Humor hatte das Schweizer Fernsehen von Anfang an. Als an der Landesausstellung 1939 die ersten Bewegtbild-Test-Sendungen der Nation ausgestrahlt wurden, sorgte das Radiokabarett für den Inhalt. Der Start war harmonisch. Danach kamen die Missverständnisse in der Beziehung Humor/SRF, die unter anderem einen toten Hasen das Leben kostete. Aber dazu später mehr.

Fakt ist: Erst Viktor Giacobbo hat das gebührenfinanzierte Fernsehen mit dem Lachen versöhnt. Weil er den heiligen Gral des TV-Geschäfts mit sich brachte: Gute Quoten und gute Kritiken. Letztere liessen im Verlauf seines Schaffens zwar nach. Top-Quoten aber hatte er bis zuletzt. «Sonst hätte ich die Sendung schon längst nicht mehr», sagt er. Ende 2016 geht die Ära Giacobbo am TV (vorläufig) zu Ende. Giacobbo/Müller ziehen sich zurück. Zeit für einen kleinen Rückblick auf den gebührenfinanzierten Humor.

Als 1953 das Schweizer Fernsehen seinen regulären Betrieb aufnimmt, kalauern Legenden wie Stefanie Glaser, Schaggi Streuli («Polizischt Wäckerli») und Alfred Rasser durch die Unterhaltungssendungen. Das Publikum darf konkordant und staatstragend lachen. Kleinkunst-Expertin und SRF-2-Kultur-Journalistin Barbara B. Peter hat über das Thema Satire im TV eine Doktorarbeit verfasst. Sie bezeichnet das Kabarett jener Zeit als Teil der «Grüezi-Unterhaltung». Möglichst günstig, möglichst lustig.

Passend, im Kalten Krieg sah sich die SRG lange als Teil des helvetischen Bollwerks gegen den Kommunismus. Frischer Wind kam erst in den 80er-Jahren in die muffigen Redaktionsstuben – und mit dem Durchzug auch schletzende Türen. «Denkpause» hiess die 10-minütige Sendung, in der Franz Hohler zur besten Sendezeit, zwischen der Hauptausgabe der «Tagesschau» und «Aktenzeichen XY», der in den Röhrenschirm starrenden Nation politische Satire vortrug. Seine Idee, ein Kriegsdienstverweigerer-Lied vorzusingen, war den Entscheidungsträgern dann doch etwas zu viel Glasnost und Perestroika. Sie übertrugen stattdessen lieber eine Wiederholung. Hohler trat zurück.

Zu politischem Kabarett hatten die Verantwortlichen am Leutschenbach ein gespanntes Verhältnis. Im Gegensatz zu ihren Rundfunk-Kollegen: «Der Ort für scharfe Satire war und ist das Radio», sagt Barbara B. Peter.

Bis Anfang der 90er Viktor Giacobbo die Zauberformel findet. Barbara B. Peter nennt sein kabarettistisches Konzept «mehrheitsfähige Frechheiten». Scharfe, bissige Parodien mischen sich mit eher kollegialen Studio-Interviews, bei denen jede kritische Frage von einem wohlwollenden Augenzwinkern begleitet wird.

Ein Stil, der zur Schweiz passt. Jenny Hofmann, Humorforscherin am Institut für Persönlichkeitspsychologie der Universität Zürich, sagt: «Wir Schweizer haben nicht weniger Humor, kommunizieren aber generell weniger direkt als unsere deutschsprachigen Nachbarn.» Das wirke sich auf unseren Geschmack im Humor aus. Konkret: Wir mögen es im Allgemeinen weniger ruppig.

Giacobbo hatte 1990 mit «Viktors Programm» seine erste eigene Sendung. Und erst noch auf einem PremiumSendeplatz um 20 Uhr. «Es war mutig, uns gegen den sogenannten Beromünster Beton antreten zu lassen», sagt Viktor Giacobbo. «Beromünster-Beton» nannte man jene Zuschauer, für die die «Tagesschau» auf «dem Schweizer» einem schon fast heiligen Ritual entsprach, das sie sich ungern von einem jungen Komiker abrunden liessen.

Die 1990er-Jahre waren der kreative Höhepunkt der Service-public-Comedy. Giacobbo lockte erst mit seinem «Viktors Programm» (1990–1994), danach mit «Viktors Spätprogramm» (1995–2002) die Massen vor den Schirm. Ab 1996 sorgte Frank Baumann mit «Ventil» vier Jahre lang spätabends für avantgardistische Kamikaze-Unterhaltung. Er habe «absolute Freiheit» gehabt, sagt Baumann. Nur nach seiner zweitletzten Sendung habe der damalige Direktor Peter Schellenberg wutentbrannt angerufen, nachdem Baumann im «Ventil» einen Hasen erschossen hatte. Baumann erklärte ihm, das seikein lebendiger Hase, sondern ein ausgestopfter gewesen. «Genau das hat ihn wütend gemacht. Er fand, wenn schon provozieren, dann richtig – und einen echten Hasen umlegen.»

Nach dem Ende von «Viktors Spätprogramm» 2002 folgte eine Zeit des Misserfolgs. Ende der 90er-Jahre war schon Dieter Moor mit seiner Late-Night-Sendung «NightMoor» gescheitert. 2005 hielt sich das Format «Black’N’Blond» mit Roman Kilchsperger und Chris von Rohr kein Jahr. Seit 2008 sorgten Giacobbo/Müller für Ruhe. Bald könnte es in der Abteilung Humor wieder unruhiger werden.

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