Ein leeres Theater hat auch Vorteile. Die Architektur des Saals kommt besser zur Geltung. Im Pfauen – dem grössten Saal des Zürcher Schauspielhauses und der renommiertesten Bühne der Schweiz – bot sich letzte Saison oft die Möglichkeit, die baulichen Vorzüge des ersten Hauses zu studieren.

In einer Auswertung der aktuellen Auslastungszahlen der grössten Schweizer Theaterhäuser schneidet der Pfauen am zweitschlechtesten ab. In der Saison 2014/2015 waren durchschnittlich nur 55 Prozent der 750 Plätze besetzt. Angesichts des Subventionsbeitrags durch die Stadt Zürich von rund 38 Millionen letztes Jahr eine bescheidene Auslastung. Noch schlechter besucht war die grosse Bühne des Theater Basel (52 Prozent).

Im Pfauen reiht sich die Zahl ein in eine Entwicklung, die seit über 15 Jahren andauert. In der Spielzeit 1998/1999 pilgerten noch 168 000 Personen in den Pfauen, auf dessen Bühne die Stücke von Brecht, Dürrenmatt und Frisch uraufgeführt worden waren. Ein Jahr später wurde der ebenfalls vom Schauspielhaus betriebene Schiffbau eröffnet. Seither sinken die Zuschauerzahlen auf der Hauptbühne des Schauspielhauses. 2006/2007 waren es noch 124 000 Besucher. Und in der letzten Saison gerade noch etwas über 96 000. Das sind knapp 80 000 weniger als Ende des letzten Jahrhunderts.

Sebastian Steinle, Pressesprecher des Schauspielhauses, sagt, für sie sei nicht die Auslastung massgeblich, sondern die Gesamtzuschauerzahl aller Spielstätten. «Bei dieser liegen wir mit rund 141 000 Eintritten in der vergangenen Saison an der Spitze aller Schweizer Sprechtheater.»

Trotzdem will das Schauspielhaus das «Vermittlungsangebot» und die «Online-Kommunikation» ausbauen. Von einem abnehmenden Prestige beim Schauspielhaus wollen die Verantwortlichen nichts wissen. In der Intendanz von Barbara Frey seien bereits sechs Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen, den Oscars der deutschsprachigen Theaterwelt, eingeladen worden.

In Basel hat diese Saison mit Andreas Beck ein neuer Direktor seine Arbeit begonnen. Für die katastrophalen Zahlen seiner Vorgänger trägt er keine Verantwortung. Kommentieren will man die Zahlen der letzten Saison am Theater Basel deshalb nicht.

Vor zwei Jahren war ein anderes wichtiges Zürcher Theater wegen tiefer Auslastung in die Schlagzeilen geraten.

Auf die Saison 2013/2014 hatten am Neumarkt neue Intendanten auf ein sehr experimentelles Programm gesetzt.

Die Quittung flatterte umgehend ins Kassenhäuschen. 44 Prozent Auslastung, bei 4,6 Millionen Franken Subvention. Darauf entbrannte in der selbsterklärten Kulturmetropole Zürich eine giftige Debatte um die Bedeutung des Theaters. Der Kultur-Chef des «Tages-Anzeigers» entzog der Bühne damals die Liebe und schrieb, wer das Theater nicht besuche, «hat (…) nichts Wesentliches verpasst». Zahlreiche Theaterschaffende antworteten auf den Beitrag mit zornigem Protest.

Inwiefern sich das Neumarkt von der Baisse erholt hat, bleibt unklar.

Zwar meldeten sich die Betreiber im Januar 2015 nur zwei Monate nach dem Artikel mit einer «erfolgreichen Zwischenbilanz», in der die Auslastung von 41 Prozent auf 71 Prozent gestiegen war. Seit dieser Erfolgsmeldung blieb es verdächtig ruhig. Zur aktuellen Auslastung will das Neumarkttheater nichts sagen.

Besser sieht die Auslastung bei den weiteren angefragten Bühnen aus. Sie weisen meist eine Auslastung von zwischen 70 und 80 Prozent aus. Insbesondere kleinere Häuser wie das Theater Tuchlaube in Aarau (80 Prozent) oder das Theaterhaus Gessnerallee (79 Prozent) in Zürich erfreuen sich grossen Zulaufs. Wie sich die Zahlen im Pfauen entwickeln werden, ist schwer abzuschätzen. Gemäss Schauspielhaus habe man sich in den letzten Monaten nicht über «mangelndes Publikumsinteresse» beklagen können.

Die Verantwortlichen kämpfen derweil nicht nur gegen den Zuschauerschwund an der Rämistrasse, sondern auch gegen eine Filiale des Discounters Spar in derselben Liegenschaft. Dabei könnte ein wenig Laufkundschaft eigentlich nicht schaden.

Mitarbeit: Flavia Bonanomi

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper