Wird es ein Mädchen oder ein Bub? Manche zukünftige Eltern lassen sich überraschen, andere wollen es schon vor der Geburt wissen. Mit einer Ultraschalluntersuchung lässt sich das Geschlecht des Babys in der 16. Schwangerschaftswoche erkennen. Wer nicht so lange warten will, kann ab der neunten Woche einen Gentest bei einer Internetfirma machen. Dafür reicht etwas Blut der Mutter – denn darin lässt sich nämlich die DNA auch des Babys nachweisen. In der Schweiz ist eine Geschlechtsbestimmung per Gentest nur erlaubt, wenn sie im Rahmen einer Krankheitsdiagnose nötig ist. Doch das hindert fragwürdige Internetfirmen nicht daran, ihre Gentests auch in der Schweiz anzubieten. «Es gibt mittlerweile einige Angebote, von denen kaum mehr bekannt ist als eine Adresse im Netz», sagt Peter Miny, ärztlicher Leiter der medizinischen Genetik am Universitätsspital Basel.

Pink or Blue heisst eine solche Firma, Nimble Diagnostics eine andere – beide bieten ihre Tests auch in der Schweiz an. Die Kundin erhält dann per Post das entsprechende Zubehör, um sich etwas Blut abzuzapfen, das dann der Firma zurückgeschickt wird. Wenige Tage später erhält man das Resultat.

Besonders dreist geht die Firma easyDNA vor. Sie hat eine eigene Website für die Schweiz eingerichtet und preist ihren Test auch auf Deutsch an. Anders als bei den Mitbewerbern erfolgt der Test hier bequem über eine Urinprobe. Die Firma gibt an, dass die Genauigkeit bei 99 Prozent liege. Peter Miny hält das durchaus für möglich. Die DNA des Babys liesse sich grundsätzlich auch im Urin der Mutter nachweisen. 340 Franken kostet der Service, der auch bei easyDNA ab der neunten Schwangerschaftswoche gemacht werden kann.

Wenn eine Schwangere den Test rechtzeitig bestellt, hätte sie noch genügend Zeit, um legal abzutreiben, sollte das Kind nicht das «richtige» Geschlecht haben. In der Schweiz ist eine Abtreibung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche ohne Angabe des Grundes möglich. Dass das in Einzelfällen auch gemacht wird, ist gut vorstellbar. Peter Miny hat in seiner Laufbahn als Arzt schon mehrfach erlebt, dass Eltern auf eine pränatale Untersuchung pochten, um noch rechtzeitig abtreiben zu können, sollte das Baby nicht das «gewünschte» Geschlecht haben. Meisten seien es Eltern mit einem Migrationshintergrund, die unbedingt einen Buben wollen.

Es gibt Paare in der Schweiz, die nicht einfach ein Kind, sondern unbedingt einen Jungen oder ein Mädchen wollen. Das zeigt sich in der Klinik für Reproduktionsmedizin des Universitätsspitals Basel. Seit Juli 2013 können hier die Ärzte dafür sorgen, dass bei einer künstlichen Befruchtung ein Mädchen oder ein Bub entsteht. Allerdings wird das nur dann gemacht, wenn so das Übertragen einer Erbkrankheit verhindert werden kann. Die meisten Anfragen stammen jedoch von Eltern, die erblich nicht vorbelastet sind und aus Gründen der Familienplanung unbedingt ein Mädchen oder einen Jungen möchten. Von bisher rund 100 Anfragen seien zirka 80 dieser Kategorie zuzuordnen, sagt Christian De Geyter, der zuständige Chefarzt am Universitätsspital Basel.

Auch er betrachtet die Entwicklung der Gentest-Internetfirmen skeptisch. «Es besteht die Gefahr, dass Kinder abgetrieben werden, nur weil sie nicht das Geschlecht haben, das sich ihre Eltern wünschen», sagt De Geyter. Noch viel grösser sei diese Gefahr aber im Ausland.

Ob sich easyDNA strafbar macht, ist juristisch nicht einfach zu beurteilen. «Ein Verstoss gegen das Gesetz läge nur dann vor, wenn der Gentest innerhalb der Schweiz durchgeführt würde», sagt Brigitte Tag, Vorsitzende des Kompetenzzentrums Medizin Ethik Recht Helvetiae. Gemäss der Website hat die international tätige Firma aber keinen Geschäftssitz in der Schweiz. Möglicherweise handelt die Firma aber dennoch illegal. Es stelle sich nämlich die Frage, ob bei den Angaben auf der Website der irreführende Eindruck entstehe, dass die Firma die Tests innerhalb der Schweiz durchführe, erklärt die Juristin. Etwas anders beurteilt Peter Bürkli, Strafrechtler an der Universität Basel, die Angelegenheit. «Bereits das Abnehmen einer Urinprobe zum Zweck eines Gentests kann wohl als Teil der Durchführung der genetischen Untersuchung angesehen werden.» In diesem Fall würde die Firma ihre Gentests in der Schweiz illegal anbieten.

Die «Schweiz am Sonntag» konfrontierte easyDNA mit der Recherche, woraufhin die Firma meldete, dass sie die lokalen Vorschriften in der Schweiz respektieren und die notwendigen Änderungen vornehmen wolle. «Daher werde der Geschlechtstest von nun an ab der 12. Schwangerschaftswoche für alle Schweizer Kunden zur Verfügung stehen.» Damit dürfte das Problem aber nicht gelöst sein, denn in der Schweiz sind pränatale Tests zur Geschlechtsbestimmung generell verboten, sofern sie nicht in Zusammenhang mit einer Krankheit durchgeführt werden.

Rechtlich nicht zu belangen sind die Schweizer Kundinnen, die den Service in Anspruch nehmen. Doch das möchte die Expertenkommission für die genetische Untersuchung beim Menschen (GUMEK) nun ändern. Sie empfiehlt im Rahmen einer Gesetzesrevision dem Bundesrat, dass der missbräuchliche Einsatz von Gentests zu sanktionieren ist, unabhängig davon, ob die Untersuchung im In- oder Ausland durchgeführt werde. Damit würden sich also zukünftige Eltern, die einen solchen Test in Anspruch nehmen, strafbar machen. Im Sommer, so teilte das Bundesamt für Gesundheit mit, will der Bundesrat den neuen Gesetzesentwurf für die genetische Untersuchung beim Menschen präsentieren.

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