Plötzlich war er da. Wie aus dem Nichts ist der Rapper Xen aufgetaucht. Ohne Label, ohne Plattenfirma. Niemand kannte ihn, und doch hat er mit seinem Debüt «Ich Gäge Mich» die Top 5 der Schweizer Albumhitparade geknackt. Und erst noch mit einem rein digitalen Album. Es ist der zweithöchste Neueinstieg seit der Erhebung der Hitparade. Acht Wochen danach ist «Ich Gäge Mich» noch immer in den Charts. Xen ist damit der bislang erfolgreichste Schweizer Newcomer des Jahres. Wie ist das möglich?

Des Rätsels Lösung heisst iGroove, eine Musik-Plattform der beiden Geschäftspartner Moris Marchionna (36) und Dennis Hausammann (31) aus Lachen SZ. Herzstück ist dabei der Kauf und der Download von Musik über SMS. Direkt und kinderleicht. Angesprochen werden in erster Linie Jugendliche, die keine oder noch keine Kreditkarte haben. Zweitens richtet sich iGroove an Musikfans, die für eine faire Entlohnung von Musikern sind und deshalb nichts mit Apple oder Spotify zu tun haben wollen. «Unsere Vision: Wir wollen Künstlern helfen, mit ihrer Musik Geld zu verdienen», sagt Hausammann.

Musiker wie Xen, die ihre Musik über iGroove anbieten, verdienen bei einem Download bis zu 40 Prozent mehr als beim iTunes-Store von Apple oder anderen Download-Portalen. iGroove kassiert nur eine Kommission von 8 Prozent. Ziemlich fair. Der Konsument hat zudem die Möglichkeit, mehr für die Musik zu bezahlen, als dafür verlangt wird. «Der Musikfan kann auf diese Weise genau die Musik unterstützen, die er mag», erklärt Hausammann. «Im Gegensatz zu einem Streaming-Abo, wo er für Musik bezahlen muss, die er sowieso nie hört.»

iGroove sieht sich denn auch als eine Gegenbewegung zum Streaming und deren schlechte Bezahlung der Musiker. «Wir sind nicht gegen das Streaming, jedoch kann es heute nicht das existierende Download-Modell in vollem Umfang ersetzen», sagt Hausammann.

«iGroove ist eine Ergänzung, die die Bindung der Musikfans zu den Musikern aufrechterhält.»

Streaming verändert die Art des Musikhörens. Es führt gemäss der «Nordwestschweiz» zu einer «Unverbindlichkeit»: «Die Bindungen zwischen Künstler und Fan werden loser. Wie die Leute heissen, die die Musik machen, ist dann nicht mehr so wichtig.» Doch echte Musikfans wollten das nicht. «Sie wollen eine Bindung zu den Musikern oder der Szene», ist Sylvie Widmer vom Berner Label Sound Service überzeugt. Sie seien bereit, «einen angemessenen Betrag für die Musik zu bezahlen». Sie wollten sich mit der Musik und den Künstlern beschäftigen und sich mit einer Community identifizieren.

Xen (sprich: Ssen) ist das beste Beispiel für dieses Verhalten. Als Shkelzen Kastrati ist der Kosovo-Schweizer vor 25 Jahren in Dietikon geboren und aufgewachsen. Über seinen älteren Bruder kam er früh mit Hip-Hop in Verbindung. Begann zu rappen und beatboxen, auch um seine Vergangenheit zu verarbeiten. Früh schon zog es ihn aus dem Haus, in dem er mit seinem Vater und seiner Stiefmutter lebte. In Dietikon bildete sich eine Gefolgschaft von Hip-Hop-Fans aus dem Balkan. Sie motivierte Xen zum Debütalbum, an dem er drei Jahre lang intensiv gearbeitet hatte. «Wir haben alles selber gemacht. Ich brauche kein Majorlabel», sagt Xen. «Wir haben unsere Fanbase über Facebook und Youtube mobilisiert.»

«Ich bin hier aufgewachsen, bin voll integriert, ich bin Schweizer», sagt Xen, der eine Lehre als Lüftungsmonteur abgeschlossen hat und noch hundert Prozent im Beruf arbeitet. Kennzeichen von Xen ist der typische Balkan-Slang. «Ich kann gar nicht Albanisch rappen», sagt er. Anders als der Rapper Baba Usländer, der den Balkan-Slang als eine Art Comedy verwendet, repräsentiert Xen eine neue Schweizer Realität von Mundart-Rappern mit Migrationshintergrund.

Der Künstler Xen ist die Stimme dieser neuen Schweizer Realität. Glaubwürdig und authentisch. Er verarbeitet dabei nicht nur seine eigene Erfahrung, er will auch eine positive Botschaft verbreiten. «Wir helfen Ausländern, sich hier zu integrieren», sagt er. «Ich will eine Brücke zwischen Ausländern und Schweizern bilden und die beiden Welten miteinander verbinden.»

Xen könnte das gelingen, denn inzwischen sind auch Deutschschweizer Rapper wie Greis und Mimiks auf ihn aufmerksam geworden und wollen mit ihm zusammenarbeiten. Mit Gangsta-Rap hat Xen nichts am Hut. Er will Vorbild sein und andere albanischstämmige Schweizer zum Rappen animieren. Die Schweiz hinkt hier hinterher. In Deutschland ist die Hip-Hop-Szene längst von Rappern mit Migrationshintergrund geprägt.

Xen und iGroove sind ideale Partner. Aber beide stehen erst am Anfang. In den letzten vier Jahren wurde iGroove entwickelt und verfeinert. Ein entscheidender Moment war, als Florian Ast im letzten November seinen Song «Paul» als Benefiz-Song anbot. 80 Prozent der Downloads sind via SMS über iGroove erfolgt. «Da wussten wir, dass es klappen würde», sagt Hausammann.

Inzwischen sind es gegen 500 SMS-Käufe pro Tag. Tendenz steigend. Die beiden Geschäftsführer können von den Einnahmen leben. Die grossen Labels und Majorlabels der Musikindustrie waren zunächst zurückhaltend. Inzwischen haben auch sie gemerkt, wie lukrativ das Geschäft mit den SMS-Downloads ist. Verhandlungen laufen.

Hausammann sieht den SMS-Verkauf als Ergänzung zum normalen Download und schätzt, dass iGroove die Verkäufe fast verdoppeln kann. Und iGroove schielt ins Ausland. Anfragen aus Osteuropa und dem Balkan, wo es viele gibt, die nicht über eine Kreditkarte verfügen, liegen vor. Noch weiter ist man in Deutschland. Die ersten Tests mit Rapper Cro und anderen sind abgeschlossen, und Hausammann rechnet damit, dass der Service in den nächsten drei bis vier Wochen in Deutschland verfügbar sein wird.

Anfang Juli hat der Rapper EAZ, auch er albanischstämmig, den Coup seines Kumpels Xen wiederholt und ist auf Platz 8 der Hitparade eingestiegen. In seinem Windschatten folgte der Schweizer Rapper Bobby BrookZ mit dem Album «Asura». Sound Service war das erste und einzige renommierte Label, das auch auf iGroove setzte. Der Lohn: Platz 10 mit der Hip-Hop-Combo LCone/Ali/Sad und dem Album «Inoue».

Es lohnt sich, gegen den Strom zu schwimmen.

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