Asche und Eis sind zwei Materialien, die in ihrer Struktur kaum verschiedener sein könnten. Ähnliches gilt für Alison Mosshart und Jamie Hince alias The Kills, deren neues Album «Ash & Ice» heisst. Kontrast, Paradoxe und das Überwinden grosser Distanzen führen wie ein roter Faden durch die Geschichte des Duos. Mosshart war eine punkige Kunststudentin aus Florida, die mit ihrer Band als Sängerin unterwegs war. Gitarrist Jamie Hince, zehn Jahre älter, hatte in der englischen Provinzstadt Andover Kunst studiert und gehörte der ruppigen Folk-Punk-Band Blyth Power an.

Von der Wohnung aus, wo man sie einquartiert hatte, hörte Mosshart, wie Hince einen Stock höher seine Lieder einübte. Sie klopfte an seine Tür, und eh sich die beiden versahen, war eine (musikalische) Partnerschaft entstanden: sie in Florida, er in London, dazwischen Post und Internet.

Heute, fünfzehn Jahre später, lebt Mosshart teils in London, teils in Nashville, wo sie mit Jack White zur Band The Dead Weather gehört. Hince wiederum pendelt zwischen Los Angeles und London. Zum Interview trifft man sich in ihrem Stammpub im trendigen Dalston. Vor einigen Monaten hat sich Hince von seiner Ehefrau, dem Supermodel Kate Moss, getrennt. Nun wird er monatelang auf Tournee sein. «Das Härteste am Tourneeleben ist das Heimweh», sagt er. «Wenn man kein Zuhause hat, ist es nicht mehr so schlimm.» Nur seinen Hund werde er vermissen, eine Mischung aus bulligem Staffordshire-Bullterrier und elegantem Viszla: «Er sieht aus wie ein junger Bär mit Tigerstreifen. Am liebsten würde ich gleich nach Hause gehen und mit ihm auf dem Bett herumturnen.»

Ein Leben zwischen Polen
Auch die Musik von The Kills wird von Gegensätzen geprägt. Zu zweit machen sie einen Radau wie eine komplette Band samt Drums und Keyboards. Ohne Computer gäbe es sie nicht. Dennoch klingen sie authentisch dreckig, durch die digitalen Beats schimmert der Blues. Das ist auch auf ihrem fünften Album nicht anders, obwohl sie die punkigen Hörner inzwischen abgestossen haben. «In meinem Studio stehen viele alte Analog-Apparate», sagt Hince. «Aber ich habe auch Spass am Computer.» The Kills seien teils der Sound von Link Wray, Cramps, Stones und Neil Young und teils der Sound der Zukunft: «Ich liebe einen Rock-’n’-Roll-Pionier wie Link Wray genauso wie Rihanna. So ist für uns alle das Leben heute. Wir leben alle zwischen solchen Polen.»

Dass der Computer auf «Ash & Ice» eine wichtigere Rolle spielt als auch schon, hat allerdings einen eher unfreiwilligen Grund. Es begann damit, dass Hince sich bei einem Zwischenfall mit einer Autotür in Marokko einen gebrochenen Finger einhandelte. Eine nachfolgende Fehlbehandlung löste eine Entzündung aus, die fast zur Amputation geführt hätte. Hince bereitete sich auf ein Leben ohne Gitarre vor: «Ich sah eine Zukunft als Produzent vor mir. Zu meiner Überraschung fand ich es richtig aufregend, neue Software auszuprobieren.» Zwar musste er die Gitarre schliesslich doch nicht aufgeben, aber die alte Fingerfertigkeit war weg: «Ich musste meine Technik der Situation anpassen», sagt er. «Und auch das gefällt mir jetzt. Der Stil ist nun weniger eckig. Es steckt mehr Überlegung dahinter.»

Dank der digitalen Technologie sowie der rasanten Vermehrung von Kunstschulen aller Art sind Künstler, die in mehreren Bereichen gleichzeitig tätig sind, keine Seltenheit mehr. Zu ihnen gehören Hince und Mosshart. Seit den Anfängen der Band haben sie ihre Tournee-Erlebnisse mittels Video und bunten Scrapbooks dokumentiert, die sie dann und wann veröffentlichen. Vor einem Jahr stellte Mosshart in einer New Yorker Galerie eine Reihe von Bildern aus, die sie während der letzten Tournee gepinselt hatte. Hince wiederum führte unlängst seine erste Fotoausstellung durch. «Es kommt alles aus der gleichen Ecke unseres Kopfes», erklärt Mosshart. «Auf Tournee zu sein und jeden Tag eine andere Welt vor dem Fenster vorbeiziehen zu sehen, ist eine unglaublich inspirierende Erfahrung.»

Interessanterweise ist der Stil der beiden völlig anders. Mosshart malt explosive, bunte und abstrakte Porträts; die Fotos von Hince sind oft überbelichtet, wirken aber schattenhaft und neblig. «Darum hasse ich digitale Kameras!», wettert Hince und blickt erbost auf die handliche Digitalkamera, die er in der Hand hin und her dreht: «Alles kommt gestochen scharf heraus. Ich muss sie unbedingt loswerden.» – «Aber du hast sie doch eben erst gekauft?», lacht Mosshart und klopft ihm gut gelaunt auf die Finger.

The Kills, «Ash & Ice», Domino/Irascible

Mehr Themen finden Sie in unserer gedruckten Ausgabe oder über E-Paper