Das hat vor ihr noch niemand geschafft. Gleich mit drei Alben war Beatrice Egli in diesem Jahr in der Schweizer Hitparade platziert. In dieser Woche hat ihr drittes Album, «Pure Lebensfreude», die Chart-Spitze gestürmt. Zusammen mit Helene Fischer und Andrea Berg hat sie erreicht, dass der deutsche Schlager wieder salonfähig ist. Sogar in den Feuilletons der Weltblätter wird das Revival des Schlagers thematisiert und die besagten Sängerinnen werden als Interpretinnen eines qualitativ hochwertigen deutschen Schlagers respektiert.

Ihr Erfolgsrezept: «Beatrice Egli wirkt authentisch, glaubwürdig und weniger gekünstelt als andere Sängerinnen des Genres», sagt Schlagerexperte Kurt-Emil Merki. «Man glaubt, dass sie den Schlager liebt und lebt.» Sie verkörpere «den Typ junge, unbekümmerte, frische und fesche Schlagersängerin» und spreche damit «eine Generation an, die von Schlagern bisher nichts wissen wollte».

Mit ihrer gewinnenden Art ist Egli zur besten Botschafterin des deutschen Schlagers geworden: «Ich habe schon immer fest an den Schlager geglaubt und mir immer gewünscht, dass er beim Publikum die gleiche Berechtigung und das gleiche Ansehen erfährt wie alle anderen Genres auch», sagt sie.

Interpretation und Ausstrahlung ist das eine. Doch wie steht es mit der Qualität der Texte? «Sie sind einfältig, ein dimensional und ausserordentlich schlecht», sagt Oliver «Schwe» Schweizer. Der Sprachwissenschafter und Journalist hat im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Universität Bern Schlagertexte untersucht und kommt im Zusammenhang mit den Texten von Beatrice Egli zu einem wenig schmeichelhaften Urteil: «Wir hören auf ‹Pure Lebensfreude› dreizehnmal den gleichen Inhalt, nach dem gleichen Schema F und den gleichen Schlüsselworten.»

Für Schlager wenig überraschend, geht es bei Egli ausnahmslos um Liebe und Liebesglück. Dabei richtet sich die Sängerin gemäss Schweizer stets an ein nicht definiertes «Du», bleibt aber beliebig und wird nie konkret. «Du verzauberst mich», singt sie im ersten Song. «Du hast mich tausendmal entführt» im zweiten. «Es ist nur die Variation des Immergleichen, und das zieht sich durch das ganze Album», sagt Schweizer. Dabei verwende sie die «ausgelutschtesten Redewendungen». Einmal heisst es: «Mein Herz fährt Achterbahn», ein andermal «Die Gefühle fahren Karussell».

Die Texte drehen sich bei allen Liedern um wiederkehrende Reiz- und Schlüsselworte wie «Himmel», «Sterne», «Herz», «Feuer» und «Sonne» und damit auch um dieselben einfallslosen Metaphern. Gemäss Schweizer stehen «Sonne» und «Sterne» für Hoffnung, «Herz» für Liebe, «Feuer» für Leidenschaft und der «Himmel» für Sex und das Fliegen und Schweben im Himmel für die Ekstase.

Die Wortwahl auf «Pure Lebensfreude» ist nicht nur einfallslos, die Textschmiede bedienen sich auch schamlos im Fundus der bekannten Schlagerlyrik. «So wie ein Stern» erinnert an den Hit «Ein Stern» von Nik P., und «Verdammt, ich will leben» scheint eine Reminiszenz an Matthias Reims «Verdammt, ich lieb dich» zu sein.

Im Promotext von Eglis Label Universal wird der Eindruck erweckt, dass die Texte von Egli stammen. «Pure Lebensfreude» sei inspiriert von Beatrice Eglis Erlebnissen. «Von den Geschichten, die um sie herum passieren. Von ihren eigenen, als auch von den Lebensgeschichten ihrer zahllosen Fans», heisst es da. Doch davon spürt man gar nichts. «Egli erzählt in ihren Liedern auch keine Geschichten», sagt der Sprachwissenschafter weiter. «Es passiert rein gar nichts. Es wird nur die Liebe beschwört.»

Es sind Texte wie aus der Schlagerfabrik, unpersönlich, uninspiriert, einfallslos und simpel. Texte wie von einer anonymen Schlager-Software zusammengefügt. Oft ändern nur die Wortstellungen. «Eine kleine Welt kreist immer um die gleichen, kleingeistigen Sätze», sagt Schweizer.

Von «Schweiz am Sonntag»-Mitarbeiter Reinhold Hönle auf die Textschwäche und die Ansammlung von neu zusammengewürfelten Schlager-Schlagworten angesprochen, sagt Egli: «Dieter (Bohlen) ist eben sehr darauf aus, die Worte klingen zu lassen, und da geht für ihn nichts über das Wort Herz.»

Egli betont zwar, dass sie «diesmal in die Produktion involviert war». Doch ihr Einfluss scheint auch diesmal gering gewesen sein. Das Sagen hatte ihr Produzent und Förderer Dieter Bohlen, er ist der Zeremonienmeister und grosse Zampano. Egli verdeutlicht: «Dieter hatte schon zehn Songs vorbereitet und schrieb weitere zwanzig, damit wir gemeinsam die besten dreizehn Lieder aussuchen konnten.»

Eglis Beitrag beschränkte sich also auf die Mitsprache bei der Auswahl und der Interpretation der Lieder. «Bei ‹Glücksgefühle› habe ich einfach eingesungen, was ich bekommen habe», sagt sie. «Jetzt habe ich mitentschieden und einige Songs vier- oder fünfmal in unterschiedlichen Tempi und Instrumentierungen aufgenommen, bis ich meine Version gefunden hatte.»

«Die Frau hat nichts zu sagen», sagt Schweizer. Und zwar im doppelten Sinn. In der Produktion wie in den Songtexten. «Pure Lebensfreude» ist eine Ansammlung von nichtssagenden Worthülsen. Es sind Lieder ohne Inhalte und Aussagen. Oder vielleicht darf sie nichts sagen. Denn für Schweizer ist «die Inhaltsleere ein Teil des Erfolgsrezepts – wer nichts zu sagen hat, der macht sich auch keine Feinde». Egli sei eine «ewig-lächelnde, profillose Schlagermarionette. Hübsch, harmlos, lustig und nett. Dieter Bohlens Produkt zum Geldscheffeln».

Zur Ehrenrettung von Beatrice Egli weist Schweizer darauf hin, dass dieser erschreckende Befund für viele Hitparaden-Songs gilt. «Doch wer im Rock- und Pop-Genre gute Texte und Inhalte sucht, der wird fündig», sagt er, «beim Schlager aber nicht.» Auch Helene Fischer und Andrea Berg ändern für Schweizer nichts an diesem Urteil. Viel besser sind auch jene Texte nicht. Auch für Experte Merki sind die Songtexte eine Schwachstelle im Schlager. Er hofft aber, dass Egli aus dem Schatten von Bohlen treten und ihren eigenen Weg gehen kann.

Beatrice Egli: Pure Lebensfreude, Universal.


«Herz an Herz, Du und ich Lass ein Wunder geschehn Halt mich fest und ich seh Wie die Sterne sich drehn. Herz an Herz, ich lieb Dich Du bist ehrlich zu mir Wahre Liebe spür ich nur noch mit Dir.»

SONG: «Herz an Herz»


«Mit Dir allein in meinem Himmelbett Nur Du und Ich, das fänd ich wirklich nett Mit Dir mal barfuss auf den Wolken gehn Die Sterne tanzen sehen. Mit Dir allein in meinem Himmelbett Der Mond und die Sonne tanzen im Duett Wir haben heute ein Rendezvous Der Himmel, ich und Du.»

SONG: «HIMMELBETT»


«Verdammt ich will leben, heute und hier Verdammt ich will geben und immer nur Dir Du knallst in mein Leben, einfach nur so Ganz grosses Kino, die ganz grosse Show Verdammt ich will leben, will Liebe von Dir Verdammt ich will geben, heute und hier Wenn Du mich so ansiehst Verliere ich den Halt Ich schweb wie auf Wolken, ich hab mich verknallt.»

SONG: «Verdammt ich will leben»


«Meine Liebe ist grenzenlos, der Himmel hat mich wieder Ohohohoooo hoho, ich fühl mich gut Meine Liebe ist grenzenlos, das Leben hat mich wieder Ohohohoooo hoho, es tut so gut. Unendlich gut.»

SONG: «Grenzenlos»