Zum Schluss von Shakespeares Komödien herrschen stets gesittete Zustände. Es wird verheiratet, wer standesgemäss zusammengehört. Doch bis es so weit ist, wird es regenbogenbunt getrieben. Feenköniginnen verlieben sich in Esel. Teenager wechseln die Angebeteten im Minutentakt. Männer verlieben sich in Männer und Frauen in Frauen. Im Stück «Was ihr wollt» etwa, verguckt sich die reiche Gräfin Olivia in die blutjunge Viola, die allerdings als Jüngling Cesario verkleidet auftritt. Als Olivia später Violas Zwillingsbruder Sebastian begegnet, überträgt sich ihre unsterbliche Leidenschaft sogleich auf ihn. Die Moral von der Geschichte: Das biologische Geschlecht ist nichts, die Erscheinung, das Kostüm, das Verhalten alles. Männlichkeit und Weiblichkeit: alles ist nur eine Frage der «Performance».

So hat Shakespeare die Hauptthese der Gendertheorie der 1970er-Jahre vorweggenommen. Kein Wunder, hat die Literaturwissenschaft ihre helle Freude an Shakespeares Komödien. Sie demontieren das soziale Konstrukt vom Geschlecht lustvoll, und kokettieren frivol mit allen möglichen Spielarten von Erotik, die von der Norm abweichen.

Nicht nur für die Gender-Wissenschafter, auch für die schwulen, lesbischen, bisexuellen und transsexuellen Menschen selbst sind Shakespeares Werke ein Steilpass. Sie kämpfen nicht in der Theorie, sondern in der alltäglichen Praxis von jeher gegen ausgrenzende und herabsetzende Normen an.

So erstaunt es nicht, dass sich auch homo- und bisexuelle Filmschaffende immer wieder gern Shakespeare zuwenden. Einige entsprechende Filme werden am diesjährigen schwullesbischen Filmfestival Pink Apple gezeigt. Mitkonzipiert hat den Shakespeare-Schwerpunkt des Festivals der Anglist Martin Mühlheim, der auch einen Vortrag zum Thema «Queer Shakespeare» halten wird: zu Aspekten «nicht-normaler» Sexualität in Shakespeares Texten, in ihrer Rezeptionsgeschichte und in ihrem Fortleben auf der Leinwand.

«Seit Ende der 1960er-Jahre ist es für Filmemacher einfacher, Shakespeares Behandlung von Homosexualität oder Geschlechteridentität in offener Weise umzusetzen», sagt Mühlheim. Für viele schwule Künstler sei Shakespeares Werk ein Geschenk: «Er ist der wichtigste Dramatiker überhaupt, und an seinem Werk können Schwule und Lesben zeigen: Wir waren schon immer da», sagt Mühlheim. Zu ihren beliebtesten Shakespeare-Filmvorlagen gehörten «Romeo und Julia», die Komödien und die Sonette.

Der Literaturwissenschafter warnt aber davor, das Spiel mit der Homoerotik nur auf Shakespeare zurückzuführen. Das sei ein Phänomen der gesamten Renaissance, das sich auch an Michelangelos Werken beobachten liesse. Das Aussergewöhnliche an Shakespeare sei, dass er als Dramatiker eine derart globale und anhaltende Wirkung entfaltet habe.

Auch das Crossdressing war keine spitzbübische Erfindung von Shakespeare, sondern eine Grundtatsache auf den Bühnen der elisabethanischen Zeit. Frauen als Schauspielerinnen, das hätten die Engländer als Prostitution gesehen. Sämtliche Rollen wurden mit Männern besetzt, auch die weiblichen. Englisches Theater war Transvestitentheater.

Heterosexuelle Bühnenpaare wurden also zu Shakespeares Zeit von zwei Männern dargestellt. Die Kussszene von Romeo und Julia: Ein Kuss zweier Männer. Das war grosses Schwulentheater, ganz offenkundig und institutionalisiert. Im Fall von Viola, die von Gräfin Olivia als Jüngling Cesario begehrt wird, stand auf der Bühne ein Mann, der eine Frau spielt, die einen Mann spielt. Eine lesbische Fantasie, dargestellt von zwei Männern.

Hat hier ein Theaterautor seine persönlichen Vorlieben auf die Bühne gebracht? Mit Blick auf Shakespeares Sonette scheint es so. In diesem raffinierten Zyklus von Liebesgedichten ist nur ein kleiner Teil an eine Frau gerichtet. Die makelbehaftete «Dark Lady» steht einer Überfülle von Sonetten gegenüber, die einen jungen Schönling idealisieren und anhimmeln. Shakespeare knüpft an eine lyrische Form an, die sich an eine perfekte, aber unerreichbare Angebetete richten – und setzt den perfekten, unerreichbaren Mann ein. Das ist Homoerotik, die mit Homosexualität mindestens kokettiert.

Die Diskussionen darüber, ob Shakespeare zwar Frau und Kinder hatte, selber insgeheim schwul oder bisexuell war, flammen immer wieder auf. Über sein Leben ist wenig Gesichertes bekannt, und so kann spekuliert werden. Laut Mühlheim ist für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werk die sexuelle Orientierung des Autors unwichtig. Die Texte leben auf der Bühne und im Film in einer prallen, sich ständig erweiternden Vielfalt weiter, neben der wohl auch die ganze Wahrheit über die Person ihres Schöpfers blass aussehen würde.

«Queer Shakespeare» am 19. Filmfestival Pink Apple vom 27. April–5. Mai, Arthouse-Movie-Kinos Zürich; 6.–8. Mai Cinema Luna Frauenfeld. www.pinkapple.ch

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