Von Sebastian Balzter

Über das Waldhorn lässt sich viel Gutes sagen. Es hat eine grosse Geschichte in den Orchestern dieser Welt, kein Posaunenchor will darauf verzichten, seine Vorläufer zählen zu den ältesten Blasinstrumenten der Welt. Es tönt so schön. Aber es hat ein Imageproblem, cool ist das Horn nicht. Deshalb spielt es in der Popmusik, die massentauglich sein muss, auch keine tragende Rolle.

Bis auf eine grosse Ausnahme: Max Martin, der erfolgreichste Popproduzent der Gegenwart, hat vor knapp vierzig Jahren ausgerechnet auf einem Waldhorn angefangen zu musizieren. Und diese Episode aus der Schulzeit erzählt viel über den Mann, der damals noch ein Junge war und Martin Sandberg hiess.

Die Musikschule von Stenhamra, einer Kleinstadt auf einer idyllischen Insel westlich von Stockholm, hat er zwar längst hinter sich gelassen. Heute geben sich in seinem Studio in Los Angeles die Weltstars die Klinke in die Hand. Britney Spears, Katy Perry und Pink vertrauen schon lange auf den Schweden, Veteranen wie die Backstreet Boys sowieso. Manche singen einfach nur die Lieder, die Martin für sie geschrieben hat. Andere kommen mit eigenen Texten und Songbruchstücken, die Martin dann für sie vergoldet. Jetzt hat sich sogar die Britin Adele einen Hit von ihm produzieren lassen, die um die Schamanen der Musikindustrie sonst einen weiten Bogen macht, um ihre Eigenständigkeit zu betonen.

Wie kann das gehen: Zwanzig Jahre lang einen Hit nach dem anderen zu schreiben und aufzunehmen, für so unterschiedliche Kunden? Ohne dass auch nur ein Einziger von ihnen nachher je ein schlechtes Wort über ihn verloren hat? Sage und schreibe acht Mal von der eigenen Zunft zum besten Popmusikkomponisten des Jahres gewählt zu werden und dabei selbst stets im Hintergrund zu bleiben, das eigene Privatleben komplett abzuschirmen? In einer Branche, in der Homestorys, Schlammschlachten und Sticheleien zum Alltag gehören?

Das Waldhorn von damals ist ein Teil der Antwort. Denn Max Martin hat nicht nur ein untrügliches Gespür für Rhythmus und Melodie, sondern auch ein Talent zur Unauffälligkeit. Er war nie eine Rampensau. Und er hat nie für sich in Anspruch genommen, der Coolste zu sein, zur Avantgarde zu gehören, an der Spitze einer Bewegung zu stehen. Dass seine Eltern seichte Popmusik von Elton John hörten, störte ihn damals in Stenhamra kein bisschen. Waldhorn, warum denn nicht?

Bescheiden geblieben
Er sei ein grossartiger Zuhörer, sagt Britney Spears über Max Martin – und man fragt sich, worauf andere Produzenten Wert legen, wenn nicht auf das, was sie zu hören bekommen. Kaum jemand in der Branche wisse so viel über Musik wie er, schwärmt Pink von dem Schweden – und man ahnt, dass die Schule in Stenhamra nicht so übel war. Er hätte alle unsere Songs auch mit seiner eigenen Stimme aufnehmen können, es wäre eine perfekte Platte geworden, verraten die Backstreet Boys – und man wundert sich, wie Max Martin trotzdem so glaubhaft bescheiden bleiben konnte. Er spricht so gut wie nie über seine Karriere, und wenn, dann geht es dabei stets um andere. Um die vielen jungen Mitarbeiter und Kollegen aus aller Welt, die er regelmässig in sein Studio nach Los Angeles holt, damit die Ideen nicht versiegen. Und um den einen Musiker, der ihn entdeckt hat, damals in Stockholm.

Das war in den Neunzigerjahren. Martin hatte das Gymnasium abgebrochen und versuchte sich in einer mittelmässigen Hardrockband, zu der seine Langhaarfrisur heute passen würde. Für eine Plattenaufnahme ging die Band in ein Kellerstudio in der schwedischen Hauptstadt. Die Platte mit dem erbaulichen Titel «Earthquake Visions» wurde kein grosser Erfolg. Aber der Produzent, als DJ mit dem Künstlernamen Denniz Pop für Eingeweihte damals schon eine grosse Nummer, erkannte Martins wahre Begabung. Er liess ihn im Studio mitmachen, zuerst als eine Art Praktikant. Glaubt man Martins eigener Darstellung, dann war es eine Erlösung für ihn: Dass er endlich seinen Hang zum Mainstream, zum Pop ausleben konnte.

Als Schwede hat er dafür genau die richtige Nationalität. Gemessen an der Einwohnerzahl hat vermutlich kein anderes Land der Erde in den vergangenen Jahrzehnten so viele international erfolgreiche Bands und Sänger hervorgebracht. Das Abba-Quartett machte in den Siebzigern den Anfang, später kamen Ace of Base, Roxette und die Cardigans, junge Menschen kennen heute Lykke Li, First Aid Kit und Swedish House Mafia. Schon sechsmal haben Schweden den europäischen Grand Prix gewonnen, häufiger als Franzosen und Briten, von den Deutschen ganz zu schweigen.

Sogar die schwedische Regierung macht daraus seit einigen Jahren ein grosses Ding, feiert Popmusik als eines der wichtigsten Exportgüter des Landes, in einem Atemzug mit dem Maschinenbau. Und es gibt gleich eine Reihe von kulturhistorischen Erklärungsansätzen für den Erfolg: Viele Schweden singen im Chor, der Staat fördert nicht nur in Stenhamra die musikalische Früherziehung, jeder kann einigermassen Englisch – und kein schwedischer Profimusiker käme auf die Idee, der Heimatmarkt mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern könnte gross genug für die eigenen Ansprüche sein.

Das alles ändert aber nichts daran, dass auch ein kräftiger Schuss individuelle Begabung – und in Max Martins Fall sagen viele: Genie – dazugehört. Von Denniz Pop mag er sich abgeschaut haben, dass sich «weisse» europäische Melodien bestens mit «schwarzem» amerikanischem Rhythmus vertragen, dass ein und dasselbe Lied also Pop und R&B zugleich sein kann. Auch die Devise, dass ein Lied kein Vorgeplänkel haben darf, sondern mit dem ersten Takt unverwechselbar zu erkennen sein muss, hat er nach eigener Aussage von seinem Mentor übernommen.

Aber die Präzision, mit der Max Martin seine Songs komponiert, die Disziplin, mit der er zusammen mit den jeweiligen Interpreten an jedem einzelnen feilt, und die Universalität, mit der seine Methoden bislang offenkundig funktionieren, sind einzigartig. Denniz Pop starb 1998 an Krebs, zwei Jahre später machte Max Martin das Studio in Stockholm dicht und zog nach Kalifornien. Vielleicht auch, weil er zwischen all den Celebrities aus der Unterhaltungsindustrie dort so leicht untertauchen kann.

«Thank you for The Music»
Es gibt nicht viele Gelegenheiten, Martin ausführlich nach seiner Arbeitsweise zu befragen. In zwanzig Jahren hat er ganze drei Interviews gegeben, mit dem jüngsten bestritt eine schwedische Tageszeitung im Februar eine ganze Wochenendbeilage. Wenn er sich in Hollywood mal wieder eine Auszeichnung abholt oder als Laudator etwa für die Backstreet Boys auftritt, hält er es stets kurz und knapp, hört am liebsten mit einem Abba-Zitat auf: «Thank you for The Music». In zwei Wochen, wenn der König von Schweden ihm und der italienischen Opernsängerin Cecilia Bartoli den Polarpreis verleiht, eine Art Nobelpreis für Musik, gibt Martin im Theater von Stockholm ein einstündiges Seminar. Die Eintrittskarten dafür waren im Handumdrehen ausverkauft.

Sich rarmachen, auch das kann natürlich zu einer Masche mit PR-Effekt werden. Je weniger er selbst darüber spricht, desto mehr haben die Musikexperten inzwischen jedenfalls das Max-Martin-Repertoire analysiert. Der amerikanische Journalist John Seabrook hat seine im vergangenen Jahr erschienene Popmusik-Studie «Song Machine – Inside the Hit Factory» vor allem über Max Martin geschrieben. Eine zentrale Erkenntnis: Er vertauscht gewissermassen Dur- und Moll-Akkorde, lässt dadurch ganz bewusst fröhliche Lieder traurig und traurige Lieder fröhlich klingen, um die Spannung zu steigern. Das konnte schon Abba, Max Martin hat es perfektioniert.

Die zweite These der Fachleute: Popmusik à la Max Martin ist angewandte Mathematik, nicht nur weil die Aufnahmen heute am Rechner zusammengesetzt werden. Viel wichtiger ist, dass sich die übereinanderliegenden Stimmen wie in einer Gleichung mit vielen Variablen ausgeklügelt ergänzen und einander bisweilen sogar widersprechen müssen, um zusammen eine Balance zu erreichen; schnelle Passagen müssen sich mit langsamen abwechseln, damit die Hörer aufmerksam bleiben. Das geht so weit, dass in vielen Fällen der Text nur noch die Garnitur zur Musik ist – man sucht Silben, die irgendwie zur vorgegebenen Struktur passen, der Sinn ist zweitrangig.

Wenn er jemandem einen neuen Song vorspiele, sagt Martin, komme es ihm weniger auf dessen Urteil danach an als auf Körperhaltung, Gesten und Mimik während des Zuhörens. Wer anfängt, dem Handy zu spielen, ist nicht mehr dabei. Die Aufmerksamkeitsspanne, das weiss jeder Grundschullehrer, nimmt ab. Alle sieben Sekunden, sagt Martin, braucht ein Lied deshalb eine Überraschung, einen Knalleffekt.

Eine Mannschaft für den Hit
Am Ende hört sich so ein Popsong gewöhnlich viel einfacher an, als er ist. Es gehört eine ganze Mannschaft dazu, einen Hit zu komponieren, aufzunehmen und abzumischen. Insofern entspricht es der Realität, den Erfolg auf viele Schultern zu verteilen. Man kann die Verhältnisse aber auch anders beschreiben. Wie der Musiker, der nach einem Besuch in Martins Studio einen Vergleich mit den Malerwerkstätten vergangener Jahrhunderte gezogen hat. So habe er sich stets die Atmosphäre bei Michelangelo oder Rembrandt vorgestellt: Fleissige Schüler erledigen die Routinearbeit. Aber für den entscheidenden Pinselstrich ist der Meister selbst zuständig.

In Los Angeles hat sich Martin ein Haus gekauft, zu dessen früheren Bewohnern Frank Sinatra und Madonna zählen. Dort entsteht jetzt die Musik, die wir morgen hören werden. Auf Max Martins Schreibtisch liegt ein Buch über die Beatles, das im Stil der «Was ist was ?»-Bände den Erfolg der Band aus Liverpool erklärt. Er leihe es oft den jungen Musikern aus, die zu ihm ins Studio kommen, hat Martin einmal gesagt. Weil nicht jeder von ihnen vorher wisse, worum es in der Popmusik eigentlich gehe.

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