Von Lory Roebuck

Mit ihrer Wahl können die Oscar-Jury und die 6000 Mitglieder aus der Filmindustrie Geschichte schreiben. Mit dem Drama «12 Years a Slave» würde erstmals ein Werk eines schwarzen Regisseurs gewinnen, mit dem 3-D-Weltraum-Thriller «Gravity» erstmals ein Film, der von Computereffekten angetrieben ist. «Gravity» (mit insgesamt zehn Nominierungen) und «12 Years a Slave» (neun) sind die beiden Favoriten auf die Hauptauszeichnung für den besten Spielfilm.

Beide Filme entsprechen nicht dem typischen Oscargewinner, sondern fallen in Kategorien, mit denen sich die Wählerschaft der amerikanischen Filmakademie – grösstenteils weiss, männlich und zwischen 35 und 70 Jahre alt – normalerweise schwertut.

Es gibt in der 86-jährigen Geschichte der Academy durchaus Filme über Rassismus, die den Oscar für den besten Film gewannen. Doch im Unterschied zu «In the Heat of Night» (1968) oder «Driving Miss Daisy» (1989) ist «12 Years a Slave» das Produkt eines schwarzen Filmteams. Wo weisse Filmemacher bei brutalen Szenen wegschneiden, hält Regisseur Steve McQueen quälend lange drauf. Er bietet keine Erlösung für Schamgefühle, sondern zeigt die Ungerechtigkeit aus ernüchternder Nähe. Das fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Kein Feel-Good-Movie also, aber ein grundlegendes Werk, das mit einem Oscargewinn Türen für weitere schwarze Filmemacher und neue Sichtweisen öffnen könnte.

Die kompromisslose Darstellung hat «12 Years a Slave» schon etliche Auszeichnungen eingebracht – darunter den Golden Globe, den britischen BAFTA und den Preis des amerikanischen Produzentenverbands. Letzterer kann als verlässlicher Indikator für die Oscarverleihung genommen werden, in etwa drei Viertel aller Fälle entspricht der Gewinner hier dem späteren Oscarsieger. Bloss: Erstmals in der 24-jährigen Geschichte des Produzentenverbands gab es dieses Jahr ein Unentschieden: «12 Years a Slave» teilte sich die Wahl zum besten Film des Jahres mit «Gravity».

Auch «Gravity» hat bereits in der «Awards Season» – deren Höhepunkt und Abschluss die Oscarverleihung bildet – wichtige Auszeichnungen erhalten. Das macht den Film automatisch zum Mitfavoriten. Überraschend, denn auch effektgesteuerte Filme wie «Gravity» haben üblicherweise keine Chance auf den Oscar. Zu gross wiegt bei den Wählern der Verdacht, der Computer leiste die grösste Arbeit. Und zu gross ist die Angst unter Schauspielern, die den grössten Wähleranteil ausmachen, in solchen Filmen zu blosser Dekoration zu verkommen. Aber es zeichnet sich ab, dass nur noch solche Leinwandspektakel grosse Massen ins Kino locken können. Der rasante Film um den Überlebenskampf einer Astronautin im Weltall löste auf der Grossleinwand und in 3-D pure Begeisterung aus.

Menschen, die schon lange nicht mehr im Kino waren, standen für «Gravity» Schlange. Über 700 Millionen Dollar hat der Film weltweit eingespielt – so viel wie die anderen acht Werke, die als bester Film nominiert sind, zusammen. Im Kampf gegen schwindende TV-Zuschauerzahlen in der Oscarnacht kann es sich die Academy nicht leisten, solche Kassenschlager zu ignorieren. Denn: Wer schaltet bei der Oscarverleihung schon ein, wenn nur Filme im Rennen sind, die keiner kennt? Der Mexikaner Alfonso Cuarón dürfte für seine inszenatorische Meisterleistung in «Gravity» den Oscar für die beste Regie gewinnen. Als allererster Lateinamerikaner überhaupt. Und der Film wird zweifellos auch in den technischen Kategorien abräumen.

Sollten sich «Gravity» und «12 Years a Slave» im Rennen um den Oscar für den besten Film gegenseitig Stimmen wegnehmen, stünde mit «American Hustle» ein potenzieller Nutzniesser bereit. Die bunte Gaunerkomödie ist ebenfalls für zehn Oscars nominiert, darunter in allen vier Darstellerkategorien. «American Hustle» steht für leichte Wohlfühlkost à la «Argo», «The Artist» und «The King’s Speech» – die Gewinner der letzten drei Oscarverleihungen.

Von den vier nominierten Darstellern aus «American Hustle» hat am ehesten Vorjahressiegerin Jennifer Lawrence eine Chance auf den Oscar. Sie stiehlt ihren Filmkollegen die Show. Ihre grösste Konkurrentin in der Sparte Beste Nebendarstellerin ist Lupito Nyongo’o («12 Years a Slave»), die schon die Auszeichnung des US-Schauspielverbands gewinnen konnte und in ihrer Dankesrede alle zu Tränen rührte. Die weiteren Darstellerpreise dürften an Matthew McConaughey und Jared Leto (beide für das Aids-Drama «Dallas Buyers Club») sowie an Cate Blanchett gehen.

Die Academy kann mit der Verleihung des Oscars ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für die Zukunft Hollywoods, was schwarze Filmemacher und Blockbusterfilme betrifft.

ProSieben (ab 1.30 Uhr) und ORF1 (ab 2 Uhr) übertragen die Oscarverleihung live. Durch die Gala führt die US-Entertainerin Ellen DeGeneres.

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