Der Abspann ist durch, im dunklen Kinosaal geht endlich das Licht an. «Boah, war das mies», stöhnt mein Sitznachbar. Wir haben soeben den neuen Superheldenfilm «Suicide Squad» geschaut. Besser gesagt: über uns ergehen lassen. Eine cineastische Qual, und diese Erfahrung machten wir während den letzten Monaten nicht zum ersten Mal. «Nach ‹Independence Day›, ‹Tarzan› und ‹Ghostbusters› noch so ein Stuss», klagt mein Sitznachbar, und instinktiv pflichte ich ihm bei. Normalerweise freue ich mich auf die Sommermonate ganz besonders, denn dann veröffentlichen die Hollywoodstudios ihre Kracher. In letzter Zeit aber jagte eine Enttäuschung die nächste.

Trügt das Gefühl? War dieser Kinosommer wirklich so schlecht? Antworten könnte ein Blick auf die Zuschauerzahlen in den Schweizer Kinos geben, mit Fokus auf den Zeitraum von Anfang Mai bis jetzt: die traditionelle Blockbuster-Saison, während der auch die eingangs erwähnten Filme anliefen. Und siehe da! Im Vergleich zu 2015 gingen diesen Sommer knapp 8 Prozent weniger Menschen ins Kino. Offenbar sind also nicht nur mein Sitznachbar und ich mit der aktuellen Filmkost unzufrieden.

Aber halt! Vielleicht lässt sich der Zuschauerschwund auch anders erklären, im Juni war immerhin vier Wochen lang Fussball-Europameisterschaft und jetzt im August zwei Wochen lang Olympia. Bestimmt gab es viele, die während dieser Zeit lieber ihren Sport- als ihren Kinohelden zujubelten, den eigenen Fernseher der Leinwand vorzogen. Ein genauerer Blick auf die Zuschauerzahlen bestätigt diese Vermutung: In jeder der vom runden Leder dominierten Wochen wurden landesweit deutlich unter 100 000 Kinotickets verkauft, während dieser Zeit gingen mindestens ein Drittel weniger Menschen ins Kino als unmittelbar vor und nach der EM. (Olympia dagegen wirkte sich nur geringfügig aus.)

Der Zuschauerknick dieses Jahr ist damit aber nicht abschliessend erklärt. Das beweist ein Blick auf den Sommer vor vier Jahren, als sich das Kino ebenfalls mit EM und Olympia messen musste. Die Zuschauerzahlen müssten damals eigentlich ähnlich gewesen sein wie jetzt. In Wirklichkeit ist die Differenz eklatant: Im Sommer 2012 gingen über 20 Prozent mehr Zuschauer ins Kino. Im Vergleich zu damals blieben die hiesigen Kinos jetzt um fast eine halbe Million Sitze leerer.

Was ist also anders zwischen 2016, 2015 und 2012? Liegt es doch an den Filmen? Hier hilft ein anderer Vergleich weiter: «Ice Age: Collision Course», Teil 5 der beliebten Trickfilmreihe mit dem Eichhörnchen Scrat, war diesen Sommer mit knapp 215 000 Zuschauern der erfolgreichste Film in den Schweizer Kinos. Für sich genommen eine stattliche Zahl. Doch im Sommer 2015 hatte der Animationsfilm «Minions» noch fast drei Mal so viele Leute vor die Leinwand (640 000) gelockt, und sogar die zweiterfolgreichste Sommerveröffentlichung «Jurassic World», kam auf deutlich mehr (360 000).

Der Unterschied zu 2012 ist noch krasser: Mit «Ice Age 4» (704 000), «The Dark Knight Rises» (315 000), «Ted» (280 000) und «The Dictator» (218 000) waren gleich vier Filme zugkräftiger als jetzt «Ice Age 5». (Übrigens: Der zweite und dritte Teil von «Ice Age» hatten hierzulande sogar jeweils über eine Million Zuschauer erreicht.)

Im Klartext heisst das: Dem Kinosommer 2016 fehlen ganz einfach die grossen Hits. Alle vermeintlich zugkräftigen Filme sind gescheitert. Ausser «Ice Age: Collision Course» hat es keine andere Veröffentlichung über die Referenzmarke von 100 000 Zuschauern geschafft. Die Filmauswahl muss diesen Sommer also tatsächlich ganz besonders bieder gewesen sein.

Genau das lässt sich anhand einer anderen Statistik belegen, die die Website rottentomatoes.com führt. Für jeden Film ist dort verzeichnet, wie viel Prozent seiner Kritiken positiv ausgefallen sind. Das Ergebnis ist düster: Den Actionfilm «Jason Bourne» goutierte immerhin noch etwas mehr als die Hälfte aller Kritiker (57 Prozent). Doch der Rest liest sich wie eine Leiter in den Abgrund: «X-Men Apocalypse» kommt auf 48%, «The Legend of Tarzan» auf 36%, «Independence Day: Resurgence» auf 32%, «Alice Through the Looking Glass» auf 30%, «Warcraft» auf 28% und «Suicide Squad» gar nur noch auf katastrophale 26%.

Zugegeben, Filmkritiker hauen Hollywoods Spektakelfilme gern mal in die Pfanne. Doch in den vergangenen Jahren ragten mit grosser Zuverlässigkeit Blockbuster wie «The Avengers» (92%), «Harry Potter and the Deathly Hallows II» (96%) oder «Toy Story 3» (99%) heraus, Publikumsrenner, in die sich sogar die hartgesottensten Kritiker verliebten. Wo blieb der cineastische Leitstern diesen Sommer?

Die Pointe des Kinosommers 2016 lautet: Er wäre eigentlich vorhanden gewesen. Die Trickfilmfortsetzung «Finding Dory» feierte am 17. Juni in den USA Premiere, spielte seither über 900 Millionen Dollar ein und kommt auf einen fabelhaften Kritikerwert von 94 Prozent. Während der neueste Streich der Animationsschmiede Pixar seit Ende Juni auch in der Romandie zu sehen ist, muss sich die Deutschschweiz bis zum 29. September gedulden. Ausgerechnet auf jenen Film, der den Kinosommer 2016 hätte retten oder zumindest sein ramponiertes Image aufbessern können!

So halte ich es nun wie mein Sitznachbar (und viele unserer anderen Kollegen), der sagt: «Komm, lass uns Zuhause lieber netflixen! » Läuft im Kino nichts Gescheites, setzen wir uns halt vor den privaten Bildschirm. Dort halten uns geniale neue Serien wie «Stranger Things» oder «BoJack Horseman» bis zum Kinostart von «Finding Dory» über Wasser. Immerhin: Nach dem miesen Sommer können wir uns auf einen versöhnlichen Kinoherbst freuen.

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