Von Birgit Baumann aus Berlin

Was war das denn? «Flüchtlingskrise wird zur Chefsache» titelte der «Tagesspiegel» auf Seite 1. Und darüber war gross Adolf Hitler zu sehen. Natürlich nicht der Echte. Der «Tagesspiegel» wollte damit auf die Verfilmung des umstrittenen Bestsellers «Er ist wieder da» von Timur Vermes hinweisen. Doch der Protest war gross, und so musste sich die Chefredaktion für die «geschmacklose Verbindung von Bild und Text» entschuldigen.

Hitler lässt Deutschland immer noch nicht kalt. Und bald könnte es noch mehr Grund für Aufregung geben. Denn Ende 2015 laufen die Urheberrechte für Hitlers Hetzschrift «Mein Kampf» aus. Derzeit hält sie der Freistaat Bayern, da Hitler zu Lebzeiten seinen Wohnsitz in München hatte. Nach seinem Tod beschlagnahmte die US-Militärregierung sein Vermögen, und dazu zählte auch das Urheberrecht. Später fiel dieses dem Freistaat zu, der seither darüber wacht. Als der britische Verleger Peter McGlee 2012 in Deutschland eine Teilausgabe veröffentlichen wollte, liess Bayern dies untersagen. Doch nach deutschem Gesetz erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers. Das heisst: Ab 2016 kann das in Deutschland verbotene Buch von jedem publiziert werden.

Ein bisschen wird schon in den Buchläden zu sehen sein. Der Franzose Antoine Viktine hat das Buch zum Buch vorgelegt – quasi eine Biografie des «schrecklichsten Buches, das je auf Deutsch geschrieben» wurde», wie der Verlag Hoffmann und Campe erklärt. Vitkine widmet sich auch wenig bekannten Aspekten: Etwa dass Winifred Wagner, die Schwiegertochter des von Hitler verehrten Komponisten, Papier und Büromaterial in die Festung Landsberg schickte, wo Hitler 1923 und 1924 den ersten Teil von «Mein Kampf» schrieb. Oder dass Hitlers Geschwurbel von seinen Vertrauten bearbeitet werden musste, weil es sonst noch weniger lesbar gewesen wäre. Er zeichnet nach, wie die Verkaufszahlen parallel zu Hitlers Aufstieg in die Höhe gingen (12 Millionen bis 1945) und dies Hitler wie der Parteikasse finanziell nutzte. Der Franzose fragt sich, ob die Deutschen nach der Lektüre nicht hätten wissen müssen, was sie erwartet. David Ben Gurion, später Israels Ministerpräsident, warnte schon 1934, nachdem er «Mein Kampf» gelesen hatte: «Hitlers Politik bringt die gesamte Judenheit in Gefahr.»

«Eine Geschichte, die nicht aufhört», nennt er die Zeit nach 1945 und beschreibt, wie sich der Freistaat Bayern über all die Jahre bemüht hat, das Buch in aller Welt verbieten zu lassen, damit aber in vielen Staaten scheiterte, weil das deutsche Urheberrecht nicht anerkannt wurde. Das «most satanic book» ist heute in aller Welt erhältlich – warum also nicht bald auch in Deutschland?

Vitkine selbst sieht das aufrechterhaltene Verbot kritisch, denn: «‹Mein Kampf› ist unter uns, und wird es noch lange bleiben.» Aber welchen Eindruck würde es machen, stünde es in Deutschland auf der «Spiegel»-Bestseller-Liste auf Platz 1? Die Meinungen sind auch hier geteilt. Deutschland sei eine gefestigte Demokratie, meinen die einen, so etwas sei auszuhalten. In Bayern jedoch ist man immer noch skeptisch. Das Institut für Zeitgeschichte München bringt 2016 eine umfangreiche Edition heraus und nennt diese «eine kritische und selbstbewusste Auseinandersetzung mit Hitlers Text».

Man kann sich vorstellen, wer diese eher nicht lesen wird. Und so herrscht in Deutschland mancherorts die Sorge, dass die «braune Bibel» ab 2016 bei Neonazis eine Renaissance erleben könnte. Sie ist laut Verfassungsschutz aber unbegründet. Den Inlandsgeheimdienst alarmiert das nicht. Denn seinen Erkenntnissen nach spielen Schriften und Akteure des «Dritten Reichs» für die Ideologie von Neonazis heute «eine bedeutend geringere Rolle als noch vor 20 Jahren».

Antoine Vitkine: Hitlers «Mein Kampf». Geschichte eines Buches, Hoffmann und Campe.

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