Unsere Sprache sei das Schweizerdeutsche und nicht das Hochdeutsche, schrieb ich am letzten Sonntag an dieser Stelle. Diese Feststellung hat mir eine Menge Widerspruch eingebracht. Von einer «Konzentration auf den eigenen Bauchnabel» war in einer Zuschrift die Rede. Schweizerdeutsch sei doch gar keine Sprache, sagte mir ein Bekannter auf der Strasse (auf Schweizerdeutsch). Und jemand merkte an, dieses Festhalten am Dialekt sei nicht nur provinziell, es stärke auch die Fremdenfeindlichkeit und provoziere den Applaus aus der falschen Ecke.

Nicht alle Reaktionen gingen in die gleiche Richtung, aber fast alle waren mit Emotionen aufgeladen. Fragen zur Sprache wecken fast immer Emotionen, weil sie uns direkt betreffen, unsere Befindlichkeit und Intimität. Mit der Sprache verhält es sich wie mit der Körpergrösse oder der Hautfarbe, niemand wählt sie selbst, und niemand mag es, wenn er sich für sie rechtfertigen muss. Aber es sollte auch niemand meinen, seine Sprache oder seine Körpergrösse oder seine Hautfarbe seien wichtiger als diejenigen der andern.

Eine Leserin hat mich darauf aufmerksam gemacht, der Germanist Peter von Matt habe in seinem Buch «Das Kalb vor der Gotthardpost» erklärt, Mundart und Hochsprache gehörten in der deutschen Schweiz zusammen wie Milch und Brot. Weiter sage von Matt, Milch und Brot spiele niemand gegeneinander aus, man freue sich einfach an den zwei guten Gaben. Das ist sehr schön und sehr poetisch formuliert. Es stimmt auch, dass es vollkommen unsinnig wäre, die eine Form des Deutschen gegen die andere auszuspielen. Wir Wortmenschen, die uns jeden Tag mit Sprache befassen, können mit solch poetischen Bildern etwas anfangen. Wir haben das Glück oder das Privileg, uns wahlweise in der einen oder der anderen Sprache auszudrücken.

Aber draussen im Land gibt es Tausende von Leuten, die vielleicht an einer sprachlichen Laktose- oder Glutenunverträglichkeit leiden. Ihnen hilft die Allegorie von Milch und Brot gar nichts. Sie merken einfach, dass sie schlechter Hochdeutsch reden als Deutsche und deswegen weniger ernst genommen werden. Wäre in solchen Situationen allen Beteiligten klar, dass Deutschschweizer vor dem Hochdeutschen bereits eine vollständige und korrekte Sprache gelernt haben und Hochdeutsch also ihre Zweitsprache ist, ginge es wohl allen besser. Selbst der Deutschschweizer, der nur halbwegs korrektes Hochdeutsch spricht, wüsste dann, dass er gesamthaft gesehen eineinhalb Sprachen spricht, also immer noch eine halbe mehr, als jene, die bloss Hochdeutsch sprechen.

Dass es sich lohnt, mehr als eine Sprache zu lernen und zu beherrschen, besonders in kleinen oder mehrsprachigen Ländern, sollte unbestritten sein. Dass es sich lohnt, in den Sprachunterricht zu investieren und möglichst viele Landessprachen möglichst gut zu lernen, sollte ebenfalls unbestritten sein. Aber um gut und gerne Sprachen zu lernen, braucht es zunächst Freude an der Sprache, Freude an der Kommunikation und ein natürliches, sprachliches Selbstbewusstsein.

Initiativen, die verlangen, dass Kinder im Kindergarten nur Schweizerdeutsch oder nur Hochdeutsch reden sollen, sind nutzlos. Alle Ideologien, die den Menschen vorschreiben, wie sie reden sollen, zielen gegen die menschliche Natur und gegen die Selbstachtung. Wer weiss, dass seine Muttersprache keine mangelhafte und niedere, sondern eine vollwertige ist, braucht sich sprachlich weder abzugrenzen noch zu unterwerfen.

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