Es war einmal. Nur drei kurze Worte. Doch für Generationen von Kindern waren sie der Schlüssel zu unbekannten Märchenwelten, waren das Ticket nach Fantasia. Sie luden ein, mit Königen Schlösser zu bewohnen, mit Ronja Räubertochter durch riesige Wälder zu streunen oder mit Meerjungfrauen in die blauen Tiefen des Meeres abzutauchen.

Doch wer diesen Herbst die Auslagen der Kinderbuchabteilungen durchstöbert, wird die drei kurzen Wörter vermissen. Statt Märchenschlössern und Fabelwesen zieren die Covers vermehrt Bilder, wie man sie aus den Nachrichten kennt: Flüchtlingsfamilien; Symbole des Islam oder Polizeiübergriffe auf Farbige – zwar kindergerecht stilisiert, dennoch unverkennbar.

«Welt oh Welt, du hast mich wieder», stöhnte einst Faust, vom Goethe’schen Fantasytrip zurückgekehrt. Seit Neuem scheint die Welt sich nicht mehr mit Faust zu begnügen, sondern nimmt gleich auch die Kinder- und Jugendliteratur in Beschlag. Was hat es mit dieser Entwicklung auf sich? Jugendmedien-Forscherin Christine Lötscher erklärt, das Phänomen sei nicht neu: «Die Umwelt und damit verbundene pädagogische Debatten wirken sich immer auf die Kinder- und Jugendliteratur aus. Und zwar, seit die Kinderliteratur im Zeitalter der Aufklärung ‹erfunden› wurde.»

Hatten also Dornröschen oder der kleine Däumling mehr mit dem echten Leben zu tun, als man zunächst meint? Tatsächlich sensibilisieren Kindergeschichten die kleinen Zuhörer seit je für Themen wie Ethik und Toleranz. Nur wurde bei Ronja und Co. das Kind des anderen Räuberhauptmanns integriert statt eines aus Eritrea, Toleranz wurde an roten Zöpfen und ungleichen Strümpfen erprobt statt an Andersgläubigen, und Mutig-Sein übten die kleinen Helden an Trollen, Gespenstern und Landstreichern statt an weissen Polizisten.

Realität schon für Kindergärtler
Das Setting hiess damals «Fantasy». Anders in der neuen Kinderliteratur. Hier führt immer häufiger das reale Hier und Jetzt Regie. Und neuerdings beginnt das schon in Bilderbüchern für die Kleinsten: Katharina Tanners «HundeZiegenKrähenMama» über eine depressive Mutter richtet sich an Kindergartenkinder. Genauso Francesca Sannas Bilderbuch «Die Flucht», das von einer Flüchtlingsfamilie handelt. Jugendmedienforscherin Christine Lötscher sieht den Grund dafür ganz klar in der «aktuellen politischen Situation in Europa» und dem «Wunsch, den Kindern zu erklären, was hier eigentlich geschieht».

Denn die Flüchtlingskrise verlange nicht nur nach einer gesellschaftlichen Haltung – sondern ebenfalls nach einer pädagogischen. Das gelte genauso für Themen wie Terrorangst oder Hass-Rhetorik, welche in Social Media immer mehr Raum gewännen. Dabei beobachtet Lötscher ein erstaunliches Phänomen: «In solchen Situationen verschiebt sich die Diskussion teilweise ins Didaktische», meint sie. «Was man eigentlich sich selbst oder anderen Erwachsenen erklären möchte, verpackt man in Kinder- und Jugendbücher.»

Also sind aktuelle Kinderbücher ein Seismograf für Themen, welche auch die Erwachsenenwelt umtreiben.Bloss: Was bringt es, die Probleme der Grossen in den Büchern der Kleinen abzuhandeln? Mehr, als man meint! Denn frei nach «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» kann man behaupten: Worüber Hans Hänschen erzählt, darüber macht er sich auch selbst Gedanken. Und vielleicht kommt er in diesem unkonventionellen Rahmen sogar auf ebenso unkonventionelle Lösungen. Denn wie befand schon Pippi Langstrumpf treffend? «Die Leute sind dumm. In der Schule lernen sie Plutimikation, aber sich etwas Lustiges ausdenken, das können sie nicht.»

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