»

Pedro Lenz schickt sich derweil an, die Befindlichkeit gleich einer ganzen Region zu ergründen. Ein Jahr nachdem die Verfilmung seines Mundartromans «Der Goalie bin ig» an den Filmtagen Premiere feierte und danach zu einem Siegeszug durch die landesweiten Kinosäle ansetzte, kehrt der in Olten lebhafte Schriftsteller mit dem Dokumentarfilm «Mitten ins Land» nach Solothurn zurück. «Pedro, der im Film als einer der Protagonisten zu sehen ist, ist auf der Spur der Seele des Mittellands. Er versucht Heimat über Sprache zu ergründen. Das bietet sich filmisch sehr an, weil das sehr poetisch ist.»

Eine weitere Premiere an den Solothurner Filmtagen ist «Dog Men» von Mirko und Dario Bischofberger. Das junge Brüderpaar hat im Herbst die Schweizer Filmszene mit der Gründung einer Bewegung namens «Swiss Fiction Movement» aufgemischt. Ihr Mantra, mit wenig Geld grosse Schweizer Spielfilme zu realisieren, haben sie nun selber umgesetzt: «Dog Men» ist ein Science-Fiction-Film, der mit beschränkten Mitteln in Schwarzweiss und fast ohne Dialoge gedreht wurde. Ein Kontrapunkt zum übrigen Programm in Solothurn. «Die Schweiz ist das Land der Autoren- und Dokumentarfilmer. Genrefilme haben keine Tradition. Aber von den Jungen kommt vermehrt der Wunsch, solche Filme nach dem Vorbild des internationalen Genrekinos zu machen.» In ihrem Bestreben, das nationale Filmschaffen in seiner ganzen Vielfalt abzubilden, war es Rohrer wichtig, auch den Brüdern Bischofberger eine Plattform zu geben.

Nach vier Jahren als Direktorin fühlt sich Seraina Rohrer stärker in Solothurn angekommen. «Ich habe mehr Erfahrung und packe die Dinge nun anders an als beim ersten Mal.» In langweiliger Routine erstarrt sie aber nicht. «Auf das Jubiläum hin haben wir das komplette Erscheinungsbild der Filmtage neu aufgegleist. Solche grossen Herausforderungen gibt es jedes Jahr aufs Neue. Das gefällt mir.»

Am meisten freut sich Rohrer auf die illustren Jubiläumsgäste. «Ich kann es kaum erwarten, in Anwesenheit von Ursula Meier ihren Film ‹Home› zu sehen, einen meiner Lieblingsfilme.» Auch dies ein Vorzeigewerk über das abrupte Ende eines Familienidylls. Wie passend.

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