Max Frisch macht gleich am Anfang klar: «Wir sitzen da als politische Gegner.» Der Gegner des Schriftstellers, das ist CVP-Bundesrat Kurt Furgler. Die beiden duellieren sich 1978 im Schweizer Fernsehen. Max Frisch sagt: «Sie waren Brigadier, Sie sind Bundesrat, Sie haben Liebe zur Macht. Und Sie wissen, dass es in der Welt etwas gibt, das sich der Macht entzieht: die Kunst.» Es folgt ein ebenso gehalt- wie lustvoller Schlagabtausch über die Armee, die Profitgier der Wirtschaft und das Staatsverständnis.

Einmal abgesehen von der Frage, welcher Schriftsteller und welcher Bundesrat heute imstande wären, auf diesem Niveau zu debattieren: Worüber würden sie streiten? Viele Intellektuelle liegen bei wichtigen Zukunftsthemen, etwa der Aussen- und der Energiepolitik, auf Regierungslinie. Das Europa-Manifest gegen die Masseneinwanderungsinitiative, das viele Kulturschaffende unterschrieben haben, liest sich wie ein Plädoyer für die offizielle Europapolitik. Und in der TV-«Arena» verteidigte Schriftsteller Franz Hohler den Atomausstieg und die bundesrätliche «Energiestrategie 2050».

1978 war Frisch für Furgler eine Provokation, und Furgler war für Frisch eine Provokation. Schriftsteller Peter von Matt sagte kürzlich in dieser Zeitung: «Damals (zur Zeit des Kalten Krieges, die Red.) wartete man auf das Wort von Frisch, von Dürrenmatt, von Hugo Loetscher, von Peter Bichsel, von Laure Wyss. Heute wartet niemand auf das Wort von Bärfuss, obwohl er trotzig daran festhält, sich politisch zu äussern.» Woran liegt das? Von Matt sieht den Hauptgrund im Ende des Kalten Krieges. Vorher habe es Leute gebraucht, welche die «Denkverbote und Denkgebote durchbrochen und dafür attackiert» worden seien.

Zwar gibt es nach wie vor eher links stehende Autoren wie ebendieser Lukas Bärfuss, die Denk-Tabus ritzen und kluge gesellschaftspolitische Diagnosen machen. Aber ihre Wirkung ist begrenzt, und attackiert werden sie kaum. Es provoziert mehr, wenn der bürgerliche Schriftsteller Thomas Hürlimann die EU oder die «Toleranzpropaganda» der politisch Korrekten hinterfragt. Oder wenn der Satiriker Andreas Thiel in der «Weltwoche» mit dem Islam abrechnet. Sein Beitrag war dünn, trieb aber TV-Talker Roger Schawinski und auch Kabarettist Patrick Frey zur Weissglut. Thiel bezeichnet sich als Liberaler, Bürgerlicher, Wertkonservativer. «Das heutige Establishment ist Mitte-links. Meine Autoritäten waren 68er. Als Revoluzzer muss man also liberal denken», sagt der 43-Jährige.

Nach dieser Logik wäre es die Verschiebung der politischen Macht von rechts nach links, die das linke Kulturmilieu lähmt und dazu führt, dass die wenigen bürgerlichen Künstler zunehmend Gehör finden. Denn kritische Kulturschaffende müssen sich ja gegen die Herrschenden wenden, gegen jene, um mit Max Frisch zu sprechen, die «wie Sie, Herr Doktor Furgler, mit dieser Gesellschaftsordnung einverstanden sind».

Doch die These, dass die Schweiz heute von Mitte-links beherrscht wird, ist umstritten. Am entschiedensten und im Wochentakt wird sie vertreten von den rechtsintellektuellen Journalisten Markus Somm («Basler Zeitung») und Roger Köppel («Weltwoche»). Sie nutzen die Kraft des Wortes und der Wiederholung, um damit Deutungshoheit zu erlangen – was anderswo mit Argwohn beobachtet wird. Der scheidende NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann hat wohl an Somm und Köppel gedacht, als er diese Woche über seine eigenen Redaktoren schrieb: «Sie lieben nicht das grosse Wort, auch wenn sie es durchaus beherrschen. Scharfsinn zählt für sie mehr als Scharfzüngigkeit.»

Bei wem liegt heute die gefühlte politische Macht? Die Antwort ist für die meisten Kulturschaffenden klar: Nicht bei Mitte-links, sondern bei der SVP. «Es ist absurd», sagt SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, «dass die Kulturschaffenden uns als ‹die Herrschenden› anschauen. Sie glauben immer, die SVP stehe zwei Millimeter vor dem Staatsstreich.»

Der Rockmusiker und Autor Chris von Rohr hat erfahren, wie es ist, in den Dunstkreis der SVP zu geraten: Er erntete Spott und Häme, als bekannt wurde, dass ihm Christoph Blocher 2012 sein Zutrittsbadge fürs Bundeshaus zur Verfügung stellte. Von Rohr sagt: «Es ist langsam an der Zeit, angstfrei und ehrlich seine Meinung kundtun zu können, damit eine gesunde Debatte entstehen kann.» Ihm falle auf: «Viele Kulturschaffende haben zu wenig vertiefte Kenntnis der Materie und wollen sich auf keinen Fall bei heissen Eisen die subventionierten Finger verbrennen.»

Filmemacher Michael Steiner ist wie Andreas Thiel ein Vertreter der Nach-68er. Der 45-Jährige bezeichnet sich als «liberal, sowohl in Wirtschafts- wie in Gesellschaftsfragen». Damit sei er im Filmgeschäft «eher ein Exot», er habe dadurch aber keine Nachteile erfahren. «Ich will Geschichten erzählen und niemanden umerziehen.» Vor zwei Jahren machte Steiner im Auftrag des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse einen Kurzfilm gegen die Abzocker-Initiative, den der Verband dann aber nicht auszustrahlen wagte. Und für den Film «Sennentuntschi» erhielt Steiner Komplimente von Christoph Blocher.

Auch Thiel sagt, er fühle sich von seinem «mehrheitlich linken Kollegenkreis» keinesfalls ausgegrenzt. Es scheint sich etwas geändert zu haben: Als sich 1992 der Schauspieler Walter Roderer gegen den Beitritt der Schweiz zum EWR aussprach, wurde er vom Kulturestablishment geächtet. Journalist Niklaus Meienberg bezeichnete ihn im «Spiegel» als «rechtsextremen Kabarettisten» und «traurigen Spassmacher». Auch beim Kabarett ist inzwischen nicht mehr alles links – anders als in den 90er-Jahren, als sich die TV-Satire-Reihe «Übrigens …» mit Franz Hohler den Vorwurf des «Linksextremismus» gefallen lassen musste, weil es meist gegen AKW, Armee und Banken ging. Der heute dominierende TV-Satiriker Viktor Giacobbo, als Lehrling linksradikal, ist politisch massentauglich. Kürzlich hatte er mit Eveline Widmer-Schlumpf erstmals ein Bundesratsmitglied in der Sendung. Es wäre eine Pointe gewesen, hätte er, wie Max Frisch, zur Begrüssung gesagt: «Wir sitzen da als politische Gegner.»

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