Die «Du»-Ausgabe vom Dezember 1991 ist ein geheftetes Max-Frisch-Denkmal. 144 Seiten Frisch. In der Nahaufnahme. Mensch Frisch. Auf dem Sterbebett hatte der Schriftsteller dem damaligen «Du»-Chefredaktor Dieter Bachmann Zugang zu bisher Unveröffentlichtem eröffnet: Fotografien, Texte, Briefe. Lauter Mosaiksteine eines der grössten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, die sich in dem Heft zum Bild zusammenfügten, zu einem Kunstwerk in sich. Da hatten zwei zusammengepasst.

Hatten. Heute passiert gar nichts mehr zwischen Frisch und «Du», oder dem, was von beiden übrig geblieben ist. Klar ist: Ein Frisch-«Du» zum 25. Todestag am 4. April wird es nicht geben.

Was ist passiert? Kurz gesagt: Die Schweiz ist passiert. Der Reihe nach. Im Herbst des vergangenen Jahres hatte der heutige Besitzer und Chefredaktor des «Du», Oliver Prange, einen Brief an die Max-Frisch-Stiftung versandt. Ob sie sich vorstellen könnte, im April eine Max-Frisch-Nummer mitzufinanzieren, fragte er. Kostenpunkt: 60 000 Franken.

Dort dachte man nach – und sagte: nein. Im Gegensatz zur Charlotte-Kerr- Dürrenmatt-Stiftung, die im Dezember eine viel beachtete «Du»-Nummer über Dürrenmatt mitfinanziert hatte. Der Entscheid sei weniger aus politischen Gründen gefallen, so Thomas Strässle, Präsident der Max-Frisch-Stiftung: «Es lag kein überzeugendes Konzept vor. Ausserdem sind wir dagegen, uns Publizität für Max Frisch zu erkaufen.»

Um Politik sollte es erst später gehen. Erst einmal ging es um Geld. Das ist bei der Frisch-Stiftung vorhanden. Noch immer gehen jährlich 300 000 Exemplare über den Ladentisch. Weniger Auflage hat das «Du» – rund 10 000 verkaufte Exemplare. Es würde ohne Herausgeber Prange kaum mehr existieren. Er versucht, das Heft mit einem Geschäftsmodell zu finanzieren, das die einen als innovativ, andere als verwerflich bezeichnen. Prange, der unter anderem den Persönlich-Verlag zu neuem Leben erweckt hatte, übernahm das «Du» 2007, als es nach Jahren des kontinuierlichen Abstiegs kurz vor dem Aus stand (siehe Box). Über Jahrzehnte hatte das 1941 gegründete «Du» seinen Platz auf den Salon-Tischen des Bildungsbürgertums.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute liegen dort Bildbände über dänische Innenarchitektur, und das «Du» finanziert sich nun über Sponsoren. Prange sagt: «Das ‹Du› deckt sich zu einem Drittel aus Sponsorenbeiträgen, wie andere Kulturinstitutionen auch.» Für die monothematischen Nummern geht Prange externe Geldgeber an, die ein Interesse an der Publikation haben könnten, sie finanzieren die Ausgaben mit – und erhalten im Gegenzug ein schönes Heft, das sie verteilen können. Eher unüblich für eine traditionsreiche Kultur-Publikation wie das «Du». Aber vielleicht auch die einzige Überlebenschance für das Magazin. Die Aufregung über das umstrittene Geschäftsmodell blieb lange Zeit aus. Im Gegenteil: Diverse Kulturinstitutionen sprangen dankbar auf. Unter ihnen das hochsubventionierte Opernhaus, wo der hauseigene Chefdramaturg Interviews mit dem Chefdirigenten führte.

Erst als Christoph Blocher ins Spiel kam, explodierte das Ganze. Er öffnete im Herbst im Museum Oskar Reinhart in Winterthur seine Sammlung für die Öffentlichkeit – eine Woche vor den Wahlen. Begleitet wurde die Ausstellung durch eine «Du»-Nummer mit dem Titel «Hodler, Anker, Giacometti. Meisterwerke der Sammlung Christoph Blocher», die Christoph Blocher online gratis zum Download anbot.

Lukas Bärfuss widmete darauf der Zeitschrift «Du» in seinem Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» eine Passage. Das einstige «Zentralorgan des honorablen, kunstbeflissenen Bürgertums» habe «eine Woche vor den nationalen Wahlen den politischen Extremismus mit den Weihen der Kunst bemäntelt und rechtfertigt» – und sich kaufen lassen. Der Literaturkritiker Stefan Zweifel reagierte ebenfalls und zog seinen Beitrag aus der geplanten Dürrenmatt-Ausgabe zurück.

Lukas Bärfuss ist Mitglied im Stiftungsrat der Max-Frisch-Stiftung. Und war im Nachhinein froh, dass er im Stiftungsrat gegen das Angebot des «Du» gestimmt hatte, was ihn jedoch nicht daran hinderte, das «Du» für eigene Publizität zu nutzen. In der auf die Blocher-Nummer folgenden Ausgabe erschien ein Interview mit ihm. Das Interview sei lange zuvor geführt worden, sagt Bärfuss dazu. Aber er hätte früher auf das Geschäftsprinzip des «Du» aufmerksam werden sollen. Bärfuss kritisiert, dass durch Modelle wie beim «Du» «journalistische Unabhängigkeit zerstört und eine weitere traditionsreiche Marke in der Schweizer Presselandschaft ausgehöhlt werde».

Stiftungspräsident Strässle doppelt nach: «Max Frisch würde wohl wenig von diesem Geschäftsmodell halten». Er habe schon in den 80er-Jahren in einem Interview mit der «Wochenzeitung» moniert, dass eine zu enge Verbindung von Presse und Wirtschaft bestehe.

Prange dagegen versteht die Aufregung nicht: «Gerade von Schriftstellern wünschte ich mir mehr Toleranz». Einiges deutlicher wird sein Freund und ehemaliger Geschäftspartner Matthias Ackeret: «Was Bärfuss und Co. betreiben, ist Rufmord.» Der Publizist ist Autor des Bestsellers «Das BlocherPrinzip».

Prange gibt zu, dass der Aufruhr um das «Du» zu wirtschaftlichen Einbussen geführt habe. «Es gab Abo-Einbussen, aber gleichzeitig viele Neubestellungen», sagt Prange. Recherchen zeigen, dass unter anderem das Lucerne Festival seine mehrjährige Zusammenarbeit mit dem «Du» aufkündet. Und in der Hauspublikation des Kooperationspartners Schauspielhaus kritisiert Stefan Zweifel das «Du» hart: «Die Kultur steht zum Ausverkauf.» Die Aufregung habe er sich nicht gewünscht, sagt Prange, doch: «Ich würde wieder so handeln.»

Als Max Frisch den damaligen «Du»-Chefredaktor Dieter Bachmann zum letzten Mal bei sich zu Hause empfing und ihm Teile seines Nachlasses überreichte, liess er dem Journalisten freie Hand. Nur eines wollte er nicht. «Mach mich nicht zu einem Schweizer.» Der fichierte Bürger Frisch hatte sich in seinen letzten Jahren zornig vom Schweizer Staat abgewandt. Ironischerweise ist er just zu seinem 25. Todestag Teil einer typischen Schweizer Geschichte geworden.

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