Von Anna Kardos

Die Haare lang, das Alter jung, das Geschlecht weiblich. Ihre Namen: Lara, Lisa oder Hazel. So stehen sie auf der Bühne. Während sich ihre Locken adrett ringeln, der Pferdschwanz fröhlich wippt, öffnen sie den Mund und – «bang! bang!» – heraus schwappt ein Schwall mit mehr Dräck als Chris von Rohr es sich seinen Lebtag hätte träumen lassen.

«Ich glaube, es fing an, als ich der Handarbeitslehrerin die Häkelnadel in den Augapfel rammte und sagte, sie solle mich gefälligst mit der Säge Totenkopf-Topfuntersetzer basteln lassen», erzählt Hazel Brugger im Slam «Über das Frausein» vom Moment, als sie anfing auszuscheren. Auszuscheren aus der Rolle, die man von einem Mädchen erwartet.

Damals schon habe sie bemerkt – fährt sie in Normalsprache fort – «wie schön das ist, wenn du etwas Seltsames sagst, und alle hören auf, zu machen, was sie gerade gemacht haben. Nicht, weil du etwas zerstört hast oder so, sondern nur, weil du etwas gesagt hast.»

Früher nämlich, da sollten Mädchen am liebsten still sein. Freundlich lächelnd, grazil, gepflegt. Und hätten sie ihre rosigen Lippen dennoch mal geöffnet, waren die herausschwebenden Worte sanft und poetisch wie des Frühlings blaues Band. Widmeten sie sich dem Schreiben, standen Tagebücher zur Verfügung, denen sie geheime Gefühle anvertrauen durften, ihre Gedanken wirkten in den blumigen Zeilen eines Gedichts am besten aufgehoben, ihre Impressionen im Tonfall hehrer Literatur. Und «früher», das war – bis gestern.

Doch dann verdunkelte sich der Frühlingshimmel über den weiblichen Texten, wurde tiefer, schwärzer, böser. Am Horizont tauchten die Poetry-Slammerinnen auf. Und sie waren gnadenlos, scharfzüngig, wortgewaltig. Denn wer slammt, hat die Lizenz zum Töten von Erwartungshaltungen – eine Lizenz, der Lara, Lisa und Hazel mit sichtlichem Genuss nachkommen.

«Wenn ihr mich nicht weiterkommen lasst, seid ihr nationalistische Sexistenschweine», spuckt Hazel Brugger die Worte aus wie kleine, böse Klumpen. Und übernimmt gleich auch den Part des Publikums: «Geil! Die Schweizerin hat uns fertiggemacht.» Lisa Christ mault wie ein ungezogenes Gör: «Ich will so fett werdeeeen, dass sich die Leute mit Hechtsprüngen aus der Badeanstalt verdrücken, weil sie meinen Anblick nicht ertraaagen könneeeen. Ich will stiiinken, ich habe Blähungeen.» Und Lara Stoll windet sich bei «Giaccobo/Müller» am Boden – nicht in anrüchigen Posen, sondern in der Rolle eines Thurgauer Spermiums.

Wer slammt, punktet statt mit weiblichen Reizen mit dem Kopf. Und bricht damit aus der Einbahnstrasse von Rollenmodellen aus, die für Frauen gelten. Bis heute. Genau besehen, gibt es da lediglich die zwei Pole «Heilige» oder «Hure», zwischen denen die weibliche Hälfte der Welt hin und her flottieren darf. Selbst wer prominente Provokateurinnen wie Miley Cyrus, Charlotte Roche oder E. L. James («Fifty Shades of Grey») als Gegenargument ins Feld führt, muss eingestehen: Sie scheren nicht aus. Sie provozieren bloss, indem sie sich nahe bei der Hure ansiedeln.

Anders die Poetry-Slammerinnen. Sie stellen zahlenmässig zwar nur rund einen Fünftel der Slam-Szene. Doch die härteste aller Wort-Kampf-Sportarten macht die jungen Frauen zu verbalen Kugelstosserinnen – und ihre Texte kratzig wie unrasierte Frauenbeine.

«Scheiss», «stinken» und «saufen» sind dabei nur die sprachlichen Warm-ups. Da werden frei nach Hitler Kochbücher geschrieben («Antisemitisch bei Tisch» oder «Mein Mampf»), die Selbstinszenierung der eigenen Hirnmasse zelebriert.

Weil: Im BoxRing des Poetry-Slam punktet man weder mit heissem Sex noch mit Attraktivität. Sondern mit vollem Gehirneinsatz, Sprachbeherrschung und Mut zur Drastik. Hier gilt: Brust rein, Bauch raus, Klappe auf. Kein Wunder haut die zierliche Lara Stoll mit ihrer Bühnenpräsenz Männer vom Format eines Bud Spencer um – wenn die sich nicht vorher abschleichen, erschüttert über das Gehörte.

Die amtierende Schweizer Meisterin Hazel Brugger kommentiert die Situation so: «Mindestens eines meiner X-Chromosomen scheint verkümmert.» Obs stimmt? Denn in einem Punkt sind Poetry-Slammerinnen überaus weiblich: Sie machen ihr Frausein zum Thema. Nicht mit übereinander geschlagenen Beinen, Highheels oder Wimpern-Klimpern. Dafür umso mehr in ihren Texten. Da ist auffallend oft von Geschlechterrollen, Mutterschaft, Sex sowie blonden Haaren die Rede.

Oder allem voran dem Denkvermögen der Frauen. Und weil slammende Frauenhirne parallel mit dem Einbüssen von Verführungskraft an intellektueller Potenz gewinnen, nehmen sich Poetry-Slammerinnen dem weiblichen Denkvermögen aus der Männerperspektive an. Etwa so: «Hätte Marie Curie nicht auf der höchst absurden Idee bestanden, ihr intellektuelles Potenzial auszuschöpfen, hätten wir heute keine Atombomben.»

Auch wer slammt, schöpft intellektuelles Potenzial aus. Insofern tummeln sich in der Poetry-Slam-Szene mittlerweile ein Dutzend Curie-Schwestern. Und obwohl es nicht gerade Atombomben sind, die bei ihren Auftritten fallen – für die eine oder andere markerschütternde Detonation ist durchaus gesorgt.

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