Von Benno Tuchschmid

Das Bild der Krise ist eine Schlange. Droht der finanzielle Kollaps, reihen sich die Menschen ein. In den 20er-Jahren, als die Kurse an der Börse in New York, an der Wall Street, zusammenbrachen und die Menschen verzweifelt ihr Erspartes am Bankschalter abheben wollten; heute in Griechenland, wo das Wirtschaftssystem am Abgrund taumelt. Nur endet die Menschenkette 2015 nicht mehr in einer Schalterhalle. Sie endet vor einer Maschine mit einer Zahlentastatur, einem Bildschirm, zwei Schlitzen und einem Auswurffach – vor dem Bancomaten.

Der Geldautomat ist der wahrscheinlich meistunterschätzte Apparat der Welt. Paul Volcker, ehemaliger Vorsitzender der US-Notenbank, nannte den Geldautomaten die einzig gesellschaftlich nützliche Finanzinnovation der letzten 20 Jahre. Der Bancomat hat unsere Gesellschaft radikal verändert, weit über die finanziellen Aspekte hinaus.

Dank ihm trennt den Menschen nur ein PIN-Code vor der Erfüllung seiner Wünsche im gigantischen Supermarkt der Möglichkeiten namens Kapitalismus. Der Geldsoziologe Phil Mader von der Universität Basel nennt die Maschine deshalb «ein Symbol für die vollkommene Individualisierung unserer Gesellschaft». Wann immer der Konsument will, spuckt der Geldautomat Bares aus. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.

Das Gerät selbst ist simpel, eigentlich nichts anderes als ein Tresor mit elektronischer Benutzeroberfläche. In den 70er-Jahren war er der erste Computer, der der Bevölkerung zugänglich wurde. Weit vor dem PC.

1970 gab es in der Schweiz 54 Geldspuckmaschinen, heute ist der Bancomat überall. 2,8 Millionen weltweit. Allein in der Schweiz sind es 6985 Banco- und Postomaten. In Städten, in Dörfern, auf Autobahnraststätten, in Shoppingzentren. Letztes Jahr haben die Schweizer weit über 16 Milliarden Franken und über 523 Millionen Euro abgehoben. Pro Bezug sacken die Schweizer im Schnitt 220 Franken ein.

Es gab eine Welt vor dem Bancomaten. Doch es war eine andere. Eine Welt der Bürozeiten. Eine Welt, in der der Herr Bankdirektor noch eine gesellschaftliche Autorität war. Bei schwindenden Kontobeständen sandten Bankbeamte schon einmal kritische Blicke durch die Panzerglasscheibe. Soziale Kontrolle. Die Wut der Kunden entlud sich am Schalter. Das geht heute kaum noch. Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich, sagt: «Gegenüber einem Bankangestellten kann man sich leichter empören. Von einem Bancomaten kommt nicht viel zurück. Das hat Symbolcharakter.» Der Bancomat hat unser Leben vereinfacht und mechanisiert.

Das Gerät steht laut Tobias Straumann für die beispiellose Rationalisierung des Bankengeschäfts. Eine Auszahlung bringt keinen Umsatz. Maschinen sind günstiger. Straumann sagt: «Etwas überspitzt formuliert: Die Banken wenden heute nur noch Zeit auf für Kunden, die ein hohes Vermögen auf dem Konto haben.» Die Folge: In Griechenland stehen die verarmten Menschen vor den rund 5000 Geldmaschinen des Landes Schlange. Menschen vor Maschinen. Der Bancomat kennt kein Mitleid.

Dabei hatten die Banken anfangs durchaus selbst Bedenken, dass sich die Kunden durch die Geldautomaten abgefertigt fühlen könnten, als diese in den 80er-Jahren zu boomen begannen. Es gab deshalb Versuche, den Bancomat-Kunden mit Telefonleitungen die Möglichkeit zu geben, Kundenberatern Fragen zu stellen. Doch die Angst der Banken vor der Sensibilität der Kunden war unbegründet. Die Menschen mochten die Effizienz. Die Geldinstitute passten sich an und verwandelten ihre Foyers in «hoch technisierte Schnellzonen», wie die Kulturwissenschaftlerin Sophia Booz in ihrer Arbeit «Von der Schalterhalle zum Erlebnisbanking» schreibt.

Heute ist der Bancomat für die Bürger ein selbstverständlicher Teil der Infrastruktur. Wie der öffentliche Verkehr. «Der Bancomat gibt uns die Illusion, dass Geld einfach da ist», sagt Wolfgang Rother, Philosophie-Professor an der Universität Zürich. Dies habe ihm ein Erlebnis mit seinem Sohn verdeutlicht. Dieser wünscht sich von ihm etwas. Rother antwortete, er habe kein Geld. Sein Sohn sagte: «Dann hols doch beim Automaten.» Solange er Geld ausspuckt, vereinfacht der Bancomat alles.

Doch die Geldquelle in der Wand kann versiegen. Die Maschinen werden von privaten Unternehmen betrieben. Von Banken. Und Banken können wanken oder reguliert werden. Wie in Griechenland. Und dann bestimmt plötzlich nicht mehr der Bankkunde, wie viel der Geldautomat ausspuckt.

Wir hätten die Illusion, dass das Geld uns gehöre, dass es uns Möglichkeiten eröffnet, Freiheit bedeute, so Rother. «Diese Illusion wird zerstört, wenn der Bancomat kein Geld mehr ausspuckt.» Oder wie in Griechenland nur noch 60 Euro am Tag. Das erschüttert das Vertrauen ins System grundsätzlich. «Das ist das Fatale, denn das System basiert auf Vertrauen.»

Vertrauenskrise in Griechenland hin oder her. Der Bancomat verbreitet sich weiter. Gemäss Prognosen von Marktforschungsinstituten wächst die Zahl der Bancomaten bis 2019 jährlich weltweit um rund 5,5 Prozent auf 3,9 Millionen Apparate. Der grösste Boom herrscht in den Schwellenländern Ost-Europas, Asiens und Afrikas. Im Oktober 2014 ging der erste Geldautomat in Somalia in Betrieb. Doch die Zukunft steht dem Automaten nicht gut. Zwar setzten die Hersteller darauf, dass die künftigen Maschinen bald weitere Dienstleistungen übernehmen können. Zum Beispiel Münzen auszahlen. Aber das klingt 2015 nicht gerade revolutionär.

Die digitale Welt wird dem Bargeldautomaten gefährlich. Auf Kreditkarte und E-Banking könnten rein digitale Zahlungssysteme folgen, wie Bit-Coin. «Der Geldautomat ist nur eine Übergangsform», sagt Phil Mader, der in Basel im September eine Konferenz zur Zukunft des Geldes mitorganisiert. «Die Banken haben kein Interesse am Bargeldsystem.» Es ist zu teuer. Die Zukunft liegt im bargeldlosen Zahlungssystem, sagt Mader. Mit weit reichenden Folgen: Digitale Zahlungssysteme hinterlassen Spuren im Netz. Verwertbare, monetarisierbare Spuren. Wer die Spuren lesen kann, weiss alles über das individuelle Konsumverhalten des einzelnen Menschen und kann es lenken, manipulieren. «Ein kolumbianischer Bankdirektor hat es einmal sehr offen formuliert», so Mader. Er sagte: «Unser künftiges Kapital sind die Daten unserer Kunden.»

Gegen diese Zukunftsvision wirkt sogar der kalte Bancomat menschlich.

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