Unser Handy taugt durchaus zu mehr als verwackelte Videoaufnahmen der ersten Gehversuche des Familiennachwuchses oder lustige Grussbotschaften an unsere Freunde. Das beweisen Anlässe wie das Mobile Motion Filmfestival in Zürich (MoMo), das dieses Wochenende zum dritten Mal stattfindet. Dort zu sehen sind ausschliesslich Filme, die mit dem Smartphone gedreht wurden. Viele von ihnen bewegen sich schon auf Kinoniveau.

Zum Beispiel der Psychothriller «And Uneasy Lies the Mind» von Ricky Fosheim. Der Amerikaner ist Stargast am diesjährigen MoMo und hat als einer der Ersten überhaupt einen Handyfilm in Spielfilmlänge gedreht. «And Uneasy Lies the Mind» ist 87 Minuten lang und wurde komplett mit dem iPhone 5 gefilmt. Fosheim beweist, dass Filmemachen keine Herkulesaufgabe ist, teure Profiausrüstung war gestern.

Offizieller Filmtrailer zu «And Uneasy Lies the Mind»

In fünf einfachen Schritten erklärt er, wie jeder von uns zum Handy-Hitchcock werden kann – und was wir Hollywood dabei voraushaben:

1. Die Vorbereitung

Ohne Idee kein Film: «Die Story kommt immer an erster Stelle», sagt Fosheim. Sein Film erzählt die simple Geschichte eines Ehestreits – allerdings als Rückblende, aus der Perspektive eines sterbenden Mannes. «Um das darzustellen, brauchte ich dreckige, körnige, düstere Bilder. Ich merkte schnell, dass das mit meinem iPhone viel besser geht als mit meiner professionellen Red-One-Kamera.» Und wenn der ausgebildete Kameramann sein Smartphone während des Drehs an eine Stromquelle anschloss, blitzte das Bild jeweils kurz auf. «Das passte super, es sah aus wie die gestörte Hirnaktivität meines Protagonisten», erzählt Fosheim und lacht.

2. Pimp your Phone

Für richtige Kinobilder lohnen sich ein paar erschwingliche Zukäufe. Ein Muss ist laut Fosheim die App Filmic Pro (Fr. 15.–): «Sie lässt dich die Belichtung und die Auflösung steuern, was die Qualität der Aufnahmen stark verbessert.» Der Filmemacher rät auch zum Kauf eines Stativs (ca. Fr. 100.–), um Wackler auszumerzen. Die teuerste Investition betrifft die Kameralinse. Zunächst braucht es eine Spezialhülle (ca. Fr. 200.–), an die sich die Linse anschliessen lässt. Für seinen Film arbeitete Ricky Fosheim mit einer 35-mm-Linse, die es ab 800 Franken gibt. Das ist weitaus günstiger als eine professionelle Red-One-Kamera, die um die 30 000 Franken kostet.

3. Und, action!

Sobald wir auch unsere Darsteller gefunden haben (Fosheim rekrutierte in seinem Freundeskreis), kanns losgehen. Der Dreh mit dem Handy hat einen grossen Vorteil: Die Ausrüstung ist klein und handlich. «Ich konnte die Kamera an ganz enge Orte wie in der Waschkammer, im Küchenregal oder in der Autotüre platzieren», erzählt Fosheim. «Und bei einer Schlittel-Szene konnte meine Darsteller sich selber filmen.» So würden völlig unkonventionelle und spannende Aufnahmen gelingen, die in Hollywood unmöglich sind. Allerdings sollte man sich auch auf unvorhergesehene Hindernisse gefasst machen, meint Fosheim. Er drehte «And Uneasy Lies the Mind» in einem Bergchalet bei Minustemperaturen. «Nach 30 Sekunden stellte meine iPhone-Kamera von alleine ab. Ich wechselte zwischen drei iPhones ab und wärmte die anderen zwei währenddessen unter meiner Achselhöhle», lacht der Regisseur.

4. Die Nachbearbeitung

Es gibt viele Apps, mit denen wir unsere fertigen Aufnahmen nun zusammenfügen könnten. Ricky Fosheim rät aber, die Filmszenen auf dem Computer zu schneiden, zum Beispiel mit Final Cut Pro. Der Vorteil: die bessere Übersicht. Wir könnten unseren Film nachträglich auch mit Bildeffekten versehen: Unschärfen, Verzerrungen, Zeitlupen... «And Uneasy Lies the Mind» ist gespickt damit. Fosheim rät: «Versuche, so viel wie möglich schon mit der Kamera einzufangen. Deine Bilder wirken dann viel natürlicher.»

5. Die Veröffentlichung

Unser Film ist im Kasten, jetzt soll er an die Leute. Ein Upload auf Videoportalen wie Youtube oder Vimeo bietet sich an. Und natürlich das Einsenden an ein Filmfestival. «Die Anzahl Festivals für Handyfilme hat definitiv zugenommen», weiss Fosheim. «Das Mobile Motion in Zürich ist toll, die Bedingungen dort sind sehr professionell.» Der Stargast aus Kalifornien glaubt, dass sich immer mehr Menschen für Handyfilme interessieren, weil sie das Filmemachen demokratisieren. «Heute kann jeder mit geringen Mitteln Filme quasi auf Hollywoodniveau drehen.»

Klar ist aber: Talent, ein gutes Auge und filmisches Flair lassen sich durch nichts ersetzen. Die Technologie komme bei einem guten Handyfilm immer erst an zweiter Stelle, hinter der Story. Experte Fosheim weiss: «Die wichtigste Frage, die man sich stellen muss, ist nicht: Wie mache ich das? Sondern: Warum mache ich das?»