Ausgerechnet zum neuen chinesischen Jahr, das im Zeichen des ausdauernden Pferdes steht, erscheint Silvia Tschuis Roman «Jakobs Ross». Wohl kaum ein Marketinggag des Verlags. Eher Kalkül. Denn die Leipziger Buchmesse bietet Mitte März über 80 Schweizer Autoren eine Bühne – auch Silvia Tschui, die diese Woche in Hamburg lesen durfte. Schon jetzt ist sie in Deutschland für einen Debütanten-Preis nominiert. Die Deutschen interessieren sich für ihre zwischen Dialekt und Schriftdeutsch lavierende Sprache. Denn an der Geschichte einer Dienstmagd aus dem 19. Jahrhundert hängt ein urschweizerischer Stallgeruch. Jenseits der Grenze findet man das putzig, diesseits entweder herzig oder kindisch.

Eines ist der Roman auf keinen Fall: provinziell. Wie Jeremias Gotthelf, Friedrich Glauser oder Zeitgenossen wie Franz Hohler und Pedro Lenz bringt Tschui den Dialekt so eigen und humoristisch in ihrer Satzmelodie unter, dass das Lesen ein Genuss ist. «Ich wollte, dass es so klingt, als wolle ein um Ernsthaftigkeit bemühtes Schweizer Kind eine Geschichte auf Hochdeutsch erzählen», sagt Tschui. Klaus Schädelins verfilmter Jugendroman «Mein Name ist Eugen» (1955) stand Pate. Statt alte Sprachlexika zu plündern, hat Tschui die Wörter von ihren Grosseltern abgelauscht. «Wer sich mit Dialekten auskennt, würde meinen Text wahrscheinlich in den 1950er-Jahren verorten», so Tschui, etwa mit Begriffe wie «Jümpferli» oder «verräblen».

Ruhelos und voller Bewegungsdrang ist die «Blick online»-Redaktorin und Mutter eines zweijährigen Sohnes. Schon während ihrer Ausbildung lief bei ihr alles gleichzeitig. Kunststudium, Lehrerausbildung, dazu Germanistik-Vorlesungen. Sie suchte etwas, das sie packte. Deshalb zog die begabte Zeichnerin fünf Jahre nach London, wo sie nach einem Animationsfilm-Studium in einer Produktionsfirma für Grossfirmen wie Nike Filmsequenzen animierte. An der Fussball-WM erreichte sie damit auch mal ein Millionenpublikum.

Doch die grosse Welt schrumpfte bald auf existenzielle Nöte zusammen. Das kreative Business war hart, das Geld für die Wohnung wurde knapp. «Einen Monat lang habe ich heimlich in der Produktionsfirma gewohnt», so Tschui. In die Schweiz zurückgekehrt, stieg sie als Grafikerin bei Ringier ein – und wurde bald Journalistin.

Mit dreissig stellte sich Tschui eine Frage, die man bei ihrer spannenden Biografie schwer nachvollzieht: «Warum war ich bisher so erfolglos?» Tschui erkannte: «Sobald ich in der Kunst einen Widerstand spürte, habe ich mich wieder in einen geregelten Job geflüchtet.»

Nach ihrer Rückkehr aus London lebt sie heute mit ihrem Sohn in Kilchberg ZH und hat jobbegleitend «Literarisches Schreiben» am Schweizer Literaturinstitut studiert. Dort betreute Silvio Huonder ihr Romanprojekt «Jakobs Ross», das in den Appenzeller Alpen und neben der Kinderkrippe ihres Sohnes Form annahm.

In «Jakobs Ross» hat Tschui ihren eigenen zeitlosen Künstlerkonflikt ins 19. Jahrhundert verlegt und in archaischen Bildern drastisch zugespitzt. Der 13-jährigen Dienstmagd Elsie, die von einer Musikerkarriere in Florenz träumt, geht es an Leib und Leben. Statt ihrem Stand zu entfliehen, wird sie von einem Wädenswiler «Fabrikdiräkter» geschwängert und mit dem Knecht Jakob verheiratet, dessen Traum von einem eigenen Ross brutal mit Elsies Lebensentwurf kollidiert. Ein radikales Buch, das künstlerisches Leiden an sich selbst nicht seitenweise breitwalzt, sondern in hohem Tempo durch eine Handlungskette galoppiert.

Alle Figuren folgen kompromisslos eigenen Interessen, Gewalt provoziert Gegengewalt – in einer sturzbachartigen Bilderflut. Für die hat Tschui ihr visuelles Vorstellungsvermögen angezapft und tief in die Comic-Trickkiste gegriffen. Wenn Elsie sich die Fidel vom Bürgertöchterlein unters Kinn klemmt, wächst sie bis in den vierten Stock des Herrenhauses, bringt «buttrige Herzen» zum Platzen. Sogar ein «Gingg» ist bei ihr ein eigener Charakter.

Tschuis Stil erinnert an die Literaturgattung des Magischen Realismus, die das Fantastische in ein realistisches Erzählgeschehen einbindet. Tschuis Fabelwesen und Sagen, die man in Lexika oft vergeblich sucht, brechen aus den Ritzen des bäuerlichen Alltags ständig hervor. «Ich war extrem recherchefaul», gesteht die Journalistin. Das meiste ist erfunden. Ein Stadtarchivar aus Zug half ihr, das Geschehen ins Jahr 1869 zu verlegen. «Freunde warnten: ‹Historiker werden dich kreuzigen.›» Wir Leser lassen uns von ihr gern an der Nase herumführen.

Silvia Tschui, Jakobs Ross. Nagel & Kimche 2014. 208 S., Fr. 27.90. Lesung: 11. 4. im Cabaret Voltaire in Zürich.
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