Prächtige Farben, unvergessliche Songs und die vielleicht mitreissendste Liebesgeschichte aller Zeiten: «Beauty and the Beast» ist der ultimative Disneyfilm. Als er 1991 in den Kinos lief, wurde er als erster Trickfilm überhaupt für den Oscar für den besten Film des Jahres nominiert. Nun, 26 Jahre später, kommt das Märchen als Realverfilmung wieder ins Kino, grösser, berauschender und ambitionierter. Die «Schweiz am Wochenende» trifft die Stars des Films, dessen Trailer auf Youtube bereits sämtliche Rekorde gebrochen hat, zum Interviewtermin in London.

«Wir spürten eine riesige Verantwortung gegenüber unserer Kindheit und unseren Erinnerungen», sagt Dan Stevens (34), der das neue Biest spielt, über sich und Emma Watson (26), die in die Rolle der schönen Belle schlüpft. «Unsere Generation hat den Trickfilm geliebt. Dieses Märchen mitsamt seinen Botschaften neu zu erzählen, war eine einmalige Chance.»

Die Schöne und das Biest - der Trailer

Der neue Kinofilm ist zwar fast doppelt so lange wie der Trickfilm und spielt neu in einem französischen Dorf im Jahr 1740, hält sich aber ansonsten ziemlich genau an das Original: Belle ist ein belesenes Landei, das zu Beginn dem Dorf-Macho Gaston eine Abfuhr erteilt, weil sie von mehr träumt als häuslicher Langeweile. Als eines Tages Belles Vater verschwindet, rettet sie ihn aus einem verwunschenen Schloss, wo sie dann selbst vom Biest gefangen gehalten wird. «Die Belle aus dem Trickfilm war Disneys erste Feministin, sie war ein Bruch mit all den typischen Prinzessinnen von früher», erklärt Emma Watson den Reiz ihrer neuen Rolle.

Ikone für Frauenrechte

Regisseur Bill Condon erzählt, er habe gar nie eine andere Schauspielerin als Emma Watson in Betracht gezogen, «wegen ihrer Intelligenz, ihrem Aktivismus, ihrer Vorbildfunktion». Tatsächlich ist die britische Darstellerin seit dem Ende der «Harry Potter»-Filme, mit denen sie weltberühmt wurde, zu einer Ikone für Frauenrechte avanciert. Ihre bewegende Rede vor der UNO im September 2016, als sie Chancengleichheit für Frauen forderte, hat grossen Eindruck hinterlassen, auch bei Watsons Co-Stars. «Es war wenige Wochen nach dieser Rede, als ich Emma zum ersten Mal traf», erinnert sich Dan Stevens. «Als ich dann miterlebte, wie sie ihre Gedanken und ihre Haltung in die Filmfigur einfliessen liess, dachte ich: Wow, hier kommt alles zusammen.»

Emma Watson glaubt, dass «Beauty and the Beast» jungen Frauen Mut machen wird. «Der Film hat eine Botschaft: Du bist jemand, den man ernst nehmen muss. Du bist stark. Du musst die Erwartungen von anderen nicht erfüllen. Du hast eine Wahl und bestimmst dein eigenes Schicksal.»

US-Regisseur Condon liess es sich nicht nehmen, Belle einen etwas moderneren Schliff zu verpassen. So ist in der Neuversion nicht mehr nur Belles Vater ein Erfinder, sondern auch sie, und in einer anderen Szene bringt Belle einem kleinen Mädchen das Lesen bei. Dass Emma Watson diese Rolle spielt, so vermutet der Filmemacher, sei möglicherweise Schicksal. «Als mir Emma erzählte, wie sie als Kind die Videokassette des Trickfilms spielte, bis sie kaputt ging, dachte ich mir: Vielleicht war Belle ihr grosses Vorbild, vielleicht hat jener Film mitgeholfen, sie zu der Person zu machen, die sie heute ist.»

Vorbilder wie Emma Watson seien gerade heute wichtig, ist das Filmteam überzeugt. «Unsere Arbeit an ‹Beauty and the Beast› begann vor zwei Jahren, der Stoff hat durch die Präsidentschaftswahl in den USA aber eine ganz andere Färbung erhalten», findet Regisseur Condon. Luke Evans spitzt diese Aussage zu: «Schauen wir nur Gaston an: Er hält sich für den Grössten und Besten, und als er zur Jagd auf das Biest ruft, manipuliert er die Ängste der Leute im Dorf. Ich glaube, es ist klar, welche echte Person er repräsentiert.»

Belle ist die Einzige, die Gaston durchschaut. Nur sie erkennt die edle Seele des Biests, das sich am Schluss dank Belles Liebe in einen attraktiven Prinzen zurückverwandelt. Es ist aber genau diese Pointe, für die der Stoff immer wieder kritisiert wird. Die Soziologin und Frauenrechtlerin Eva Illouz etwa beschreibt in einem Essay, das aktuell im Schweizer Filmmagazin «Frame» abgedruckt ist, «Beauty and the Beast» als antifeministisch. Denn der Film würde lehren, dass Frauen belohnt würden, wenn sie bei Männern übers Biestige hinwegsehen.

Dieser Kritik könne sie teilweise zustimmen, entgegnet Emma Watson. Sie schlägt vor, aus dieser Gleichung aber die Geschlechter zu entfernen. «Da ist einfach eine Person, die eine andere Person betrachtet und am äusseren Erscheinen sowie an sämtlichen Vorurteilen vorbeiblickt, bis sie die innere Schönheit dieser Person erkennt.» Dan Stevens ergänzt: «Belle und das Biest emanzipieren sich ja gerade von Geschlechterklischees. Sie baut Geräte und er lernt, dass es nicht unmännlich ist, seine romantische Seite zu zeigen.»

Die Kraft von Märchen

Viel Platz für kritische Gedanken gesteht dieser Kinofilm seinen Zuschauern sowieso kaum zu. «Beauty and the Beast» ist luxuriös bebildert, laut und viel zu lang, gerade in seiner prächtigen Überschwänglichkeit aber auch mitreissend. An den Kinokassen wird der Film zweifellos einschlagen.

Emma Watson weiss: Mehr Menschen werden diesen Film sehen als jemals ihre Rede hören. «Seit meiner Ansprache bei der UNO werde ich gefragt, ob sich meine Filmarbeit jetzt nicht bedeutungslos anfühle», sagt die Schauspielerin zum Schluss des Gesprächs. «Ich finde: Nein, im Gegenteil. Denn um die Denkweise von Menschen zu ändern, musst du ihnen Alternativen zeigen können. Und genau da entfalten Märchen wie ‹Die Schöne und das Biest› eine ungeheure Kraft.»

Beauty and the Beast (USA 2017) 129 Min. Regie: Bill Condon. Ab 16. März im Kino.