Von Susanna Petrin

An dieser Stelle sei schon einmal tüchtig und schamlos vorgegriffen: Dieser «Freischütz» ist grossartig. So voller Lust, Witz und Traurigkeit, dass man vor Freude weinen könnte. «Leid oder Wonne, beides ruht in deinem Rohr!», wie es im Libretto der Oper heisst. Die Aufführung feiert heute Premiere.

Wir durften zur Generalprobe, die zwei Tage vor der Premiere mitten am Tag stattfindet. Das Publikum trägt Kurzarmhemden, und in der Pause gibt es keinen Sekt. Vor Beginn wird darauf hingewiesen, dass die Probe jederzeit unterbrochen werden könnte und manche Sänger ihre Stimmen noch schonen würden. Der brillante Christof Fischesser, der den Kaspar spielt, ist krank und wird von einem Sänger an der Seite der Bühne ersetzt – hoffentlich hat er sich bis heute erholt.

Die Generalprobe ist die uneitle Schwester der Premiere. Die Karten sind gratis, vor allem Mitarbeiter des Hauses profitieren davon. Und die Künstler spielen zum ersten Mal vor Publikum, spüren die Reaktionen, bekommen Applaus. «Nie in den Applaus hineinsprechen», wird Regisseur Herbert Fritsch eine Sängerin nach der Probe freundlich mahnen.

Bitte keine Ehrfurcht
Fritsch inszeniert Opern für Opernmuffel, also für Menschen, die Opern langweilig finden und normalerweise meiden. So, wie wenn man als Teenager den bis anhin ekligen Wein erstmals schätzen lernt, weil man einen besonders süssen eingeschenkt bekommt. Dank Fritschs Operntrank dürfen auch Opernferne entdecken, was an der Oper so wunderbar ist: die Leidenschaft, getragen von der Musik. Umgekehrt dürften strenge Opernpuristen die Inszenierung albern finden. Was Fritsch will, ist die «pure Lust». Ehrfurcht hingegen sei «das Schädlichste für die Kultur überhaupt», sie töte jedes Leben.

Falls es eine Fritsch-Regel gibt, dann wohl die: Mach es grösser! Der Regisseur dreht in seinen Inszenierungen alles maximal auf, bei gleichzeitiger formaler Strenge und präzisem Timing. Das Bühnenbild ist so knallig und wandelbar wie schlicht; die von Victoria Behr entworfenen Kostüme so opulent wie bunt. Geschminkt sind die Schauspieler im «Freischütz» wie in einem Film von Tim Burton. In ihrer menschlichen Seltsamkeit wecken sie viel Empathie. Selten hat man so mitgefühlt. Selten hat man gemerkt, wie viel die fast 200-jährige Oper Carl Maria von Webers mit einem selber zu tun hat.

Will der Jägersbursche Max (Christopher Ventris) die geliebte Frau zur Braut bekommen, muss er zuerst öffentlich seine Treffsicherheit beweisen. Dieser Druck treibt ihn dazu, sich Kugeln vom Teufel schmieden zu lassen. Und der hat seine eigenen Pläne: Sechs Kugeln sollen des Schützen Ziel verfolgen, doch die siebte will der Teufel selber steuern, ins Herz der Braut.

Da geht es um Leistungsdruck, Versagensangst, Impotenz. Um die Suche nach Liebe und Anerkennung. Und um die kriminellen Mittel, zu denen ein Mensch in der Not greift: Doping, Drogen, Betrug. Nur wenn der Fehlgeleitete das Glück hat, dass ein Heiliger eingreift, bekommt er noch eine Chance. Fritsch wurde als Jugendlicher auf Bewährung freigelassen. Dann wurde er Schauspieler: «Das Theater hat mein Leben gerettet.»

Stück «passiert einfach»
Als Regisseur hat Fritsch bisher mit fast jeder Kugel ins Schwarze getroffen; seine Inszenierungen sind von Berlin bis Kopenhagen gefragt und gefeiert. Trotzdem hat er jedes Mal von neuem Angst, es könnte ihm nicht gelingen. Ist «Der Freischütz» auch seine Geschichte? «So persönlich war noch keine meiner Arbeiten», sagt Fritsch.

Wie schafft es Fritsch, wieder und wieder eine solche Energie in seine Inszenierungen hineinzubringen? «Ich weiss nie, wie ich es gemacht habe. Ich weiss gar nichts, wenn ich auf die Probe komme. Es passiert einfach zusammen mit den Leuten», sagt er. Dass solche Sätze nicht Koketterie sind, bestätigt der Basler Schauspieler Beni Mathis, der im «Freischütz» eine kleine Rolle hat. «Ich habe noch nie einen solchen Probenprozess erlebt», erzählt er. Fritsch komme nicht mit einem festgelegten Konzept, sondern lasse alles im Moment entstehen. Das Tänzchen, das er mit einem Kollegen aufführe, hätten sie selber einstudiert. Fritsch sagte danach: «Danke, so habe ich es mir vorgestellt.»

Fritsch ist 65 und lässt doch nicht ab von seinen riesigen Produktionen. «Ich bin einfach glücklich, wenn ich arbeite.» Bald macht er seine letzte Inszenierung an der Berliner Volksbühne. Worum es geht, kann er nicht sagen. Es gebe noch nichts, sagt Fritsch, keinen Text, keinen Plan. Nichts.

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