Von Anna Kardos

Neu = gut. Die Formel gilt in der Werbung seit eh und je. Also prangt das bewährte Familienmüesli, die Sonnencreme oder das Vollwaschmittel alle paar Jahre in neuem Design, neuer Verpackung oder in neuer Zusammensetzung im Laden.

Neu = gut. Das gilt neuerdings auch in der Literatur. Zumindest könnte zu diesem Schluss kommen, wer die Namen auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises vergleicht. Jahr für Jahr im November wird der renommierteste aller Schweizer Literaturpreise verliehen. Und Jahr für Jahr findet sich unter den bekannten Namen – von Peter Stamm über Urs Widmer, Charles Lewinsky bis zu Peter von Matt – auch ein gänzlich unbekannter.

Spielt da der literarische Zufall? Oder das Kalkül der Jury? Heinrich Vogler, 2014 zum ersten Mal Jury-Mitglied, fegt den zweiten Gedanken vom Tisch: «Es gilt nur der Text. Er wird angeschaut, in Kontext zu anderen Texten gesetzt. Etwas anderes zählt nicht.»

Klar. Zufälle gibt es. Doch wenn der Blitz zum sechsten Mal ins selbe Haus einschlägt, im Lotto wiederholt die gleichen Zahlen gewinnen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn als diese Woche zum siebten Mal die Finalisten des Buchpreises verkündet wurden, fand sich zum sechsten Mal in deren Reihen ein Erstlingswerk. Diesmal der Roman «Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin» des 36-jährigen Heinz Helle. Vielleicht wird er schon in Bälde von null auf hundert aufdrehen. Denn nichts anderes blüht dem Sieger. Der Autor Rolf Lappert, seinerzeit erster Gewinner des neu gegründeten Buchpreises, fand in der hiesigen Presse im Jahr vor seiner Nomination ganze zwei Mal Erwähnung. Im Jahr nach dem Preis erhöhte sich diese Zahl auf rund 250 Mal.

Und wenn schon von den Anfängen die Rede ist: Damals schon war eine Debütantin unter den Finalisten – die Journalistin Anja Jardine. Auf sie folgte zwei Jahre später mit dem wohl fulminantesten literarischen Debüt der letzten Jahre Dorothee Elmiger («Einladung an die Waghalsigen»), die, obwohl noch keine dreissig Jahre alt, 2014 bereits zum zweiten Mal für den Buchpreis nominiert ist. Die ersten Werke von Monica Cantieni oder Jonas Lüscher zierten ebenfalls die Shortlist. Genauso Thomas Meyers herzerwärmender Erstling «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse».

Ist also doch besser, was neuer ist? Den Schweizer Buchpreis mit einem Kaufhaus der frischesten Texte zu vergleichen, wäre vermessen. Und laut Dani Landolf, Geschäftsführer des SBVV (Schweizerischer Buchhändler- und Verlegerverband), sei es in keiner Weise Ziel.

«Debütanten zu fördern, ist nicht das Konzept des Preises», stellt er klar: «Ob Mann oder Frau, Alter, Verlag, Vielschreiber oder junger Schriftsteller – ist egal. Was zählt, ist der Text». Doch eine Jury ist eine Jury, ihre Mitglieder Menschen. Und Dani Landolf erzählt, wie schön es sei, einem jüngeren Autor eine Chance zu geben, ihn oder sie auf eine Plattform zu heben.

Also neige die Jury manchmal bei ähnlich guten Texten dazu, einem Newcomer eher eine Chance zu geben – «aber das spielt sich im Bereich des Feinstofflichen ab», fügt er an.

Ist die Chance einmal da, müsse sich das prämierte Buch ohnehin selber durchsetzen. Und nicht jeder Buchpreisträger startet gleichermassen durch. Die jungen Wilden sind gegenüber den jungen Milden im Vorteil. Landolf erklärt: «Ein stilles, langsames Buch hat es schwerer, ein Publikum zu finden. Anders als eines, das aus dem Leben gegriffen ist. Damit spricht man eine breite Leserschaft an.» Heinrich Vogler bestätigt: «Die Kriterien sind sehr individuell. Ein guter Text ist für mich ein Text, der mir auf überraschende Art etwas erzählt. Etwas, das ich so noch nicht gelesen habe.»

Vielleicht sind die Jungen von heute mutiger, suchender. Vielleicht spricht die «Generation Individuum» auch in ihren Büchern eine ganz eigene Sprache und öffnet der Literatur damit neue Perspektiven.

Neu = gut. Das gilt also tatsächlich auch in der Literatur. Nur muss man den Umstand von der anderen Seite her betrachten: Gut sind die Debütanten nicht, weil sie neu sind. Gut sind sie, weil sie einfach – gut sind.

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