Von Anna Kardos

In den vergangenen Monaten sah die Kulturwelt ganz schön schwarz. Erst erhielt die Kenianerin Lupita Nyong’o den Oscar für die beste Nebenrolle – um vom «People»-Magazin auch noch zur «Schönsten Frau der Welt» gekürt zu werden. Dann erschien die viel beachtete Debüt-CD der südafrikanischen Sopranistin Pumeza Matshikiza. Und nun prangt das Porträt der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in den Feuilletons von New York bis Basel.

In Zöpfe geflochten, umschlingt ihr krauses Haar den Kopf. Ein haarfeines Statement. Denn: Kraus ist das schwärzeste aller Schwarz, wie man von Adichie erfährt: «Michelle Obama mit einem Afro wäre undenkbar. Auch ich habe mein Haar jahrelang strecken lassen, um der Norm zu entsprechen. Doch dann wurde ich älter – und ja, vielleicht hat es mit Selbstbewusstsein zu tun. Jedenfalls entdeckte ich, dass ich natürliches, krauses Haar schön finde.»

Auch in Adichies wunderbarem Roman «Americanah» dreht sich vieles um das haarige Thema. Noch mehr um die Liebe und vielleicht am meisten darum, schwarz zu sein und Afrikanerin. Ein «back to black» in Buchform? Keineswegs. 600 Seiten dick ist der Roman und er erzählt die Liebe zwischen Ifemelu und Obinze. In ihre Geschichte hinein verwebt Adichie Romanze und Revolution, Gesellschaftskritik und nigerianische Gewürznoten, und nicht zuletzt Geschichten, die dem Leser aussergewöhnliche Einblicke eröffnen. In das heutige Nigeria genauso wie in ein Amerika – betrachtet aus dem aussergewöhnlichen Blickwinkel einer gebildeten Afrikanerin.

Es ist auch der Blickwinkel, den Lupita Nyong’o, Pumeza Matshikiza und die Autorin selbst hatten, als sie zum Studium in die USA oder nach London zogen. Mit ihrem «British English» prallten sie auf den amerikanischen Kaugummiakzent und mit ihrem Selbstverständnis und Bildung auf eine Mauer aus Vorurteilen über Schwarze als Unterschicht. «Wenn ich mir bis dahin nicht bewusst war, dass ich schwarz bin, wurde ich es nun», meint Adichie lakonisch. Dass ein Auslandaufenthalt für Afrikanerinnen jedoch nicht nur mit latentem Rassismus einhergeht, sondern auch Sprungbrett-Qualitäten hat, empfindet sie als natürlichen Umstand: «Wie erfährt ein Verleger von einer Autorin wie mir? Indem ich in einer Zeitschrift in Iowa Kurzgeschichten veröffentliche. Er sieht meine E-Mail, schreibt mich an, die Dinge nehmen ihren Lauf. Wäre ich in Afrika, wüsste dieser Verleger nicht einmal, dass es mich gibt.»

Auch wenn diese erste Hürde genommen ist: Weshalb machen Künstlerinnen aus Adichies Heimatkontinent zurzeit so Furore? Die Autorin antwortet zurückhaltend: «Talentierte, kluge und ehrgeizige Afrikanerinnen gibt es seit Längerem. Doch von vielen nimmt man keine Notiz», erklärt sie. «Die Welt richtet ihr Augenmerk traditionell auf den männlichen Teil der Bevölkerung. Das ändert sich langsam. Ich hoffe, es ist eine Veränderung, die anhält.»

Bereits letzten Sommer standen die Zeichen dafür gut, als ein Roman der ghanesisch-nigerianischen Autorin Taiye Selasi als Geheimtipp des Jahres gehandelt wurde. «Ghana must go» heisst er im englischen Original. Dem deutschen Verlag war das zu bunt – oder besser gesagt «zu schwarz». Ghana im Titel wecke negative Assoziationen, befand er und taufte das Buch kurzerhand um in «Diese Dinge geschehen nicht einfach so».

Denn offenbar «geschehen genau diese Dinge einfach so», wenn es um Afrika geht. Zwar entwickelt sich dessen Wirtschaft stetig: Nairobi hat sich als Zentrum für App-Entwicklungen etabliert – ein «Silicon Savannah», in «Nollywood» boomt die nigerianische Filmproduktion, längst existiert eine urbane Mittelschicht. Doch Journalisten bezeichnen den Erdteil noch immer pauschalpathetisch als «krisengeschüttelten Kontinent». Und in den Medien figuriert Afrika vorwiegend als Kulisse für Bürgerkriege, Öl-Pipelines, Hungersnöte oder für islamisch-christliche Konflikte.

Selbst der Höhenflug afrikanischer Künstlerinnen kommt nicht aus ohne die konsumentenfreundlich klischierte Misere der Schwarzen im Schlepptau. So mimte Nyong’o in ihrer Oscar-gekrönten Rolle eine schwarze Sklavin, Matshikizas CD heisst «Voice of Hope», und sogar Adichies Roman handelt über weite Strecken von Rassismus heute. Darauf angesprochen, schüttelt die Autorin allerdings vehement den Kopf: «Ich fühle mich nicht eingeschränkt auf schwarze Themen. Ich bin schwarz. Ich bin Afrikanerin. Was liegt also näher, als über Schwarze und Afrika zu schreiben? Wenn ein weisser New Yorker über Weisse in New York schreibt, wirft man ihm das auch nicht vor.»

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