Das Schwyzerörgeli ist ein klingendes nationales Symbol. Bis heute prägt es die Ländlermusik und ist ein Stück helvetische Identität. Unverrückbar, bodenständig und ewig. Wehe, es wagt jemand, an diesem Inbegriff des Schweizerischen, an diesem vermeintlich «Ächten» zu rütteln und es infrage zu stellen.

Diese Erfahrung musste der damals junge Örgeler Markus Flückiger in den 90er-Jahren machen, als er traditionelle Ländlermusik mit anderer Volksmusik aus dem Osten, französischem Musette oder Jazz kombinierte. Die Empörung bei den Gralshütern des «Ächten» war gross. Bei diesen Traditionalisten, die mit dem Eifer von Fundamentalisten definieren, was «richtig» und was «falsch» ist. Im Visier hatten sie die Vertreter der neuen Volksmusik – neben Flückiger, vor allem Klarinettist Dani Häusler und Jodlerin Christine Lauterburg. Es kam zu richtigen Grabenkämpfen. Dabei musste man laut Flückiger gar nicht viel ändern. Ein anderer, neuer Akkord und alles war falsch. «Das war extrem», sagt er rückblickend. Die neuen Volksmusikanten wurden zu Rebellen wider Willen.

Doch eigentlich ist die Geschichte des Schwyzerörgelis eine Geschichte der Rebellen. Eine Geschichte der «Fremdfötzeligen Musikanten», wie es der Innerschweizer Regisseur Roger Bürgler in seinem neuen Dokumentarfilm zeigt. «Ein Fremdfötzeliger», sagt Bürgler, «ist einer, der Fremdes und bisher Unbekanntes aufnimmt, das von den Bewahrern und Traditionalisten als Gefahr für Tradition und Heimat betrachtet wird». Solche habe es gerade in der Schweizer Volksmusik immer gegeben. Mehr noch: Sie waren die prägenden Figuren, die Antreiber, die für frischen Wind sorgten.

Zum Beispiel die beiden Ur-Fötzeligen, Josef Stump (1883–1929) und Balz Schmidig (1894–1947) aus Unterschönenbuch und Oberschönenbuch bei Schwyz. Diese Pioniere des Schwyzerörgelis hatten vor bald 100 Jahren fremde Elemente aus der Salonmusik und aus der Musik der herumreisenden Jenischen nachgespielt und damit Melodien und Harmonien in den Ländler integriert, die bis anhin unbekannt und unüblich waren. «Trotzdem waren sie nicht jener Kritik ausgesetzt wie wir damals», sagt Flückiger, «denn der Ländler war noch nicht so gefestigt, wie er später war.» Vielmehr waren die Leute fasziniert, ihre Musik war wegweisend. Die beiden sind bis heute Vorbilder für manchen Schwyzerörgeler.

Und überhaupt: Wer hat’s erfunden? Dieses kleine Knopfakkordeon, das die Schweizer Volksmusik wie kein anderes Instrument prägt? Gesichert ist, dass das «Langnauerli», das zum Beispiel Christine Lauterburg heute noch spielt, die erste Handharmonika ist, die in der Schweiz produziert wurde. 1836 vom Langnauer Harfenmacher Gottfried Herrmann. Es ist das Schweizer Ur-Örgeli und der Vorläufer des Schwyzerörgelis. Bürgler bezweifelt aber, dass das «Langnauerli» ein ureigenes Schweizer Instrument ist. «Es ist alles andere als eine Langnauer Erfindung. Der Ursprung des Schwyzerörgeli ist in Wien», sagt er. Am 23. Mai 1829, in der Hochblüte der Romantik, baute Cyrill Demian die Mutter aller Akkordeons. Bürgler geht deshalb davon aus, dass sowohl das «Langnauerli» wie das 1885 vom Schwyzer Robert Iten gebaute Schwyzerörgeli auf die Wiener Modelle zurückgehen. Wer hat’s erfunden? Ein Wiener! Ein fremder Fötzel.

Von den Konservativen geächtet wurden auch die Berner Schmid-Buebe. Mit langen Haaren, in Jeans, bunten Klebern auf ihren Instrumenten traten die jungen Wilden auf und mischten die Ländlerszene mit ihrer rasanten, verrückten Spielweise auf. Res Schmid, der Virtuoseste, wurde der Jimi Hendrix des Schwyzerörgelis genannt. Wie Rockstars wurden sie gefeiert. Doch ihr revolutionäres Auftreten wurde bei den Traditionalisten nicht goutiert. Allen voran bei Wysel Gyr, dem damaligen Volksmusikpapst beim Schweizer Fernsehen. Was nicht sein durfte, wurde einfach nicht gezeigt. So existiert von den Schmid-Buebe nur eine einzige Filmaufnahme. Trotzdem ist der Einfluss der Rebellen der 70er-Jahre enorm. «Sie waren Vorbilder für mich», sagt Flückiger, «und die heutige Berner Szene kann man sich ohne die Schmid-Buebe nicht vorstellen.»

Die Schweizer Volksmusik hat sich immer gewandelt und war offen gegenüber fremden Einflüssen. Veränderung entspricht ihrem Wesen. Erst mit der geistigen Landesverteidigung wurde Schweizer Volksmusik definiert, festgehalten und verteidigt. Sie wurde für eine Ideologie des Schweiztertums instrumentalisiert, die alles Neue und «Neumödische» anfeindete und verteufelte. Bis in die 90er-Jahre, als Markus Flückiger zum Winkelried des Schwyzerörgelis wurde. Zum rebellischen Neuerer, der alle Kritik auf sich zog, um den Weg für eine neue aufgeschlossene Generation von «Örgelern» zu ebnen und das Schwyzerörgeli in eine neue Sphäre zu führen. «Die Grabenkämpfe sind heute verschwunden», sagt Markus Brülisauer, der Leiter des Hauses der Volksmusik in Altdorf, «alles hat nebeneinander Platz.»

Und doch scheint sich wieder etwas zusammenzubrauen. Der 36-jährige Marcel Oetiker aus Altendorf im Kanton Schwyz beschreitet ganz neue Wege und geht dabei so weit, wie es selbst Flückiger nie wagte. Dieser blieb bei allem Aufbruchsgeist und Neuerungswillen immer der Volksmusik verbunden. Oetiker dagegen sagt: «Für mich ist das Schwyzerörgeli kein Volksmusikinstrument. Es ist ein Instrument wie jedes andere.» Das Schwyzerörgeli wird konzertant. Oetiker hat zwar auch mit Volksmusik angefangen und spielt privat immer wieder Ländler, aber als Musiker hat er die Volksmusik hinter sich gelassen und überwunden. Stattdessen experimentiert er mit zeitgenössischer Musik und Jazz. Hat da jemand Verrat gerufen?

Pikanterweise war Oetiker der erste Student im Hauptfach Schwyzerörgeli an der Musikhochschule in Luzern. Tut sich da ein neuer Graben zwischen akademisch geschulten Musikern und Volksmusikanten auf? So rebellisch und fremdfötzelig wie Marcel Oetiker war jedenfalls noch niemand.

«Fremdfötzelige Musikanten». Ein Dokumentarfilm von Roger Bürgler. Ab 22. Oktober im Kino.

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