Burgruine Klöch in der Südsteiermark. Der Vorhang fällt, Luca Hänni und seine neue Band stehen auf der Bühne, weibliche Fans kreischen sich die Seele aus dem Leib. Miriam, Sarah und Co. haben ein Ticket für die exklusive Albumpräsentation gewonnen und sind deswegen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich angereist, um hier im äussersten Zipfel der Steiermark, einen Steinwurf von der slowenischen Grenze, einen besonderen Tag mit ihrem Schwarm zu verbringen. «Wahnsinn», sagt dazu Luca Hänni oft und gern. Es ist der normale Wahnsinn im Leben eines Teenie-Stars.

Luca Hänni ist der Justin Bieber der Schweiz, ein Teeniestar zum Anfassen. Über 330 000 Tonträger hat der Sieger von «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS) in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft. Das soll ihm erst mal einer nachmachen.

Und doch ist die Karriere des Berner Sängers in einer schwierigen, entscheidenden Phase. Denn Casting-Sieger verschwinden in der Regel spätestens nach dem zweiten Album von der Bildfläche. Dazu haben Teenie-Stars eine kurze Halbwertszeit. «Niemand ist so illoyal wie Teenies. Nichts ist für eine 21-Jährige so uncool, wie das, was sie mit 14 gehört hat», sagt der bekannte deutsche Pop-Produzent und heutige Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten in Berlin Tim Renner. Der Wechsel vom Teenie-Star zum respektierten Pop-Künstler ist etwas vom Schwierigsten. Und nur die Besten, wie Michael Jackson, Robbie Williams und Justin Timberlake, schaffen den Ausbruch aus der Teenie-Falle.

Luca Hänni ist sich der Problematik bewusst und hat deshalb in seinem Umfeld so ziemlich alles umgekrempelt. «Ich bin an einem Wendepunkt», sagt er, «ich bin erwachsener geworden und will die Sache jetzt in die eigenen Hände nehmen.»

Bisher war er weitgehend fremdbestimmt. Beim ersten Album «My Name Is Luca» (2012), gleich nach dem Sieg bei «DSDS», hat Pop-Titan Dieter Bohlen Regie geführt und dem damals 17-jährigen Greenhorn alles pfannenfertig vorgesetzt. Zum zweiten Album «Living Dream» (2013), das er mit holländischen Produzenten aufnahm, konnte er immerhin zwei Songs beisteuern. Doch wirklich zufrieden war er damit nicht. «Ich spürte, dass mehr drinliegt», sagt er, «besser als Dieter Bohlen kann ich das sowieso.»

Luca lernte den in die USA ausgewanderten Schweizer Produzenten und Komponisten Fabian Egger kennen, der schon mit Big Sean arbeitete und für Nicki Minaj schrieb, zog für drei Monate nach Los Angeles und bastelte dort mit einem amerikanischen Produzententeam unter der Leitung von Egger am neuen Sound von Luca Hänni. Das Ergebnis ist ein Quantensprung. Klang Hänni bisher ziemlich altbacken, im Stil des europäischen Dancefloor, bewegt sich sein neuer Sound nun Richtung Justin Timberlake. Der neue Luca Hänni klingt nach amerikanischen R ’n’ B und internationalem Pop und macht damit auch gleich seine Ambitionen deutlich. «Ich will raus, in andere Länder», sagt er. Holland, Grossbritannien und die USA stehen bereits auf der Agenda für 2016.

Zum Emanzipationsprozess gehört, dass er sich von seinem deutschen Management, der deutschen Booking-Agentur sowie vom Major Universal getrennt hat und zum Schweizer Independent-Label Musikvertrieb gewechselt ist. Gerade mit Blick auf seine internationalen Ziele ist das ein geschickter Schachzug, denn das Schweizer Label kooperiert seit neustem mit dem grossen deutschen Independent-Label PIAS (Milky Chance, Editors, Archive). «Ich will ein Label, das an mich glaubt und mit mir den Weg gehen will», sagt Hänni. Gleichzeitig hat er das Booking der Oltner Stargarage übergeben und das Familienunternehmen Luca Music GmbH gegründet, in dem sein Stiefbruder Cyril Schmid die Geschäfte leitet. Luca Hänni hat alles unter Kontrolle. Das Casting-Küken ist flügge geworden.

Das neue Luca-Universum ist schweizerischer, die Ansprüche internationaler. Entscheidend wird sein, ob er das Teenie-Image abstreifen kann und neue, auch ältere Fans gewinnen kann. Dabei spielt Slädu eine zentrale Rolle. Der 46-jährige Berner ist einer der besten Gitarristen der Schweiz, war bei Gölä, DJ BoBo, Florian und zuletzt acht Jahre musikalischer Direktor bei Bligg. Jetzt will er seine langjährige Erfahrung dem jungen Sänger weitergeben. «Luca muss beweisen, dass er mehr ist als ein Teenie-Schwarm. Er muss die bestehenden Vorurteile widerlegen, und das geht am besten über Live-Konzerte», sagt Slädu. Wer live bestehen kann, verschafft sich Respekt und besteht auch als Künstler.

Slädu hat die Band aus bestandenen Schweizer Musikern zusammengestellt und die Aufgabe, die Studio-Songs mit Druck auf die Bühne zu bringen. Bisher ist Luca Hänni auch oft Solo mit Halb-Playback aufgetreten. Das Ergebnis war unbefriedigend. Jetzt soll er nur noch im Bandkontext auftreten. So wie am Konzert auf der Burgruine in Klöch. Die internationale Feuertaufe ist geglückt.
Slädu glaubt an Luca. «Er kann das, ich bewundere seine Energie», sagt er. Die Absturzgefahr ist in diesem Entwicklungsprozess gross, bei Luca sieht er sie nicht: «Er hat alles, was es braucht. Er ist bodenständig, zielstrebig, hochprofessionell, spielt mehrere Instrumente, hat eine tolle Bühnenpräsenz und kann singen.» Es herrscht Aufbruchstimmung. Jetzt muss er nur noch abheben. Flieg, Luca, flieg!

Luca Hänni: When We Wake Up, Musikvertrieb/PIAS. Erscheint am 18. Sept. Live:
25. 9. Schupfart (ausverkauft). 12. 11. Lyss; 14. 11. Nordportal Baden; 5. 12. Musigburg Aarburg; 12. 3. Kofmehl Solothurn.

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