Dieser Film reiht Erfolg an Erfolg. Nach dem vierfachen Gewinn beim Schweizer Filmpreis im März hat «Der Goalie bin ig» von Sabine Boss nun 100 000 Kinozuschauer erreicht. Damit steht er an der magischen Marke, an der sich in den hiesigen Kinos die Spreu vom Weizen trennt. Von den fast zweitausend neuen Filmen, die pro Jahr in unseren Kinos laufen, schaffen es zwischen zwanzig und dreissig, mindestens 100 000 Tickets abzusetzen. Doch von diesen ist im Durchschnitt nur ein Einziger aus der Schweiz. Der grosse Rest sind Hollywood-Blockbuster und andere ausländische Kinohits.

Jeder Schweizer Film, der die Marke erreicht, verdient Beachtung. Seit das Bundesamt für Statistik 1976 damit begann, Kinoeintritte zu zählen, ist das erst 40 Schweizer Filmen gelungen.

Als 41. ist nun «Der Goalie bin ig» dem Hunderttausenderklub beigetreten. Auch er darf jetzt als einer der erfolgreichsten helvetischen Kinoproduktionen aller Zeiten gewertet werden.

Was aber macht den Erfolg dieser Filme überhaupt aus? Beim Blick auf die Erfolgstabelle fällt auf, dass sie Gemeinsamkeiten haben. Anscheinend schaut das Schweizer Publikum bevorzugt bestimmte Filmtypen. Die erfolgreichsten Schweizer Filme lassen sich in folgende Gruppen einteilen:

> Die Buchverfilmungen Der schnellste Weg zum Erfolg führt oft über die einheimische Literatur. Das Schweizer Kino hat sich schon erfolgreich bei Friedrich Dürrenmatt («Die schwarze Spinne», 138 000 Zuschauer), Martin Suter («Giulias Verschwinden», 183 000) und Pascal Mercier («Nachtzug nach Lissabon», 188 000) bedient. «Der Goalie bin ig», nach dem gleichnamigen Mundartroman von Pedro Lenz, fällt auch in diese Kategorie. Am besten lief Michael Steiners Verfilmung des Jugendbuchklassikers «Mein Name ist Eugen», der 2005 über eine halbe Million Zuschauer ins Kino lockte. Der Vorteil der Buchvorlage ist klar: Weil der Stoff schon vielen Menschen bekannt ist, muss der Film die Zuschauer nicht bei null abholen.

> Die Geschichtsfilme Was ist verheissungsvoller, als wenn das Schweizer Kino geschichtliche Ereignisse aufarbeitet, die lange totgeschwiegen wurden? Regisseur Markus Imhoof warf 1981 in «Das Boot ist voll» (159 000) einen kritischen Blick auf die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs, Markus Imboden setzte sich in «Das Verdingbub» (247 000) mit dem unrühmlichen Phänomen der Verdingkinder auseinander. Die brisanten Kapitel aus der Schweizer Geschichte interessieren alle, denn sie stellen Fragen über unsere nationale Identität. Auch «Grounding» (371 000) über den Untergang der Swissair brachte erfolgreich einen staatlichen Schicksalsmoment auf die Leinwand.

> Die Bürokratenkomödien Die Schweizer sind ein Volk von Bürokraten. Freizeit kennen wir nicht, Arbeit ist alles, und in ihrer Ausübung geben wir uns oft verbohrt. Der ironische Umgang mit helvetischen Klischees ist ein Zuschauermagnet. Das Paradebeispiel heisst «Die Schweizermacher» (1978) von Rolf Lyssy und nimmt unsere Einbürgerungspraxis aufs Korn. Mit sagenhaften 940 000 Zuschauern ist er der erfolgreichste Schweizer Kinofilm aller Zeiten. «Ein Schweizer namens Nötzli» (351 000) handelt von einem Buchhalter, der nach einer Verwechslung die Karriereleiter emporschnellt, die «Die Herbstzeitlosen» (559 000) von einem Grosi, das im Dorf eine Lingerie-Boutique eröffnet. Beides sind Top-Ten-Komödien, in denen Bünzlitum auf Pioniergeist trifft. Wesensverwandt ist übrigens «Achtung, fertig, Charlie!», der sich über die spiessigen Strukturen in der Rekrutenschule lustig macht. Er ist mit 560 000 Zuschauern der zweiterfolgreichste Schweizer Film aller Zeiten.

> Die Landfilme Nicht zu verwechseln mit den Heimatfilmen, die in den Fünfzigern mit prächtigen Bergkulissen ein Heile-Welt-Idyll versprachen. Fredi M. Murers Meisterwerk «Höhenfeuer» (254 000) räumte 1985 mit diesem Kitsch auf. Das Drama um eine isolierte Bergbauerfamilie trägt Züge einer griechischen Tragödie und avancierte nicht nur in der Schweiz, sondern auch im fernen Japan zum Kinohit. Auch «Les petites fugues» von Yves Yersin (425 000) und «Brot und Steine» von Mark M. Rissi (161 000) eröffnen dem urbanen Kinogänger die Seele des Landmenschen.

> Die Nicht-Dokumentarfilme Als Sorgenkind des Schweizer Kinos gilt oft der (Deutschschweizer) Spielfilm. Viel lieber brüstet sich die Politik mit unseren hochgelobten Dokumentarfilmen, die an internationalen Festivals immer wieder für Furore sorgen. Doch der Blick auf die Erfolgstabelle offenbart Überraschendes: Unter den 41 Filmen im Hunderttausender-Club finden sich nicht mehr als vier Dokumentationen! «More Than Honey» (2012) von Markus Imhoof ist mit 255 000 verkauften Tickets der erfolgreichste von ihnen. Offenbar gilt: Dokumentarfilme gewinnen Preise, aber Spielfilme verkaufen Tickets.

> Die Nicht-Fortsetzungen Gibt es das ultimative Erfolgsrezept tatsächlich? Weitet man den Blick über Schweizer Filme hinaus auf die erfolgreichsten Kinofilme überhaupt, erkennt man, dass über die Hälfte der Spitzenplätze von Fortsetzungen ausgemacht werden. Ob «Harry Potter 2», «Lord of the Rings 3», «Ice Age 4» oder der neue James Bond, der nächste ist immer noch erfolgreicher als der letzte. Franchisebildung nennt Hollywood dieses attraktive Prinzip, das dem Zuschauer mit jedem Sequel einen tieferen Einblick in bereits bekannte Figuren und Welten bietet. Der Beweislage an den weltweiten Kinokassen zum Trotz sind Fortsetzungen bei uns eine Rarität. «Achtung, fertig, WK!» (175 000) ist das einzige Schweizer Sequel, das es auf über 100 000 Zuschauer gebracht hat.

FAZIT: Müsste jemand mal «Die Schweizermacher Reloaded» und «More Than Honey – The Resurrection» ins Auge fassen? Nein. Aber im Hinblick auf die Zuschauerzahlen könnte eine Franchisebildung durchaus interessant werden. Neben Kino- machen auch Fernsehserien vor, wie sich Zuschauer am effektivsten generieren lassen: in dem man sie über mehrere Teile bindet. Wenn es noch ein Spielfilm-Stoff wäre, der auf dem Land spielt, über eine kontroverse historische Person, dessen Aufbruchsgeist in lustiger Weise auf steife Tradition trifft – dann hätten wir vielleicht den idealen Schweizer Kinohit.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper