Ali Farsat wurde massiv bedroht und brutal zusammengeschlagen. Der syrische Karikaturist musste für regimekritische Cartoons büssen, die Folter, Korruption, Unterdrückung und Medienfreiheit in Syrien und anderen Ländern der Region thematisierten. Man brach ihm beide Arme, er liess sich aber nicht unterkriegen. Im Spitalbett zeichnete er sich: mit blauem Auge, Hände gefesselt und einem ausgestreckten Mittelfinger. Schliesslich wurde der Druck doch zu gross, und er musste ins Exil nach Kuwait fliehen, wo der heute 63-Jährige bis heute arbeitet.

Farsat ist eine Ausnahme. Es gibt zwar in allen Ländern der islamischen Welt Karikaturisten, doch gemäss Marlene Pohle, der Vize-Präsidentin des FECO, des Weltverbandes der Cartoonisten, zeichnet die ganz grosse Mehrheit innerhalb der vorgegebenen Linien der Regime. «Karikaturisten sind gefürchtet, doch wer sich mit den Herrschern anlegt, wird gnadenlos verfolgt», sagt Nahost-Korrespondent Michael Wrase. Besser, man spannt sie für ihre politischen Zwecke ein. Deshalb sind sie bissig bis rassistisch, wenn es um Israel geht, voraussehbar und plump, wenn es die Herrschenden in ihren Ländern betrifft.

Die Regimes in der islamischen Welt sind sich der Macht der Bilder bewusst, und der Umgang mit Karikaturisten verfestigt den Eindruck des bilderfeindlichen Islams. Tatsächlich untersagt die Sunna, die zweitwichtigste Quelle des Islams, Darstellung von Lebewesen. Grund für das Bilderverbot – das es auch im Christentum gibt – war der damals praktizierte Götzenkult, der durch den monotheistischen Glauben ersetzt werden sollte. Bildende Künstler sollten nicht die Möglichkeit erhalten, Götzen zu erschaffen. Das Bilderverbot sollte den Schöpfer konkurrenzlos machen.

Als die Taliban 2001 die 1500 Jahre alte Buddha-Statue sprengten, argumentierten sie, dass der Eingottglaube Islam keine «Heiligtümer von Ungläubigen» erlaube. Radikale Salafisten sind es, die bis heute jegliches Bild verbieten wollen. Paradoxerweise sind es gerade die salafistischen Dschihadisten des IS, die die Kraft der Bilder, das Verbreiten der Hinrichtungen der «Ungläubigen» für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren.

Doch diese Extremisten sind in der Minderheit, wie die Islamwissenschafterin Silvia Naef betont. Im profanen Leben sei die islamische Welt längst über das radikale Bilderverbot hinausgekommen. Es ist obsolet. Überhaupt: «Es gibt kein Bilderverbot im Koran», sagt die Professorin der Universität Genf, die 2007 das Buch «Bilder und Bilderverbot im Islam» (C. H. Beck) herausgegeben hat.

Ein absolutes Bilderverbot im Islam konnte sich «nur im religiös-sakralen Kontext» halten. In Moscheen, im Koran und anderen religiösen Schriften gibt es – ganz im Gegensatz zum Christentum – bis heute keine bildlichen Darstellungen. Und auch in Karikaturen sind Zeichnungen von Allah oder des Propheten Mohammed tabu. Darüber besteht gemäss Pohle ein weitgehender Konsens in der islamischen Welt. Näf betont aber, dass das «weniger mit dem Bilderverbot zu tun» hat. Vielmehr würden «die Karikaturen als Beleidigung» empfunden.

Auch von Ali Ferzat. Er verurteilt den Terror und distanziert sich von den Attentätern, äussert aber Vorbehalte gegenüber den Karikaturen von «Charlie Hebdo». «Ich bin Muslim, betrachte diese Leute (die Terroristen) aber nicht als Muslime», sagt er «BuzzFeed News». «Kunst sollte andere Leute nicht beleidigen. Kunst sollte grösser sein. Sie sollte Leute zusammenbringen, nicht auseinandertreiben». Mit dieser Ansicht bewegt sich Fersat im Mainstream der Zeitungskommentatoren in der islamischen Welt, die einen Zusammenhang mit dem Islam in Abrede stellen.

Pohle ist ganz anderer Meinung: «Selbstzensur geht nicht. Religion darf in Cartoons nicht ausgeschlossen werden.» Umso interessanter, dass sich die Bleistiftspitze als Symbol für Meinungs- und Pressefreiheit, inzwischen auch in Karikaturen der islamischen Welt durchgesetzt hat. «Wir erhalten unglaublich viele Solidaritätsbekundungen, gerade auch aus der islamischen Welt», sagt Pohle. «So traurig der Anlass ist, diese Solidarität gibt der Meinungs- und Pressefreiheit Auftrieb.» Vielleicht auch in der islamischen Welt. Den Schülern von Ali Ferzat. Einer neuen Generation von Karikaturisten, die nicht mehr von Wut getrieben sind: für die Mut-Gläubigen.

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