Von Martin R. Dean*

Basel verwandelt sich jedes Jahr im Juni in ein quirliges Märchen der Jungen, Reichen und Schönen. Überquert man den Rhein auf der Mittleren Brücke, ist man auf einmal nicht mehr im proletarischen Ausländerquartier Kleinbasel, sondern wähnt sich im 1. Pariser Arrondissement, im Londoner Westend oder in New Yorks 5th Avenue.

Was ist passiert? Ist der Scheich von Brunei in Basel gelandet, um am alljährlichen Rheinschwimmen mitzumachen? Haben Roche und NovArtis ihr Kapital für einmal nicht an die grossen Institutionen, sondern unters niedere Volk verteilt? Da, wo die Kebab-Buden in die Latte-macchiato-Cafés und diese in die Bars von Jungbeizern übergehen, wo in der stillgelegten Roten Meile an der Rheingasse die Tagediebe und Lebenskünstler herumlungern, gerade da kommen einem toughe Grüppchen von Jungvolk in Designerklamotten entgegen, die Gesichter nicht nur vom Champagner, sondern auch vom Big Business gerötet.

Die einen sind auf dem Weg von den Messehallen zur «Young Art Fair», die anderen von der «Scope» am Rheinufer ins Kunstmuseum. Mannsvolk mit leuchtenden Hemden und Zigarren – und natürlich mit Frauen, deren Anblick einen für einen Moment aus der Fassung bringt! Sie alle erzeugen eine unwirkliche Atmosphäre, als läge die Stadt nicht am Rheinknie, sondern am Hudson und der Themse zugleich: Es ist Art.

Einmal im Jahr also geht der Traum in Erfüllung, eine Grossstadt zu sein, weder über Niederflurträmli noch über Unterflurcontainer debattieren zu müssen, sondern nur einfach mitgehen, mitgucken, mittrinken und mitschwimmen zu dürfen. Einmal im Jahr dieser Schubs in eine Extraliga. Auch der ins Olympische entrückte FC Basel muss dieser Tage für unser Wohlgefühl nicht bemüht werden, das macht die Megamesse.

Art am Morgen, wenn die schwarzen Messelimousinen durch die krummen Gassen schnurren, Art am Mittag, wenn das Galeristenvolk auf den Trottoirs mit spitzen Schuhen Zigaretten ausdrückt, Art am Abend, wenn in der ganzen Stadt kein einziges gutes Restaurant mit einem freien Platz mehr zu haben ist. Und danach noch Art by Night, legendäre Partys, die uns umso verwegener erscheinen, je weniger wir dabei sind.

Beim einen oder anderen wirft der zelebrierte Reichtum und das viele Geld, das im Umlauf ist, kritische Fragen auf. Gehts auch wirklich mit legalen Mitteln zu? Auch dass die Händler immer länger unter sich sein wollen und die Messetore fürs breite Volk immer später öffnen, erzeugt Unmut.

Dennoch muss man zugegeben: Eine Woche lang geniessen wir die Verwandlung der Stadt von einem Provinzflecken in eine flirrende Metropole. Die Hotels und Restaurants boomen, die Taxis fahren ununterbrochen, der Escortservice legt Überstunden ein, Privatleute räumen die letzte Besenkammer, um sie zu einem horrenden Mietpreis an das Art- Fussvolk zu verschachern. Der Kommerz dringt in alle Ritzen und Spalten des Alltags ein. Wer in der Art-Woche mit einem Freund in Ruhe ein Glas trinken will, muss weit weg fahren, am besten ins Baselland; dort grasen die Kühe, und man hat seine Ruhe.

Denn die Art ist wie ein Rhizom, das sich in unzähligen Events über die ganze Stadt verbreitet. Es werden Filme gezeigt, die «Liste» wArtet mit jungen Talenten auf, und neu werden an der «photo basel» Fotografien als Kunstwerke gezeigt, zusammengetragen aus der ganzen Welt. Ein besonders interessanter Tentakel des Art-Kraken ist der «Parcours», der heuer mitten durch Grossbasel greift und auf dem Münsterplatz mit einer Installation von Abschleppwagen einen Höhepunkt darstellen dürfte. Denn was als Trabant um die Art kreist, ist oft interessanter, offener und verquerer als das, was in den Hallen verhandelt wird.

Vielleicht reagiert die Messeleitung mit dem stärkeren Einbezug der Stadt auf die Entfremdungsgefühle, die sich zwischen den beiden eingestellt haben. Je grösser, erfolgreicher und globaler die Art wurde, desto mehr liess sie die Stadt aussen vor. Normalbetuchte fanden immer weniger Einlass an Vernissagen und Partys, die Idee der Art zeigte ihr nacktes, kommerzielles Gesicht. Sie machte die Stadt zur Kulisse und liess die einheimischen Künstler und Künstlerinnen in einem Ausmass beiseite, die empören musste. Immer weniger hatte mit Kunst, immer mehr mit Kommerz zu tun.

Denn Kunst interpretiert das Reale neu und ist ein Medium der (Selbst-)Erfahrung. Ihr Nebenaspekt, dass sie Handelsware ist, droht mit der globalisierten Messe zum Hauptaspekt zu werden. Und das ist, als kämen bei einem Medikament nur noch die Nebenwirkungen zum Tragen.

Allein die Art «Unlimited» dürfte dieses Jahr mit Werken von Ai Weiwei, Kenneth Anger, John M. Armleder, Ed Atkins, Kader Attia, Julius von Bismarck und Olafur Eliasson jene Reibung erzeugen, die Kunst wieder zur unbequemen Hauptsache und zum Schlüssel für ein neues Gegenwartsverstehen macht. Dabei ist uns bei Messeschluss der Kater gewiss, wenn die Rückverwandlung Basels von einer flirrenden, aufgeregten Kunsthauptstadt in einen beschaulichen Flecken am Rhein beginnt.

* Martin R. Dean (59) aus Basel ist Schriftsteller (u. a. «Ein Koffer voller Wünsche», «Falsches Quartett») und Träger zahlreicher nationaler und internationaler Kulturauszeichnungen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper