Die Wahrheit über «Game of Thrones»

Mysterien und ungeklärte Fragen, Stoff für Spekulationen und Fantheorien: Ist «Game of Thrones» tatsächlich so aufregend? Fotos: HO

Mysterien und ungeklärte Fragen, Stoff für Spekulationen und Fantheorien: Ist «Game of Thrones» tatsächlich so aufregend? Fotos: HO

Der Hype um die Fantasy-Serie verklärt, ignoriert und verfälscht Tatsachen und Serien-Geschichte.

Es geistert ein Serienphänomen durch die Schweizer Feuilletons. Nach dem epischen Langweiler «Mad Men» gilt der aktuelle Hype der Fantasy-Reihe «Game of Thrones». Waren die Lobeshymnen auf die Werbersaga bildungsbürgerlich-feinsinnig verfasst, so geht es bei «Game of Thrones» brachialer zur Sache. Es gelten nur noch Superlative: Die Beste, Aufregendste und Erfolgreichste.

Wirklich? Eintönige Wechsel zwischen den Farbmustern Trübblau und Mallorcagelb schmälern die Bildgewalt. Die Darsteller decken bloss die Spielpalette von «schlecht drauf» bis «extrem schlecht drauf» ab. Sich mit ihnen zu identifizieren, verunmöglichen die Dialoge, die in ihrer übertriebenen Feierlichkeit an schlecht synchronisierte Sandalenfilme erinnern. Mehrmaliges Binge-Watching (Schauen von mehreren Folgen am Stück) mit gefühlten einhundert Blutbädern, Kopulationen und Saufgelagen waren notwendig, um die Qualitäten der Serie zu entdecken: Dazu zählen Szenen mit dem kleinwüchsigen Tyrion Lannister. Und ja, die Drachenmama ist putzig, wenn sie nicht gerade Kreuzigungen anordnet. Doch nur langsam lässt sich der Serie Unterhaltungswert abringen, die Mühsal ist gross.

Nicht so populär wie behauptet
«Game of Thrones» ist denn auch längst nicht so populär wie unter anderen die «Neue Zürcher Zeitung» immer wieder behauptet. Fakt ist, dass «The Big Bang Theory», «NCIS» oder «The Walking Dead» und einige andere Serien in den USA wie rund um den Globus viel bessere Zuschauerzahlen aufweisen. Nur in Putins Reich der Finsternis führt «Game of Thrones» die Tabelle der erfolgreichsten Serienimporte an. Der Wiedererkennungswert für die Russen ist wohl ausschlaggebend für diesen Erfolg.

«Games of Thrones» ist immerhin populärer als die anderen gehypten Formate des Serienbooms wie etwa «Mad Men», «True Detective» oder «The Americans», die in Wirklichkeit kaum mehr als ein Nischenpublikum ansprechen. Trotz vergleichsweise geringer Zuschauerzahlen sind sie für die Bezahlsender und Streamingportale wie HBO und Netflix aber Gold wert. Denn es ist erwiesen, dass anspruchsvolle Formate die Treue des bezahlenden Publikums stärken.

Aufmerksamkeit statt Quote
Aufmerksamkeit statt Quote, lautet die Losung dieser Serienmacher: Dieses Unternehmensprinzip war vor zwanzig Jahren mitverantwortlich für eine erzählerische Revolution der TV-Serie. Tolle Serienformate gab es aber schon vorher in Hülle und Fülle. Unsere Edelfedern nahmen sie einfach nicht zur Kenntnis.

Vor rund zehn Jahren erwachten Feuilletonisten aus dem Dornröschenschlaf. Anlass waren die Serien «Lost», «Grey’s Anatomy» und «Desperate Housewives». Die Feuilletonisten ergriffen die Debattenhoheit und erklärten, dass durch die Serien eine neue Zeitrechnung angebrochen sei: Fernseh-Serien wurden plötzlich als Kunstform akzeptiert. Vorher habe es bloss Trash gegeben – siehe «Dallas» und «Derrick». «Twin Peaks» wird als einziger kulturhistorischer Lichtblick in diesem erfundenen Serienmittelalter akzeptiert. Das ist ungefähr so, als liesse ein Musikjournalist bloss Schönberg und Hindemith gelten und lehnt dagegen Mozart und Beethoven ab. Seriengeschichte wird ausgeblendet, die Gegenwart verklärt.

Diese Ignoranz und diese Verklärung treiben kuriose Blüten und erstrecken sich auf die Serienproduktion selber. Zur mythischen Figur wird der Showrunner erhoben, der kreative und produktionelle Leiter. Als Garant für die künstlerische Qualität habe er erst den qualitativen Quantensprung ermöglicht. Tatsächlich gibt es den Showrunner aber seit den 50er-Jahren. Rod Serling von «Twilight Zone» ist zu nennen, oder Norman Lear – wohl die wichtigste Figur der Fernsehgeschichte. Im Vordergrund der Arbeit des Showrunners steht aber die termin- und zielgruppengerechte Ablieferung der Serie beim Sender. Kunstwillen ist höchstens Nebensache. Und als Autoren verstehen sich die Showrunner schon gar nicht. Vince Gilligen, den sonst so sanftmütigen Schöpfer von «Breaking Bad», treibt dieser Begriff zur Weissglut: «Ausgemachter Quatsch, Serienproduktion ist Teamwork.»

Hinter den Machern von «Game of Thrones», «Mad Men», «The Big Bang Theory» oder «The Good Wife» steht dieselbe Maschinerie, die eine grosse Sorgfalt auf Buch, Dreh und Schnitt legt. Es ist eine grosse kreative Potenz. Doch die einseitige Fokussierung auf «Game of Thrones» und «Mad Men» ist störend.

Dass Anfang Mai in den USA die geniale Anwaltsserie «The Good Wife» zu Ende ging, war hier keine einzige würdigende Zeile wert. Hier finden bloss die ersten beiden Formate statt. Die komplex-verworrene Erzähltechnik, die dystopische Weltsicht und vor allem die systematischen Tabubrüche werden geschätzt und gelobt. Besser als die Mainstreamserien sind sie deswegen nicht.

Was für einen Weg die Fernseh-Serie, das einstige Kultur-Kellerkind, doch gemacht hat! Einst weitgehend ignoriert, jetzt evozieren Serien bei der Leserschaft plötzlich das, was früher bloss experimenteller Lyrik, neuer Musik und dem sechsstündigen Locarnogewinner von den Philippinen vorbehalten war: ein schlechtes Gewissen, wenn man’s verpasst hat, sich langweilt oder nicht kapiert, was der ganze Hype überhaupt soll.

Paradiesische Zeit für Serienfans
Doch die Gegenwart ist erfreulich: Wer Serien mag, der lebt sogar in paradiesischen Zeiten. Und die Leidenschaft, mit der über sie berichtet wird, wirkt ansteckend. Doch wer Studiositcoms à la «The Big Bang Theory» bevorzugt, sich nicht auf das im Tempo eines Gletschers vorwärts bewegende Erzähltempo von «Mad Men» einlassen mag, nach «The Walking Dead» schlaflose Nächte hat, der wird im Dschungel der Serien in den Kulturteilen allein gelassen. Der Serien-Boom hält noch einige Serienperlen versteckt, die sich auf Augenhöhe mit den Feuilletonlieblingen bewegen.

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