Die Rückkehr des politischen Hip-Hops

Rapper Kendrick Lamar. Foto: Keystone

Rapper Kendrick Lamar. Foto: Keystone

«Ich bin der grösste Heuchler»: Kendrick Lamar stört die Festruhe der postrassistischen Gesellschaft und übt Selbstkritik.

Mit der Wahl von Präsident Barack Obama schien Martin Luther Kings Traum einer amerikanischen Gesellschaft, in der die Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden, in Erfüllung zu gehen. Euphorisierte Kommentatoren, Intellektuelle und Künstler sahen in der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten den Beweis für das Ende des Rassismus in den USA und bejubelten den Beginn der postrassistischen Ära.

Mit einschneidender Wirkung auf die afroamerikanische Kultur. Vom klagenden Blues und flehenden Gospel zum selbstbewusst fordernden Soul, die identitätsstiftende Black Music war eine Musik des Protests, die im Hip-Hop gipfelte und die Rassenfrage schärfer denn je zum Thema machte. Rapper

wie The Roots, Common und Kanye West waren es, die schon in den 90er-Jahren die Abkehr der Schwarzen von der Opferrolle forderten und damit so etwas wie die klanglichen Wegbereiter des späteren Präsidenten Obama wurden: Yes, we can.

Doch mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten änderte sich alles. Soul-Queen Aretha Franklin sang an der Inaugurations-Feier, Obama wurde zum «Hip-Hop-Präsidenten» ernannt und Pharrell Williams «Happy» wurde zur Hymne der postrassistischen Gesellschaft. Die einstige Gegenkultur wurde vom Mainstream aufgesogen, wurde zahm, belanglos, ja staatstragend. Der Stachel im Fleisch der amerikanischen Gesellschaft wurde stumpf. Stattdessen feierte sich die Hip-Hop-Gemeinde selbst. Rapper wie Flo Ridda prahlten von ihrer Manneskraft, Snoop Dogg zelebriert den Hanfgenuss, und Kanye West ernannte sich im Album «Yeezus» (2013) zu Gott.

50 Jahre nach Aufhebung der Rassentrennung ist die Gleichberechtigung auf juristischer Ebene zwar weitgehend gewährleistet. Trotzdem ist Obamas Amerika noch weit von einer farbenblinden Gesellschaft entfernt. Die tragischen Fälle von 2012, als der junge Afroamerikaner Trayvon Martin von einem Wächter erschossen wurde, oder von 2014 in Ferguson, wo der Teenager Michael Brown von einem Polizisten erschossen und der Täter danach freigesprochen wurde, sind nur die Spitze des Eisbergs. Ist die farbenblinde Gesellschaft eine Illusion?

Der Soziologie-Professor James Jennings nennt das postrassistische Amerika von Barack Obama einen Mythos und verweist auf die anhaltende «tief verwurzelte rassistische Hierarchie der amerikanischen Gesellschaft». Jennings verweist auf die anhaltende Benachteiligung und Diskriminierung von Schwarzen. Die Arbeitslosigkeit der Schwarzen sei immer noch doppelt so hoch wie die der Weissen, und 25, 3 Prozent der Schwarzen gelten als arm. Dagegen seien nur 9,8 Prozent der Weissen von Armut betroffen.

Dabei wirft er Obama Untätigkeit vor. Der Präsident hätte in seiner Amtszeit nichts unternommen, um die strukturelle Diskriminierung zu bekämpfen. Tatsächlich sind immer mehr Afroamerikaner von ihrem Präsidenten enttäuscht. Dieser hingegen beruft sich darauf, Präsident aller Amerikaner zu sein und nicht nur der Schwarzen.

Noch härter geht Jennings mit den schwarzen Künstlern und Entertainern ins Gericht. Also jenen, die bisher massgeblich für das Selbstverständnis der schwarzen Gemeinschaft verantwortlich waren. Aufgrund «ihrer Kommerzialisierung» hätten die meisten «nahezu jegliche Relevanz für den Kampf um die Gleichberechtigung von Schwarzen verloren». Schwarze Stars schweigen, um ihren Erfolg in der postrassistischen Gesellschaft nicht zu gefährden.

Zu dieser postrassistischen Gesellschaft gehört, dass Hollywood die Karrieren von afroamerikanischen Helden wie James Brown («Get On Up», 2014) oder von Martin Luther King («Selma», für Oscars nominiert, jetzt im Kino) glorifiziert sowie die Vergangenheit beschwört («12 Years a Slave», 2014), aber die anhaltenden, aktuellen Probleme ausklammert, ja totschweigt. Nicht viel besser verhält sich Kanye West. Er geisselt zwar die Apathie der Hip-Hop-Szene und wirft den Schwarzen seiner Generation vor, sie seien zu Sklaven des Konsums geworden. Er selbst präsentiert sich aber als Hohepriester des Materialismus und Hedonismus, der Prunk und Protz feiert. Das selbst ernannte Sprachrohr der Afroamerikaner macht sich unglaubwürdig.

Überhaupt: Im Grössenwahn von Kanye West zeigt sich im Grunde der alte, in der Sklaverei wurzelnde Minderwertigkeitskomplex der schwarzen Gemeinschaft, die Rapper wie Kanye West mit übersteigerter Egozentrik und Protzsucht zu kompensieren versuchen.

Hier setzt jetzt Kendrick Lamar an. Der Grammy-gekrönte Rapper stört die Festruhe der postrassistischen Gesellschaft mit dem aufrüttelnden Song «The Blacker The Berry». Eine politische «Atombombe», formulierte das Magazin «HipHopDx». Mit dem Titel bezieht er sich auf die gleichnamige Novelle von Wallace Thurman von 1929, die die Rassendiskriminierung thematisierte. In drei Strophen feuert Lamar rhetorische Salven auf die rassistische amerikanische Gesellschaft. «My hair is nappy, my dick is big, my nose is rounded. You hate me don’t you», rappt Lamar über düstere Sounds und folgt damit vermeintlich den üblichen Stereotypen der Anklage.

Lamar geht aber viel weiter und lässt am Schluss die Bombe platzen: «Wieso weine ich über den Tod von Trayvon», fragt er, «wenn ich als Gangmitglied selber Schwarze umbringe, die schwärzer als ich sind.» Und nennt sich selber einen Heuchler. «I’m the biggest hypocrite of 2015» – «Ich bin der grösste Heuchler von 2015.»

Peng! Das sitzt. Lamars Wut richtet sich nicht nur an die amerikanische Gesellschaft und die Weissen, sondern gegen sich selbst und die zahm gewordene afroamerikanische Gemeinschaft, die die Schuld gern bei anderen sucht. Diese radikale Selbstkritik in dem immer öfter selbstgefälligen und selbstgerechten Genre überrascht und macht sie umso glaubwürdiger. «Wenn wir keinen Respekt vor uns selbst haben, wie können wir dann Respekt von den anderen erwarten?», sagte Lamar im «Billboard»-Interview und benennt die Selbstzerstörung der afroamerikanischen Gesellschaft. «Schuld bin auch ich, schuld sind auch wir.» «Es ist das politischste Statement der Musik im Jahr 2015», schreibt «Die Welt». Kendrick Lamars «The Blacker The Berry» markiert die Rückkehr des Hip-Hops zur politischen Relevanz und das Ende der postrassistischen Ära, es ist ausgeträumt.

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