Von Sabine Altorfer und Susanne Weiss

Samir, Gratulation! Sie werden von der Schweiz ins Oscar-Rennen geschickt. Wie fühlt sich das an?
Samir: Extrem überraschend! Normalerweise schickt man Spielfilme. Dass nun ein Dokumentarfilm über ein Migrationsthema von der Schweiz ausgewählt wird, ist aussergewöhnlich. Das hat mich sehr gefreut. Für Freudensprünge bin ich mittlerweile aber zu alt. (lacht )

Haben Sie nun ein Eheproblem? Auch Ihre Frau Stina Werenfels war mit «Nora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» auf der Liste des Bundesamtes für Kultur.
(Lacht.) Wir haben das eheintern besprochen. Meine Frau hatte die Grösse zu sagen, dass ihr Film es bei der US-Zensur schwer haben würde und es mehr Sinn mache, dass ich gehe. In meinem Film ist ja auch der USA-Bezug durch die zwei Irak-Kriege stärker gegeben.

Der Irak ist in Ihrem Film Spielball der Weltgeschichte und der Grossmächte. Wird die US-Kritik bei der amerikanischen Academy gut ankommen?
Es hat immer wieder amerikakritische Filme gegeben, die es auf die Shortlist geschafft haben. Und Michael Moore hat mit seinem «Bowling For Columbine» sogar gewonnen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Ende Februar in LA heisst: «And the winner is . . . Samir»?
(Lacht) 0,01% vielleicht? Das eigentliche Ziel ist, auf die Shortlist zu kommen, damit der Film gesehen wird. Das heisst nun Knochenarbeit. Entscheidend ist, wie viel Geld und Zeit man dafür hat, und eventuell auch, ob das Thema aktuell ist. Erschwerend kommt dazu, dass ich in der nominierten Kategorie «Foreign Films» vor allem mit Spielfilmen konkurrenziere. Die werden anders wahrgenommen.

Dann gehen Sie ab Januar auf Promotour?
Wo denken Sie hin? Das fängt jetzt schon an.

Wie gross ist der PR-Aufwand, den man jetzt betreiben muss?
Unglaublich gross. Während wir hier sprechen, rattern auf meinem Ticker die Analysen der letzten Oscar-Nominationen herein. Gestern Nacht bekam ich schon einen Fahrplan für eine dreiwöchige Tournee in den US, die Schweizer Konsulate werden angesprochen, dann gehts in die grossen Städte und zu Treffen mit Journalisten und wichtigen Leuten aus der Filmszene . . .

In der Schweiz war der Film mit 12 000 Eintritten kein Blockbuster . . .
. . . halt, halt! Das muss man in den richtigen Relationen sehen. In den ersten vier Wochen war «Iraqi Odyssee» als einziger Schweizer Film neben amerikanischen Topfilmen unter den besten zwanzig. Dabei hatten wir in Zürich nur Nachmittagsvorstellungen, weil das Kino Houdini abgebrannt ist. Auf unserer Tournee durch Städte und Landkinos hatten wir meist volle Säle, und er läuft immer noch. Der Film hat mich mit der Schweiz versöhnt, denn die bisher 12 000 Eintritte bedeuten, dass viele Leute in der Schweiz neugierig sind auf ein solches Thema.

Wir kennen den Irak als Kriegsschauplatz. Sie zeigen uns gebildete, weltoffene Iraker. Gibt es diesen Irak noch?
Vor zwölf Jahren, direkt nach dem Krieg, hätte ich diese Frage wohl sehr pessimistisch beantwortet. Die heutigen 20- bis 25-Jährigen sind mit Krieg, Embargo und Niedergang aufgewachsen. Aber durch die neuen Medien haben sie die Welt entdeckt und wissen Bescheid über Kultur, Film und Literatur. Und sie widersetzen sich. In den letzten Wochen gab es im Irak riesige Demonstrationen gegen die Korruption der Regierung und für Säkularismus. Unglaublich! Die hiesigen Medien haben einfach nicht darüber berichtet. Auf Facebook habe ich eine verschleierte Frau mit einem Schild «Säkularismus» gesehen, die sagte, sie hätte die Schnauze voll von religiösen Idioten, die die Politik bestimmen. Sie wolle, dass ein säkularer Staat eingerichtet werde. Das, was wir hier haben.

Im Irak passiert etwas, und der Westen schaut nicht hin. Auch Ihr Film ist ein Aufruf zu einem Perspektivwechsel.
Ja, ich sage schon seit einer Weile: Entschuldigung, kommt bitte weg von eurer eurozentristischen Sicht, dass nur der Westen die Zivilisation erfunden hat. Die westliche Politik – basierend auf dem Kolonialismus –, wie sie in den letzten 200 Jahren gegolten hat, ist vorbei. Die Welt schaut heute nach Brasilien, Südafrika, China und Indien.

Ihre irakischen Verwandten leben im Exil. Besteht nicht die Gefahr, dass Ihr Bild von der Heimat nostalgisch verzerrt ist?
Westliche Intellektuelle verstehen Nostalgie oft als negativ und verklärend. In der arabischen Welt ist Nostalgie aber oft ein subversives Mittel. Meine Erzählung der Vergangenheit sagt nichts anderes, als dass früher die verschiedenen Religionen und Kulturen friedlich miteinander gelebt haben. In diesem Sinn verstehe ich die Nostalgie in meinem Film als eine Waffe gegen die religiösen Idioten des IS, die den Leuten erzählen, es gäbe nur einen einzigen, nämlich ihren Weg.

All ihre Onkel, Tanten und Cousins mussten den Irak aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verlassen. Sie sind Flüchtlinge . . .
. . . und das beste Beispiel, um zu zeigen, dass diejenigen, die flüchten, einen hohen Anspruch an das Leben und an sich selber haben. Unter den Flüchtlingen ist vielleicht einer von hundert ein Sozialschmarotzer, 99 haben die Absicht, das Leben zu meistern, gut zu meistern.

Wenn Sie die Nachrichten über die Tausenden Flüchtlinge aus Afrika und Syrien hören, was geht in Ihnen vor?
Was soll ich sagen? Das ist nichts Neues. Europa hat wirklich ein kurzes Gedächtnis. Völkerwanderungen gab es auch 1943 bis 1945, als Tausende von Menschen aus dem Osten kamen. 1956 war es dasselbe. Europa war nie eine ruhige Insel.

Ich kann mir die Bilder der Flüchtlingsströme nicht so locker anschauen.
Ich nehme das nicht locker. Aber wenn man mit solch schrecklichen Geschichten gross geworden ist, dann ist das ein Teil der eigenen Lebensrealität geworden. Menschen können unglaubliche Strapazen überstehen. Entscheidend ist, ob sie Fürsorge und Empathie bekommen und es Menschen gibt, die sie aufnehmen.

Finden Flüchtlinge in der Schweiz genug Empathie?
Jein. Meine Halbschwester Souhair hat hier nur Ablehnung erfahren. Sie durfte nicht bleiben, obwohl sie gut ausgebildet ist und ich für sie alle möglichen Sicherheiten hinterlegt habe. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die sich für die Flüchtlinge einsetzen. Leider bedienten die Medien in den letzten Jahren bloss die Isolationisten. Das Thema wird leider von der SVP am besten bewirtschaftet, weil sie auf das eingeht, was die Leute beschäftigt. Aber man könnte das Ganze doch positiv drehen.

Ihr Vater war in der Schweiz unglücklich, sein Studium wurde nicht anerkannt, seine Arbeit war nicht befriedigend. Heute dürfen Asylbewerber gar nicht mehr arbeiten. Ein Fehler?
Arbeit ist das A und O. Ohne sie gibt es keine Integration. Gibt man den Menschen keine Arbeit, müssen sie ja etwas Dummes tun, um an Geld zu kommen. Ich kenne viele Sans Papiers mit den besten Abschlüssen, die sich für eine sogenannt niedrigere Arbeit nicht zu schade sind.

Wenn Sie in LA gewinnen, wem widmen Sie Ihren Oscar?
Die Widmung ist im Film enthalten: Es ist eine Hommage an meine Familie, zurück bis zu meinem unerschrockenen Grossvater. Durch die Recherchen habe ich auch mehr über mich selbst erfahren und wieso ich geworden bin, wie ich bin. Ich hoffe, dass meine Tochter das eines Tages auch versteht. (lächelt) Einiges hat sie schon übernommen.

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