Von René Zeyer*

Der absolute Nullpunkt der Kunst hat seinen Ort gefunden. An der Stadtgrenze von Zürich, direkt unter dem Strassenschild «Zürich-Riesbach», veranstaltete das «Zentrum für politische Schönheit» aus Berlin seinen gross angekündigten Exorzismus, um «Julius Streicher aus Roger Köppel auszutreiben».

Der Weg zum ruchlosen Missbrauch der Begriffe «Performance» und «Aktion» war weit. Er begann im Zürcher Theater am Neumarkt, das im Rahmen seines Festivals «Krieg und Frieden» Künstlergruppen Cartes blanches gegeben hatte. Rund 160 Zuschauer, darunter viele Medienvertreter, wollten dabei sein, wie die Kunst in einer Prozession «zum Privatdomizil von Roger Köppel nach Küsnacht vordringen» werde; wer dafür 35 Franken Eintritt zahlte, sollte auch noch «stinkende Fische» mitnehmen.

Ein «extra für diesen Anlass eingeflogener Voodoo-Priester», der vor einiger Zeit schon für den tödlichen Autounfall des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider «verantwortlich zeichnete», werde Köppel verfluchen, was das Publikum auch vorher schon auf der unter der Ägide des Theaters am Neumarkt aufgeschalteten Website tun durfte. Der Ankündigungstext fuhr fort: «Wir bitten die Bevölkerung, sich in weiten Kreisen an der Deportation des Köppels (ein gemeingefährlicher Straftäter) zu beteiligen.»

Die hirnlose Provokation nahm im weissen Theatersaal ihren Anfang, wo ein hypernervöses Mitglied des «Zentrums für politische Schönheit» Sottisen zum Besten gab: «Julius Köppel, das ist erwiesen, nimmt seine Medikamente gegen Epilepsie nicht.» Kein Wunder, dass das nur spärliche Lacher auslöste. Im Rahmen eines einstudierten Schmierentheaters ergriff dann der Direktor des Neumarkttheaters Peter Kastenmüller nach 15 Minuten das Wort und erklärte die Veranstaltung offiziell für beendet, um «die Grenzen, die uns gesetzt wurden, nicht zu überschreiten». Nach einer «Abstimmung», bei der die fassungslos schweigende Mehrheit überwog, «beschloss» man, sich nun auf den Weg zu Köppel zu machen.

Philipp Ruch, der Kopf hinter dem «Zentrum für politische Schönheit», machte im letzten Herbst bereits Schlagzeilen, als er in der Strassenzeitung «Surprise» zum Mord am SVP-Nationalrat und Besitzer der «Weltwoche» aufrief: «Tötet Roger Köppel!» Obwohl das damals nicht nur vom Zürcher «Tages-Anzeiger» wohlwollend als Ausdruck künstlerischer Freiheit bewertet wurde – es handle sich doch nur um einen «Theatermord» – entschuldigte sich der Herausgeberverein von «Surprise» anschliessend: «Wir haben die Wirkungen und Interpretationen dieses Gastbeitrags eindeutig unterschätzt», seine Publikation sein «ein Fehler» gewesen.

Davon unbeeindruckt, ergriff das Theater am Neumarkt unerschrocken die Gelegenheit, einem drittklassigen Schlingensief-Adepten erneut die Plattform für angeblich künstlerischen Nonsens zu geben. Der Vergleich Köppels mit Julius Streicher, der als Inhaber und Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts «Der Stürmer» 1946 vom Nürnberger Gerichtshof zum Tod durch den Strang verurteilt worden war, die Ankündigung eines Saubannerzugs zum Domizil von Köppel und die Behauptung, ihm einen tödlichen Autounfall anhexen zu wollen, ist zweifellos genauso wenig durch künstlerische Freiheit gedeckt wie die Aufforderung, ihn mit faulen Fischen zu bewerfen. Von den strafrechtlichen Implikationen der Verbalinjurie «gemeingefährlicher Straftäter» ganz zu schweigen. Oder handelte es sich um eine bewusste Provokation, die man doch bitte schön nicht so ernst nehmen sollte? Oder gar ignorieren, weil alles andere Ruchs Erregungsbewirtschaftung Vorschub leistet? Ist Kunst also, wenn man trotzdem lacht? Nein, Kunst kommt von können. Kunst darf alles, nur nicht hirnlos missbraucht werden. Darüber durfte man auf dem mehr als einstündigen Fussmarsch nachdenken, immerhin noch von der Vermutung getragen, dass es tatsächlich noch ein Stündchen weiter nach Küsnacht gehe. Während das hochsubventionierte Theater am Neumarkt für ein Mal nicht vor halb leeren Rängen spielte, sondern dem künstlerischen Nichts ein Heim gab.

Natürlich war der «extra eingeflogene Voodoo-Priester» überraschungsfrei «am Flughafen Zürich festgehalten» worden, der «erfahrene Exorzist» erwies sich als der gleiche Schmierenschauspieler, der bereits die einleitende Rede gehalten hatte und nun, an der Stadtgrenze von Zürich, unterstützt von kindischen Requisiten, meist Unverständliches vom Blatt ablas. Weiter könne man nicht gehen, denn gleich hier fange bereits der Grundbesitz Köppels an, ein Eindringen wäre «Landfriedensbruch», es sei von «Kreisen, die man nicht nennen» könne, bedeutet worden, dass «ein weiteres Vordringen nicht geduldet werde». Ruchs untauglicher Versuch, der Bruchlandung der Kunst das Flair des Illegalen zu geben.

«Was hier aufgeführt wurde, davor muss sich die Schweiz nicht fürchten», sprach Ruch nach Abschluss der «Performance», während sich die gelichteten Reihen der Zuschauer betreten verliefen. Damit hatte er ausnahmsweise recht. Ruch entlarvte sich hier einmal mehr als eitler Selbstdarsteller mit Kriegsbemalung, dem es um nichts anderes als um Aufmerksamkeit für die eigene Person geht. Er hatte sich selbst unter Druck gesetzt, seinen Mordaufruf gegen Köppel zu toppen – und kläglich versagt. Verantwortungs- und orientierungslos geriert sich Ruch als Anti-Künstler, dem wirklich jedes Mittel recht ist, um sich seine 15 Minuten Ruhm zu erobern.

Glücklicherweise war es unnötig, dass ein Polizeiaufgebot den Wohnsitz des so Bedrohten bewachte, während Roger Köppel seine drei kleinen Kinder und seine Frau in Sicherheit bringen musste, denn man weiss ja nie, ob ein Irrer die Aufrufe von Ruch nicht doch ernst nimmt. Dafür sollte man «ihm grusslos eins in die Fresse hauen und anschliessend in ein Jauchefass stecken», um das einmal auf seinem Niveau künstlerisch auszudrücken. Wenn ihn die Lächerlichkeit, der schlimmste Fluch für jeden, der behauptet, Künstler zu sein, nicht schon vorher tötet.

* René Zeyer ist freier Publizist

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