Mister Richie, «All night long» ist einer Ihrer grössten Hits. Können Sie sich vorstellen, dass Sie jemals zu alt sein könnten, um diesen Song zu singen?
Lionel Richie: Ich war mal bei Oprah Winfrey in der Show, sie sagte zum Publikum: «Ladys, jetzt stelle ich euch Mister All night long vor.» Alle lachten. Ich sagte zu Oprah, dass sich bei mir das «All night long» vielleicht auf eine Stunde beschränke. Sie entgegnete: «Ach komm, Lionel, mach dir nichts vor!» (lacht)

Und wo liegt die Wahrheit?
Nun, die Wahrheit ist: Zum Glück sind Songs wie «Dancing on the Ceiling» oder «All night long» ja nicht wirklich ernst gemeint. Es sind Fun-Songs. In «Brickhouse» beispielsweise mache ich mich über einen älteren Mann lustig. Wenn wir diesen Song heute an Konzerten spielen, zeigen die Jungs mit dem Finger auf mich.

Wie lange möchten Sie noch weitermachen?
So lange Mick Jagger und Paul McCartney weitermachen, kann ich das auch.

Gibt es Songs, die Sie heute nicht mehr singen?
Es geht nicht um den Song oder die Texte, die in meinem Alter komisch klingen mögen. Es geht um meine Stimme, die nicht besser wird. Die Commodores-Lieder der 1970er-Jahre kann ich zwar immer noch bringen, aber ich singe sie jetzt tiefer. Die gleichen Probleme hatte auch Michael Jackson.

Wer besucht heute Ihre Konzerte?
Ich habe drei Generationen von Fans: Die Alten, die bereits Konzerte der Commodores besuchten; die zweite Generation, die mit den 80er-Songs aufgewachsen ist. Die jüngste ist zugleich die Faszinierendste: Das sind die heute 19- bis 27-Jährigen, die noch gar nicht auf der Welt waren, als ich «Easy» schrieb. Sie hören die Lieder, weil ihre Eltern diese Songs spielten. Die Songs sind Teil ihrer Kindheit.

Sie treten bald in der Schweiz auf . . .
. . . für die Schweiz interessiere ich mich natürlich besonders.

Wieso?
Weil meine Freundin aus Zürich kommt. Ich werde also eine äusserst kompetente Reiseleiterin haben, wenn ich im März für ein Konzert in die Schweiz komme.

Okay, und wie ist sie so, Ihre Schweizer Freundin?
(lacht laut) Lisa (Parigi; die Red.) nörgelt viel : Sie sagt, das ist nicht gut, dieses ist falsch. Alle fünf Minuten kommt sie mit irgendetwas. Das ist echt anstrengend. Ich habe das nicht mehr im Griff (lacht).

Sie sind 65 Jahre und machen immer noch neue Alben und probieren neue Genres wie Country aus. Was ist Ihr Rezept, um kreativ und jugendlich zu bleiben?
Das Rezept ist einfach: Ich habe sehr viele junge Leute um mich herum. Meine Kinder Miles und Sofia leben mit mir unter einem Dach. Nicole Richie und zwei Grosskinder leben in der Nähe und sind sehr oft bei mir zu Hause. Meine Freundin hält mich auch auf Trab. Ich bin ständig umgeben von jungen Menschen.

Ist das nicht auch anstrengend?
Klar, sie halten dir den Spiegel vor: Wenn du glaubst, du bist gut drauf und siehst sexy aus, sagt meine 16-jährige Tochter: «So gehst du nicht wirklich aus dem Haus, oder?» Zweitens: Ich bin ständig unterwegs. Wenn ich nach einer Welttournee heimkomme, dann habe ich Asien, Amerika, Europa und den Nahen Osten gesehen. Sobald ich wieder in Beverly Hills bin und mich entspanne, geht es von vorn los.

Sie sind der König der schmalzigen Love-Songs. Wie lebt es sich mit diesem Etikett?
Michael war der King of Pop, Elvis war der King und ich bin der King of Heart. Wer an meine Konzerte geht, schwelgt in süssen Erinnerungen. Das Thema Liebe kommt zum Glück nie aus der Mode. Jeder Mensch wird einmal im Leben zu einer anderen Person sagen: «Ich liebe dich.» Dann spricht er sie aus, die berühmte Lionel-Richie-Zeile. Mit meinen Liedern erinnern sich die Leute an diese speziellen Momente.

Ihre Musik gehört zum Soul- und R&B-Genre. Doch da gab es immer diesen Country-Einfluss. Wie kommt das?
Das erstaunt nicht, wenn man in Alabama auf die Welt gekommen ist. Dort wird nicht gross zwischen Country und R&B unterschieden. Im einen Song heisst es: «oh baby don’t leave me», im anderen «Take this job and shove it». Country und R&B ist einfache Musik von einfachen Leuten.

Ihr Album «Tuskegee» ist sogar ein waschechtes Country-Album. Wie erklären Sie sich diese riesige musikalische Reise? Sie starteten mit The Commodores und machen jetzt Country.
Ich bin in Tuskegee (Alabama) aufgewachsen. Das erklärt eigentlich schon alles. Dort startete ich mit den Commodores. Dann verschlug es mich nach Beverly Hills in Kalifornien, um Jahre später wieder in den Süden zu reisen, um in Nashville ein Country-Album aufzunehmen. Ich bin also gar nicht so weit gereist. Wenn ich in Nashville ankomme, fühle ich mich wie daheim.

Sie wurden in eine Mittelklassefamilie hineingeboren. Sie sind auf dem Campus des Tuskegee Institute aufgewachsen, einer der ersten Universitäten für Schwarze in den USA. Dort haben Sie auch studiert. Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie ihnen erzählten, dass Sie Musiker werden wollten?
Sie waren natürlich schockiert. Sie befürchteten, ich werde mein Leben vergeuden. Ihr Plan war, dass ich Arzt, Anwalt oder irgendwas Anständiges werden würde. Doch ich konnte ihnen keine Perspektive auf eine Bilderbuchkarriere bieten, sondern nur The Commodores – fünf Jungs, die als die schwarzen Beatles die Welt erobern wollten. Meine Eltern dachten damals wohl, ich hätte irgendwas Verbotenes geraucht.

In Ihrer Jugend herrschte immer noch Rassentrennung. Wie war das damals?
Das Universitätsgelände in Tuskegee war eine kleine heile Welt von gut ausgebildeten und respektierten Schwarzen. Die Stadt Montgomery, wo die Bürgerrechtsbewegung ihren Ursprung nahm, liegt nur 38 Meilen von meinem Geburtsort entfernt. Die Bürgerrechtlerin Rosa Parks stammte aus Tuskegee. Sie brachte alles ins Rollen, als sie sich weigerte, einen für Weisse reservierten Bussitz zu räumen. Ich war damals noch zu jung, um all das zu realisieren.

Wie hat Sie das geprägt?
Ich habe nie in Rassenkategorien gedacht. Ich sah mich nie nur als R&B-Sänger. Ich orientierte mich an Elvis und den Beatles, an Stevie Wonder und Marvin Gaye, an Elton John und Billy Joel. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass meine Hautfarbe irgendetwas mit der Musik zu tun hatte, die ich spielte. Rassendenken war für mich völlig fremd. Marvin war für mich genauso gross wie Elvis.

Sie haben sich nie als schwarzer Künstler verstanden?
Nein, nie. Erst als ich ins Musikgeschäft kam, wurde mir klar, dass es diese Rassenschubladen sehr wohl gab.

Was denken Sie über die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA?
Es frustriert mich zutiefst. Es ist, als hätte sich nichts geändert. Eigentlich müsste man meinen, dass die Leute vernünftiger geworden sind, dass sie sich verändert haben. Doch offenbar steckt der Krebs immer noch tief im Gewebe der amerikanischen Gesellschaft. Ich dachte, er sei zerstört, aber er wuchert weiter.

Was muss anders werden in der amerikanischen Gesellschaft, dass wir diese Bilder nicht mehr sehen?
Es braucht wohl einen neuen Martin Luther King. Die Unruhen sollten eigentlich grosse Debatten auslösen. Doch nichts geschieht! Ferguson scheint schon wieder vergessen. Wir eilen von einem medialen Ereignis zum nächsten. Alles dreht sich so schnell, dass wir uns nicht mehr auf ein Thema konzentrieren können.

Sind die neuen Medien schuld daran?
Das ist tatsächlich eine neue Entwicklung. Wir sind alle vernetzt und glauben, die Menschen seien inzwischen intelligenter geworden und nähmen heute mehr Rücksicht auf andere. Aber das stimmt überhaupt nicht. Wir haben alle die News laufend auf unseren Bildschirmen, wir schauen sie an, aber wir setzen uns nicht damit auseinander. Schnell sind wir bei den Sportresultaten, oder wir schauen uns die neuesten Modetrends an, doch auf ein Thema fokussieren können wir uns nicht mehr. Das ist traurig, denn um etwas zu ändern, brauchen wir die Aufmerksamkeit der Menschen. Früher war das einfacher. Heute sitzt jeder vor seinem PC, Tablet oder Smartphone und stumpft ab. Das treibt mich um.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper