Eine Auflistung von 200 Bauwerken, und keines gleicht dem anderen. Die Vielfalt und Eigenständigkeit von architektonischen Entwürfen quer durch unser Land ist enorm. Wer nur die «Schweizer Kiste» im Kopf hat, muss spätestens nach der Durchsicht des neuen «Architekturführer Schweiz» umdenken.

Verspielt und verschachtelt, geknickt der Grundriss oder zumindest die Dachform expressiv aufgespitzt oder auskragend, dynamisierende Spitze oder beruhigende runde Ecken, steinern geschlossen, holzig bodenständig oder mit gläserner Transparenz: Die Architektur ist in den letzten 20 Jahren frecher und kreativer geworden – und scheut es nicht aufzufallen. Im Gegenteil: Die Signal-Architektur feiert sich nicht nur in den Weltstädten, sondern auch in der Schweiz – bis hin zur Seilbahnstation oder zum Stall.

Ursache für diese selbstbewussten Auftritte sind der Ehrgeiz der privaten wie der öffentlichen Bauherrschaften: Man will sich eindrücklich präsentieren, und Museen, Verkehrs-Infrastrukturen, Firmensitze oder Kirchen sollen Architekturfreaks anlocken. Aber auch die Architekten suchen den Auftritt. Für ein Echo in (Fach-)Zeitschriften muss der Bau fotogen sein, spektakulär in der Form oder zumindest in der Materialisierung neue Wege beschreiten.

Frühe Paradebeispiele für solche «Foto-Effekt-Häuser» sind die beiden Stellwerke von Herzog & de Meuron im Bahnhof Basel. Die Zweckbauten wurden dank frappierender Metallhülle und den leicht aus den rechten Winkeln gerückten Formen zu Augenfängern. Die Wirkung der Schrägen und der bildhaft-plastischen Form machten Schule: Bucher Bründler Architekten haben das mit ihrem hellen Betonbau beim Volta Zentrum in Basel gekonnt in Szene gesetzt. Effektvoll kaprizieren sich auch die beiden gerundeteten Hochhaus-Schautürme zusammen mit dem Fussballstadion auf der Luzerner Allmend (Daniele Marques). Schon eher in die Kategorie Macht demonstrierende Prunkbauten gehören der Fifa-Hauptsitz in Zürich, gewisse Häuser im Novartis-Campus oder der Roche-Turm in Basel.

Kreative Spielfreude, Mut und neue technische Möglichkeiten (sei es beim Entwurf am Computer oder beim Bauen mit Beton) haben Bauten mit skulpturaler Eindrücklichkeit hervorgebracht. Wuchtig und doch elegant präsentiert sich die neuapostolische Kirche in Zuchwil mit ihrer geschwungenen Betonform (smarch – Ursula Stücheli & Beat Mathys), verspielt das wolkige Busdach in Aarau (Vehovar & Jauslin Architektur) oder als überraschender Einfall der mit einer spiraligen Treppe ummantelte Tour de Moron, im Berner Jura (Mario Botta). Diese Bauten verbinden aufs Schönste architektonische Idee, Ingenieur-Können und – wie oft bei Schweizer Bauwerken – bestes, sorgfältiges Handwerk.

Seilbahnstationen, See-Pavillons und Berghütten gilt hierzulande die Liebe der Architekten. Dass selbst ein Pneu-Shop zum Architektur-Zeichen werden kann, zeigt Camenzind Evolution in Zürich. Der zweistöckige Kleinbau mit dunklem Sockel und gläsernem Laternen-Aufbau erinnert an Kulturbauwerke (wie das Museo m.a.x. in Chiasso, die Elbphilharmonie in Hamburg). Das mag neckisches Zitat oder Zeichen von Selbstbewusstsein sein. Keine Aufgabe zu klein, um gut gelöst zu werden.

Selbst Zweckbauten wie die hölzerne Kuppel des Salzdoms in Möhlin (Häring Projekt AG), die neue aus Metall gestrickte Messehalle in Basel (Herzog & de Meuron) oder das an japanische Papierfaltkunst erinnernde Logistikzentrum des Roten Kreuzes in Satigny bezirzen mit Eleganz. Dieser Bau der groupe8 zeigt beispielhaft wie heute die rechten Winkel und die (zu) langen Fassaden gebrochen, geknickt und überdehnt werden. Aus Quadern werden Kristalle. Statt Statik regiert die Dynamik.

Ans Tabu Ornament wagen sich mit Lust und gutem Erfolg nur einige wenige Büros. Mit dem Ende des Jugendstils und dem Beginn der strengen, schnörkellosen Moderne ab den 1910er-Jahren galt es als überflüssiger Firlefanz, als Verunklärung. Form vor Schmuck, war eine Devise des erfolgreichen Schweizer Designs, sei es beim Rüstmesser oder Bauwerk. Wenn EM2N die Zugwerft in Zürich Herdern mit horizontalen Betonwülsten verkleiden (eigentlich überlange Rauten des SBB-Signets), so wirkt das wie spielerisch ins Bild gesetzte Geschwindigkeit. Es ist in seiner Üppigkeit geradezu unschweizerisch – und bei einem Zweckbau doppelt überraschend.

Die Schale des Elefantenhauses im Zürcher Zoo (Markus Schietsch Architekten) präsentiert sich von aussen wie eine ornamentierte Schildköte, im Innern ist sie getragen von einer der grössten Holzkuppelarchitekturen Europas. Form und Schmuck sind dem «exotischen Inhalt» des Hauses geschuldet. Ähnlich wie beim Musée d’Ethnographie in Genf (Graber Pulver Architekten): Dort ragt spitz und ornamental gestaltet wie ein Nomadenzelt der Eingangsbereich hoch in die Luft, statisch übrigens ein Meisterwerk. Die grossen Schauräume, die kein Tageslicht brauchen, sind in den Untergrund verlegt, wie auch beim Rietberg-Museum in Zürich (Grazioli und Krischanitz). Das schafft oberirdisch Platz, beziehungsweise konkurriert nicht die alte Villa.

Weiterhin grosse Berührungsängste scheint es beim Thema Farbe zu geben. Bunte Scheiben, vielleicht mal einfarbige Streifen oder ein grün-gelbes Geflecht um ein WC-Häuschen sind das höchste der Gefühle. Zumindest bei den 200 Bauten, die im «Architekturführer Schweiz» Aufnahme gefunden haben. Einzige Ausnahme: die rote Stadtlounge in St. Gallen von Carlos Martinez und Pipiloti Rist. Wer aber durchs Land fährt, spürt den bunten Aufbruch: Farbige Storen oder blaue, rote und gar goldfarbene Fassaden machen sich vehement bemerkbar. Da scheint sich das Revival der Pop-Art und Einflüsse aus Ländern mit weniger farblicher Zurückhaltung auch in der Schweizer Baukultur zu manifestieren.

Erweiterungen und Ergänzungen sind bei Architekten ein beliebtes Feld. So provokant anders die Neubauten zum Glück oft wirken, nehmen sie doch meist Bezug zu Bestehendem. Das ist beim Kubus des Stadtmuseums Aarau (Diener & Diener mit Martin Steinmann) oder bei der halbversenkten Polizeistation Sierre (Giorla & Trautmann) mit ihren markant tiefer gelegten Fensterkästen zu beobachten.

Wer sich über neuere Schweizer Architektur schlaumachen wollte, wurde bisher in Buchhandlungen nicht fündig. Es gibt zwar diverse aktuelle und historische Führer zu Gebautem in Basel, Zürich, Bern, Graubünden, dicke Bücher zu einzelnen Büros oder gar zu einzelnen Bauwerken. Aber eine Übersicht? Das wagte niemand. Nun hat der Münchner Alexander Hosch zusammen mit dem deutschen Callwey-Verlag «Die besten Bauwerke des 21. Jahrhunderts» in einem «Architekturführer Schweiz» zusammengestellt. Unterstützt vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein SIA sowie Bau- und Investfirmen.

Das Konzept ist so einfach wie praktikabel: Pro Bau eine Seite, eingeteilt in vier geografische Gross-Regionen. Der Knackpunkt war die Auswahl, wie Hosch schreibt: Es gab viel mehr gute Architektur als erwartet und die Liste wurde länger und länger . . . Nicht nur Qualität war Auswahlkriterium, es sollten auch die wichtigsten Architekten und Nutzungen vertreten sein. Ins Buch geschafft haben es nun 200 Bauwerke, die bereits eine beachtliche Karriere in Fachzeitschriften hinter sich haben. Aber – das ist ein Makel des Buches – es sind vor allem Signal-Architekturen. Oder dann Kleinstbauten (Pavillons, Verkehrs-Stationen, Stege), die den detailbewussten Schweizer Baukultur-Kreateuren bekanntlich am Herzen liegen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass für die Herausgeber – und für manche Architekten – gut vor allem auffallen heisst.

Mit seiner Auswahl widerspricht das Buch auch sich selber, beziehungsweise dem einleitenden Gespräch. Hier unterhalten sich Architektinnen und ein Investor ausführlich über Wohnbauten und mangelnde städtebauliche Diskurse und Planungen. Genau daran mangelt es dem Buch. Es listet fast so viele Bauten für Zoos auf wie Wohnbauten. Gäbe es nicht auch bei Wohnsiedlungen – bei weitem der wichtigsten Bauaufgabe – herausragende Werke und Zukunftspotenzial? Andere Formen als weisse Kubaturen mit Glasfronten? Auch die Texte – etwas gar leger und erlebnishaft geschrieben – vermögen das Manko nicht auszugleichen. Zumal städtebauliche Situationen (sogar oft ein Grundriss-Plan) fehlen und die Fakten zu jedem Bauwerk nur gerade Bauherrschaft, Baujahr (seltsamerweise gibts auch Bauten aus den 1990er-Jahren oder solche, die erst geplant sind), Architekt, Adresse und GPS Daten auflisten. Das ist etwas gar mager. Vor allem für Fachleute.

Aber trotzdem: Wer sich für Architektur interessiert und nicht regelmässig alle Bau-Zeitschriften durchstöbert, für den oder die ist dieses Buch Anregung und Segen. Und die Fülle an guten Bauwerken lässt hoffen: Das 21. Jahrhundert ist ja noch jung.

Architekturführer Schweiz. Die besten Bauwerke des 21. Jahrhunderts. Hg. Alexander Hosch. Callwey, 2015. 304 S., ca. Fr. 41.–

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