Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist ein Oberaargauer. Dort, in jener Ecke des Kantons Bern, wo die meisten Vokale lang und viele Konsonanten weich ausgesprochen werden, hat er sprechen gelernt. Wir dürfen vermuten, dass er in der Familie, auf der Strasse, im Dorfladen, im Kindergarten und überhaupt überall, wo er sich als kleines Kind befand, von der Sprache umringt war, die im Oberaargau gesprochen wird.

Das Deutsch, das im Oberaargau gesprochen wird, ist seine Muttersprache. In dieser Sprache, dem Oberaargauerdeutsch, ich weiss es aus eigener Erfahrung, lässt sich restlos alles sagen und denken, was man als Mensch sagen und denken kann. Die Sprache von Johann Schneider-Ammann ist nicht besser oder schlechter als irgendeine Sprache auf der Welt. Es ist einfach seine Sprache, genau so, wie Französisch die Sprache der Franzosen oder der Westschweizer ist.

Nun hat es sich ergeben, dass Johann Schneider-Ammann Bundespräsident geworden ist und in dieser Funktion zum Tag der Kranken reden musste. Er tat dies in verschiedenen Sprachen, unter anderem auf Französisch. Französisch ist eine Sprache, die wir im Oberaargau mehr recht als schlecht in der Schule lernen. Die französische Ansprache des Bundespräsidenten verfehlte ihre Absicht. Mehr noch, sie wurde zur viel zitierten Lachnummer.

Merkel wäre das nicht passiert
Mein Freund, der Schriftsteller und Theaterautor Beat Sterchi, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit Sprache auseinandersetzt, spricht im Zusammenhang mit der französischen Rede zum Tag der Kranken von Überanpassung. Nicht Schneider-Ammanns Französisch sei das Problem, sondern, dass er überhaupt auf den Gedanken kam, auf Französisch sprechen zu müssen. «Einer Angela Merkel wäre das nicht passiert,» ist Sterchi überzeugt. Und er sagt das nicht in der Annahme, die Bundeskanzlerin spreche besser Französisch als unser Bundespräsident. «Aber wo, ausser in der Schweiz», fragt Sterchi, «fällt es einem Spitzenpolitiker ein, sich in einer Fremdsprache an die Öffentlichkeit zu richten?»

Als Barack Obama vor einigen Wochen in Kuba war, wandte er sich in seiner Muttersprache an das kubanische Volk. Den einen spanischen Satz, den er mit schwerem englischem Akzent zitierte, war nichts als eine kleine Geste der Höflichkeit. Auch John F. Kennedys historisches «Ik ben ain Börliiner» war bloss ein Kleinstsatz innerhalb einer englischen Rede. Nie wäre es Obama oder Kennedy eingefallen, eine ganze Ansprache in einer anderen als der eigenen Sprache zu halten.

Vor einigen Jahren redeten SBB-Chef Andreas Meyer und der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer an einer Tagung in Lausanne vor vorwiegend französischsprachigem Publikum. Meyer, der Schweizer, sprach in gut verständlichem, fehlerfreiem Französisch, das er bis kurz vor der Rede mit einer Assistentin geübt hatte. Die Rede war nicht schlecht, aber sie war trocken, technisch und ein wenig uninspiriert. Nach Meyer trat Joschka Fischer ans Mikrofon. Fischer sprach in seiner Muttersprache, in der Sprache, von der er schon als Kind in der Familie, auf der Strasse, im Quartierladen und im Kindergarten, umringt war. Er habe am Gymnasium so viel Latein und Griechisch lernen müssen, dass nicht noch Zeit für Französisch geblieben sei, sagte er gleich zu Beginn seines Referats. Die Leute im Publikum trugen Kopfhörer und sie lachten, als die kleine Pointe in der Übersetzung zu ihnen drang. «Gewaltig eloquent, dieser Fischer!» sagte mein Sitznachbar, als die Rede fertig war. «Die Deutschen sind halt schon sprachmächtiger als wir.»

Eine fatale Annahme
Warum?, möchte man zurückfragen. Warum haben wir so oft den Eindruck, wir Deutschschweizer seien weniger sprachgewandt als beispielsweise die Deutschen? Weil wir uns mit den Deutschen sprachlich in ihrer und nicht in unserer Sprache messen. Wir tun, als wäre Deutsch unsere Sprache und die Mundart eine heimelige Variante davon. Das ist vollkommen falsch, weil es sich genau umgekehrt verhält: Die Mundart ist unsere Sprache, und das Hochdeutsche ist eine angelernte Variante davon. Erst wer das erfahren und akzeptiert hat, kann seine Sprachkompetenz ohne Komplexe ausleben und verbessern. Doch so lange wir glauben, unsere richtige Sprache sei Hochdeutsch und jede Mundart sei höchstens eine Hilfssprache, beherrschen wir weder die eine noch die andere Sprache vollständig.

Das Problem zeigt sich unter anderem in Filmdialogen und Mundartliedern: Zu viele Kreative, die sich in Mundart an ein Publikum richten, gehen davon aus, sie müssten ihre Lieder oder Dialoge zuerst in der «richtigen», also der hochdeutschen Sprache zu Papier bringen und es genüge, die hochdeutschen Texte danach in ungefährem Schweizerdeutsch zu sprechen oder zu singen. Was dabei herauskommt, sind Liedzeilen wie: «Mit üs zwöi wirds leider nüt, denn du bisch sicher nid mi Typ.» (Trauffer) Die hochdeutsche Konjunktion «denn» kommt in der Umgangssprache nicht vor. Genauso wenig wie die Konjunktion «doch» als Synonym für «aber», etwa wenn der Mundartsänger George in seinem Hit «Hie bin i deheime» singt: «Du hesch di veränderet i au dene Jahr, doch die Bilder vo denn gsehn i immer no klar». In unserer umgangssprachlichen Praxis habe ich dieses «doch» als Konjunktion noch nie gehört. Im Ethno-Pop dagegen wird es fast immer dort verwendet, wo das mundartliche «aber» von der Metrik her nicht recht reinpassen will. Beim gegenwärtig so beliebten Genre des Swissness-Schlagers fallen derartige Merkwürdigkeiten besonders auf. Wie soll sich das penetrant herbeigesungene Heimatgefühl einstellen, wenn die Sänger in ihrer Sprache offensichtlich nicht recht zu Hause sind?

Jede Sprache schliesst aus
Wie weit die Entfremdung von der eigenen Sprache reichen kann, erkenne ich als Verfasser von Mundartliteratur oftmals auch an einer immer wieder gestellten Frage: «Glauben Sie nicht, dass Sie mit Mundartliteratur eine Menge Leserinnen und Leser von vornherein ausschliessen?» Das stimmt natürlich, wer in seiner Sprache spricht oder redet, schliesst alle aus, welche diese Sprache nicht verstehen. Aber das gilt für jede Sprache auf der Welt. Und noch nie hätte ich gehört, dass ein nordamerikanischer Autor gefragt wurde, ob er nicht denke, dass er durch die Verwendung des Englischen alle Menschen ausschliesst, die kein Englisch verstehen. Nur Deutschschweizer gehen mit der Furcht durch die Welt, ihre Sprache habe ausschliessende Tendenzen. Dazu passt auch die spontane Reaktion meiner Landsleute, wenn sie erfahren, dass ein Mundarttext von mir in eine andere Sprache übersetzt wurde. Praktisch immer höre ich darauf den spontanen, leicht empörten Ausruf: «Aber Schweizerdeutsch lässt sich doch nicht übersetzen!» Dazu gibt es nur eine logische Gegenfrage: Warum sollte ausgerechnet unsere Sprache die weltweit einzige sein, die sich nicht übersetzen lässt?

Ein göttlicher Geheimcode
Unser unnatürliches Verhältnis zur eigenen Sprache zeigt sich auch an einem ganz anderen Beispiel. Viele Deutsche, die seit vielen Jahren in der Schweiz leben, trauen sich nicht, sich in der Mundart ihrer Wahlheimat auszudrücken. Es komme bei den Schweizern sehr schlecht an, wenn sie versuchten, Schweizerdeutsch zu reden, sagen sie. Rede ich in England ein schlechtes Englisch, werde ich in der Regel mit Nachsicht behandelt. «Your English is much better than my German», sagen sie oft.

Redet hierzulande ein Deutscher schlechtes Schweizerdeutsch, wird er gebeten, die Sprache nicht mehr zu gebrauchen. Auch daran zeigt sich, dass viele Deutschschweizer glauben, die eigene Sprache sei nicht eine völlig normale, lernbare Sprache, sondern ein gleichsam göttlich vorgegebener, nur den Auserwählten vorbehaltener Geheimcode für den privaten Gebrauch. So lange sich jedoch in einer Sprache alles sagen lässt, was es zu sagen gibt, müsste die Sprache auch für alles tauglich sein. Mir wäre jedenfalls noch nie aufgefallen, dass zwei Deutschschweizer, wenn sie in ihrer Muttersprache miteinander reden, irgendwann beschliessen, die Sprache zu wechseln, weil sie sich irgendetwas sagen müssen, das sich in der eigenen Sprache nicht sagen liesse.

Das weitverbreitete Überhöhen der eigenen Sprache, das paradoxerweise oftmals mit einem Sprachkomplex einhergeht, führt manche Landsleute zur Vorstellung, die eigene Sprache sei nicht dazu geeignet, öffentlich geredet zu werden. Deswegen reden unsere Politiker oft lieber in einer Fremdsprache als in jener Sprache, die sie im Traum beherrschen würden. Joschka Fischer macht diesen Fehler nicht. Lieber vertraut er auf die Hilfe von Simultanübersetzern. Hätte Johann Schneider-Ammann seine Rede zum Tag der Kranken in seiner Muttersprache gehalten, wäre ihm viel Spott erspart geblieben.

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