Von Yannik Primus

Blauer Schlabber-Pullover, Jogginghose, schwarzes Cap. Manuel Burkart kommt gerade vom «Muki-Turnen» mit seinem dreijährigen Sohn Josh Mateo und möchte sich an einem seiner Lieblingsorte treffen, dem kleinen See im Stadtpark Uster. Er ist so angezogen, wie er sich fühlt: «Tausend Tonnen leichter.» Denn der Komiker des Cabaret-Duos Divertimento hat die ersten Aufführungen der neuen Tour «Sabbatical» hinter sich. Alles «Tryouts», Voraufführungen vor der eigentlichen Premiere, in denen das Programm vor Publikum getestet wurde. Der Name «Sabbatical» ist diesmal Programm – Burkart und sein langjähriger Bühnenpartner Jonny Fischer haben eine eineinhalbjährige Auszeit hinter sich.

Nach 13 Jahren auf der Bühne war Burkart noch nie so angespannt wie an diesen Vorführungen vor ein paar Tagen. «Kurz vor der Vorstellung lagen meine Nerven blank», sagt der 39-Jährige. Sein Blick schweift über den See. Er lächelt. «Zum Glück ist das Programm gut angekommen, praktisch jede Nummer hatte Lacher.» Trotzdem haben er und Jonny Fischer das Programm um zehn Minuten verkürzt.

Das Komiker-Duo trägt seine besten Erlebnisse, Charaktere und Ideen seiner Auszeit zusammen. Jonny kürzt und strukturiert den kreativen Stoff, Manuel gibt ihm auf der Bühne die nötige Spontanität und Lockerheit.

Abnützungserscheinungen
Doch nach zehn Jahren Vollzeit auf der Bühne herrschte beim gemeinsamen Feierabendbier je länger, je mehr Stille. Sie hätten beide dermassen viel Zeit miteinander verbracht, dass sie sich gar nichts mehr zu erzählen hatten. «Wenn man sich zu oft sieht und den ganzen Alltag zusammen verbringt, kennt man mit der Zeit auch alle Macken des Gegenübers – und dieses die eigenen Schwachpunkte.» Er lasse sich zum Beispiel zu schnell ablenken. «Das nervt Jonny und meine Frau», sagt er. Jonny sei dafür beinahe zu strukturiert, was wiederum ihn vor allem früher in den Wahnsinn treiben konnte. Heute ist er es gewohnt, deswegen streiten sich die Bühnenpartner nicht mehr. Burkart lässt Jonny mehr Freiraum beim Kürzen, und er darf sich dafür auf der Bühne mehr austoben. So braucht auch keiner Chef zu sein.

Das Kabarett-Duo ist heute erfolgreich wie noch nie: Die «Sabbatical»-Tour war beim Verkaufsstart am 3. Mai innerhalb von 30 Minuten ausverkauft. 60 000 Tickets für 72 Vorstellungen bis zum Juni 2017. Die Bühnenpartner wünschen sich manchmal, dass sie nochmals 25 sein könnten. «Wir wollten zu unserer Leichtigkeit und Unbefangenheit zurückfinden, die wir damals hatten», sagt der frühere Lehrer, «aber um ehrlich zu sein: Wir sind jetzt 40 und schaffen das nicht mehr.»

Das stört ihn aber nicht besonders. Andere Dinge haben mehr Stellenwert in Burkarts Alltag. «Ich bezeichne mich als Harmonie-Junkie. Dass ich eineinhalb Jahre Zeit für meine Familie hatte, war grossartig.» Burkart hat mit seiner Frau Michèle den dreijährigen Sohn Josh Mateo und die fünfjährige Tochter Alya.

Bereits Ideen für die Zeit danach
Wenn Burkart von seinen Kindern erzählt, gerät er ins Schwärmen. Seine Augen leuchten. Der zweifache Vater bezeichnet sich als Familienmensch. «Meine Eltern und Geschwister wohnen nicht weit von uns entfernt, und das ist gut so – ich liebe den Sippen-Groove.» Burkart hat zwei Schwestern und einen Bruder.

Er selbst sei als Kind scheu und unsicher gewesen. Wenn man ihn heute auf der Bühne sieht, kann man sich das fast nicht vorstellen. «Ich musste die fünfte Klasse wiederholen. Das war ein enormer Vorteil für mich», sagt er. Dadurch konnte er seine Noten aufbessern und gewann Selbstvertrauen. Zudem entdeckte er seinen Sinn für Humor. «Ich war nicht der Klassenclown, lernte aber schnell, dass lustige Sprüche gut ankamen – auch bei den Mädchen.»

Burkart unterbricht sich und schaut zum anderen Ufer. Sein Bruder läuft gerade vorbei. Er habe zwar einen Traumjob, aber sehne sich nach etwas, das der Gesellschaft einen Mehrwert gebe. «Gern würde ich als Förster arbeiten, aber dazu bin ich zu alt und zu wenig fit.» Wildhüter wäre vielleicht eine Alternative. «Tiere faszinieren mich schon lange.» Das würde aber eine Einkommenseinbusse bedeuten. Damit könnte er gut auskommen, das habe er auch schon mit Michèle abgesprochen.

Noch ist aber nicht der Zeitpunkt, um aufzuhören. «Mir wurde bewusst, dass mein Job den Leuten mehr gibt, als ich dachte.» Vor kurzem habe ihm eine Krebskranke nach der Vorstellung dafür gedankt, dass sie für zwei Stunden alles vergessen konnte.

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